Lage der ukrainischen Landwirtschaft “schlecht bis katastrophal”

Die Logistik für die Lieferung von Lebensmitteln ist an vielen Stellen zusammengebrochen, sagt Alex Lissitsa im Interview mit EURACTIV Deutschland. [Shutterstock]

Angesichts des russischen Kriegs stehen die landwirtschaftlichen Betriebe in der Ukraine vor enormen Schwierigkeiten: In weiten Teilen des Landes können Felder nicht bestellt weren, Nutztiere stehen teils vor dem Hungertod. Die Logistik für die Lieferung von Lebensmitteln ist an vielen Stellen zusammengebrochen, sagt Alex Lissitsa im Interview mit EURACTIV Deutschland.

Alex Lissitsa ist CEO eines großen Agrarunternehmens in der Ukraine mit Betrieben und landwirtschaftlichen Flächen in drei Regionen des Landes sowie Präsident des Ukrainian Agribusiness Club. Lissitsa hält sich in der Ukraine auf und ist seit Beginn des Krieges daran beteiligt, die Verteilung wichtiger Lebensmittelgüter im Land zu organisieren.

Wie erleben Sie aktuell die Situation für die Landwirtschaft in der Ukraine – inwieweit ist es überhaupt noch möglich, den Betrieb auf den Höfen aufrechtzuerhalten?

Die Ukraine ist ein großes landwirtschaftliches Land. Wir haben unterschiedliche Klimazonen, unterschiedliche Konditionen und über 30 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Insofern ist natürlich gerade die Zeit, wo die Landwirte säen beziehungsweise säen sollten. (…)

Allerdings sind das momentan ziemlich düster aus für viele Regionen, inklusive der Südukraine, wo momentan auch die Gebiete beziehungsweise die Felder und Städte zum Teil okkupiert sind von der russischen Armee. Das gleiche gilt aber für den Osten des Landes. Auch nördliche Provinzen oder Gebiete der Ukraine, wie Chernihiv, Sumy, Zhytomyr oder teilweise Kyjiwer Gebiet sind entweder okkupiert oder es wird dort gekämpft, da hat man auch keine Chance, aufs Feld zu gehen.

Insofern liegen die Probleme auch unterschiedlich, je nach Region, je nach Situation. So richtig an landwirtschaftliche Tätigkeit können nur die Betriebe im Westen des Landes denken. Aber auch da hat man natürlich gewisse Probleme, weil die Verfügbarkeit von bestimmten Inputs, insbesondere Treibstoff, aber auch Pflanzenschutzmitteln, begrenzt ist.

Das gleiche gilt auch für das sogenannte Human Capital. Die Mitarbeiter der Betriebe werden mobilisiert für die Armee oder die Streitkräfte. Letzte Woche gab es ja eine Initiative des Landwirtschaftsministeriums der Ukraine, bestimmte Fachkräfte, die unbedingt in der Landwirtschaft eingesetzt werden müssen, freizustellen von der Mobilisierung. Das bewegt sich auch, aber es sind zehntausende Mitarbeiter, die dann durch bestimmte Prozeduren freigestellt werden sollen. Und das dauert ein bisschen. Bei mir auf dem Betrieb sind vorgestern 20 Mitarbeiter mobilisiert worden, gerade diejenigen, die aufs Feld gehen sollten.

Insofern ist die Lage schlecht bis katastrophal.

Gerade beginnt die Saison der Frühjahrsaussaat – wie schätzen Sie die Folgen dessen ein, dass hier nun wohl ein großer Teil einer gesamten Saison für die Ukraine wegbrechen wird? 

Innerhalb der Ukraine wird aufgrund des Klimas sowohl Winter- als auch Sommergetreide angebaut. Was die knapp acht Millionen Hektar Wintergetreide (…), die bereits im Herbst ausgesät wurden, angeht, ist genau jetzt die Zeit, die Felder zu düngen. Da stellt sich die Frage, ob man das nun darf und kann. Man weiß ja nicht, wie lange der Krieg dauert, und was mit dem Getreide geschieht, wenn in drei Monaten die Ernte kommt. (…)

Die andere Sache ist natürlich das Sommergetreide inklusive Sommerkulturen wie Sonnenblumen. Hier ist gerade die Zeit, den Boden vorzubereiten und dann in drei bis sechs Wochen auszusäen. Da hat man natürlich auch Angst, aufs Feld zu gehen, und ich gehe davon aus, dass wahrscheinlich nur die Westukraine bereit wäre, angesichts der Lage tatsächlich in vollem Umfang die Arbeit leisten zu können. Das wären dann 30 bis 50 Prozent der Gesamtfläche dessen, was eigentlich ausgesät werden soll. Insofern bekommen wir natürlich auch beim Sommergetreide, speziell beim Mais, wo die Ukraine weltweit Nummer 3 ist, nicht die Ergebnisse, die wir brauchen.

Die Auswirkungen auf den globalen Markt werden also gravierend sein. Das gilt fürs Wintergetreide, speziell Weizen, wo gerade die ärmsten Länder der Welt getroffen werden, insbesondere Importländer für ukrainischen Weizen wie Pakistan, Bangladesh, Ägypten und so weiter. Das gilt aber auch für Mais: Die Ukraine liefert auf dem Weltmarkt eine enorme Menge an Nicht-GMO-Mais [nicht gentechnisch veränderter Mais] und das ist natürlich schwierig zu ersetzen. Allein die EU importiert jedes Jahr knapp acht Millionen Tonnen Mais aus der Ukraine – über 48 Prozent des Gesamtimports. (…)

Wie soll das alles ersetzt werden? Da stellen sich viele Fragen, auf die es leider keine Antwort gibt.

Wie sieht es mit der Lebensmittelversorgung innerhalb der Ukraine aus? Der Agrarminister hat sich ja relativ optimistisch geäußert dahingehend, dass man wohl noch Getreidevorräte für ein Jahr oder zwei hat. Machen Sie sich Sorgen, dass in der Ukraine die Lebensmittel knapp werden könnten durch den Krieg?

Naja – das hat mit der Knappheit insgesamt wahrscheinlich nichts zu tun. Das Problem liegt woanders. Wir haben tatsächlich etliche Reserven, auch als Silo, an Weizen, Mais, Pflanzenöl und so weiter, aber auch Zucker, wo man sagt: Okay, wir haben genug für die nächsten Jahre.

Das Problem ist aber: Wo liegen die Reserven? Kann man die überhaupt irgendwie transportieren? Wie funktioniert die Logistik? Und da stellt sich natürlich die Frage, wie kann man zum Beispiel von Lwiw im Westen des Landes nach Charkiw transportieren, welche Städte leiden jetzt momentan? Und da stellen wir leider fest: In den Städten, die am meisten leiden, wie Mariupol, Charkiw, Zaporizhzhia oder Chernihiv, meine Heimatstadt, da fehlen die Nahrungsmittel, da gibt es leider nichts mehr.

Gleichzeitig müssen wir darauf schauen, welche Nahrungsmittel genau fehlen. Ich helfe der ukrainischen Regierung aus bei der Verwaltung der humanitären Hilfen aus der EU. So sehe ich beispielsweise die Listen der Stadtverwaltung in Chernihiv und sehe: Sie brauchen Fleisch- und Fischkonserven. Und dann schaut man in der Ukraine: Haben wir davon genug? Nein, haben wir nicht, weil die ganze Logistik zusammengebrochen ist. (…)

Das heißt: Wenn man sich die Agrarrohstoffe anschaut, sieht es eigentlich ziemlich gut aus und die Ukraine wird das wahrscheinlich auch überstehen, aber wenn man in die Details schaut – was genau fehlt, wo es genau fehlt-, dann haben wir Riesenprobleme. Insofern ist die humanitäre Hilfe, die aus verschiedenen Ländern kommt, schon wichtig und für viele Städte und Teile der Bevölkerung essentiell. 

Welche Hilfsgüter benötigen Sie jetzt am dringendsten, sowohl was die humanitäre Hilfe bei der Lebensmittelversorgung angeht, als auch eventuell Betriebsmittel für die Landwirtschaft? Bekommen Sie von Deutschland und der EU, was Sie brauchen?

Das sind natürlich zwei verschiedene Aspekte: Einerseits die humanitäre Hilfe, die kommt auch aus Deutschland und da bin ich der deutschen Bundesregierung sehr dankbar für ihre absolut unbürokratische Hilfe. Der Bundeslandwirtschaftsminister hat sich selber eingeschaltet, um dabei zu helfen, dass etliche Waren hier ankommen. Da wurde mit den ukrainischen Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerien sehr transparent abgesprochen, welche Waren genau gebraucht werden und diese sind in der Ukraine auch in den Osten des Landes geliefert worden. Alle möglichen Handelsketten in Deutschland waren einfach bereit, spontan zu helfen – es ist wirklich erstaunlich. Das gleiche gilt auch für die österreichischen Kollegen, aber auch andere Länder wie Belgien. (…)

Die Betriebsmittel sind eine andere Sache. Natürlich bräuchten die ukrainischen Landwirte auch Hilfe von der EU oder Deutschland, was Treibstoff und andere Dinge angeht. Aber wir müssen uns auch der Realität stellen und sehen: Treibstoff fehlt jetzt überall auf dem Weltmarkt und die Preise sind hoch. Dazu kommt noch: Die Ukraine ist im Krieg – wie soll da die Logistik funktionieren, wie sollen Tanker nach Odessa oder nach Mykolajiw kommen? Diese Fragen muss man sich stellen, bevor man hier um Hilfslieferungen bittet. (…)

Hier vor Ort haben wir ein Büro eingerichtet, um zu ermöglichen, dass Landwirte untereinander unbürokratisch Dinge austauschen können. Ich zum Beispiel habe an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln bereits alles vorbestellt und bezahlt. Aber wenn ich das jetzt nicht einsetzen kann, weil meine Betriebe komplett zerbombt sind, dann brauche ich das nicht und kann es an jemand anderen liefern lassen. Auf diese Weise können wir das denke ich schneller erledigen, als wenn wir Anfragen an die EU stellen, denn wir haben keine Zeit. (…)

Wie gestaltet sich die Situation in der Tierhaltung: Können die Tiere versorgt werden, gibt es genügend Futtermittel?

Das kommt auf die Region an. In meiner Region, Chernihiv, ist das eine totale Katastrophe. Ich habe dort einen Milchviehbetrieb mit knapp eintausend Kühen. Da kann man nur Horrorgeschichten erzählen. Praktisch an den ersten beiden Tagen [des Krieges] sind die Betriebe und Dörfer von Russen besetzt worden. Am Anfang waren die Russen noch einigermaßen freundlich, dann wurden sie immer brutaler.

Das heißt auf brutale Art und Weise wurden viele Mitarbeiter eingeschüchtert oder zum Teil auch ermordet. Das heißt die Milchkühe – 1000 Milchkühe – stehen seit zwei Wochen ohne Futterzulieferungen da, seit drei Tagen gibt es keine veterinärmedizinische Versorgung mehr. Als Futter nutzen die Kollegen übergangsweise Silage, was vielleicht noch für ein paar Wochen reicht. Aber danach müsste auch das zugeliefert werden. An produktive Milchkühe ist also gar nicht mehr zu denken, aber es geht darum, dass die Tiere mindestens überleben.

So habe ich vorgestern Nacht mit einem Nachbarn von mir abgesprochen, dass er irgendwie durch irgendwelche Wälder zwei Tonnen Diesel reinschmuggelt in das andere Dorf, damit der Generator funktioniert und die Kühe mindestens gemolken werden können. Ein anderer Kumpel von mir erzählte mir die Geschichte, dass auf seinen Betrieb mit 3000 Milchkühen eine Bombe genau gezielt auf die Farm gefallen ist. Die Kühe laufen jetzt bei Minustemperaturen durch die Felder, da kann man auch nichts mehr machen.

Ja, das sind Horrorgeschichten und das ist wirklich mit Worten nicht mehr so richtig zu beschreiben.

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