IFAD: Europas Ernährungssouveränität ist Afrikas Chance für mehr Eigenproduktion

Der Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), Gilbert F. Houngbo, am Sitz des IFAD in Rom, Italien. [EPA-EFE/DI MEO]

Europas Bestreben, die übermäßige Abhängigkeit von der Nahrungsmittelproduktion in Drittländern zu verringern sei als Folge der Corona-Krise unvermeidlich. Es könnte sich jedoch als nützlich erweisen, um den afrikanischen Binnenhandel zu fördern, so der Präsident des in Rom ansässigen Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) der UN.

Gilbert F. Houngbo ist der Präsident des Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) und ehemaliger Premierminister von Togo.

Er sprach mit EURACTIVs Agrar- und Lebensmittelredakteur Gerardo Fortuna.

Die Regierungschef:innen Europas und Afrikas kommen diese Woche (17./18. Februar) in Brüssel zusammen, um ihre Partnerschaft neu zu begründen. Welche Rolle könnte die Landwirtschaft bei diesen Gesprächen spielen?

Generell ist es an der Zeit, dass diese beiden wirtschaftlichen und politischen Gruppen eine Bestandsaufnahme machen und ihre Partnerschaft angesichts zahlreicher anstehender Fragen – von den Zielen der nachhaltigen Entwicklung im Allgemeinen bis hin zum Klimawandel und zur Wirtschaftsmigration, nicht zu vergessen die Lage in der Sahelzone und die Pandemie – wieder in Schwung bringen.

Was die Landwirtschaft betrifft, so wissen wir, dass dieser Sektor rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der afrikanischen Länder erwirtschaftet, während zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung in ländlichen Gebieten leben. Auch in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara sind mehr als 50 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt.

Gleichzeitig treten jedes Jahr 12 Millionen junge Menschen in den afrikanischen Arbeitsmarkt ein. Der Landwirtschaftssektor ist eindeutig eine wichtige Möglichkeit, um Arbeitsplätze für diese jungen Menschen zu schaffen. Und ich möchte insbesondere die Rolle der Kleinbäuer:innen hervorheben, die sozusagen für bis zu 70 Prozent der „Kalorienzufuhr“ Afrikas verantwortlich sind, nämlich für 70 Prozent der Produktion.

Hat die Corona-Krise die Situation für diese Menschen verschlimmert?

Leider sind nach Schätzungen der Weltbank rund 100 Millionen Menschen nach der Pandemie wieder unter die Grenze der extremen Armut gefallen. Davon befinden sich 30 Millionen Menschen in Afrika, wo die meisten Länder nach wie vor über ein niedriges oder mittleres Einkommen verfügen.

Bei unseren Aktivitäten vor Ort können wir auch feststellen, dass einige Hersteller:innen aufgrund der wirtschaftlichen Notlage damit begonnen haben, ihre Produktionsmittel zu verkaufen. Das bedeutet, dass sie nicht einmal die Ausrüstung haben, um ihre Produktion fortzusetzen. Und das macht die Situation noch schlimmer.

Was kann getan werden, um dieses Szenario umzukehren?

Ich glaube, dass der Zugang zu Technologien eine Rolle bei der Bewältigung der Corona-Krise spielen kann. Wir müssen nicht nur unsere Investitionen in die Widerstandsfähigkeit erhöhen, sondern auch in Technologien auf einer anderen Ebene: nicht nur in Technologien, die uns helfen, die Produktivität aus Sicht der Personalproduktivität in den Betrieben zu verbessern, sondern auch im Hinblick auf die Gesamtproduktivität.

Afrika importiert jährlich Lebensmittel im Wert von 70 Milliarden US Dollar [61,5 Milliarden Euro]. Wenn also das gesamte Transportsystem zum Erliegen kommt, sind wir auf die heimische Produktion angewiesen. Aber unsere heimische Produktion kann diesen Bedarf nicht decken, wenn sie nicht wettbewerbsfähig ist und wenn die Produktivität nicht verbessert wird, insbesondere durch den Einsatz von Technologien. Aus diesem Grund arbeiten wir beim IFAD mit der Afrikanischen Entwicklungsbank zusammen, um Technologie zu den kleinen Hersteller:innen in den ländlichen Gebieten zu bringen.

Sie haben erwähnt, dass der Schwerpunkt auf der heimischen Produktion liegt. Auch die EU drängt auf das Konzept der Ernährungssouveränität, um Störungen zu vermeiden, die durch eine übermäßige Abhängigkeit von anderen Ländern verursacht werden.

Dieser Grundsatz der Ernährungssouveränität muss mit der Realität in Einklang gebracht werden: Wir werden nicht in einer Welt leben, in der jedes Land nur auf sich selbst zählen und vertrauen kann. Wir müssen den Multilateralismus aufrechterhalten und uns weiterhin für eine bessere Globalisierung einsetzen, denn die Welt wird weiterhin miteinander verbunden und teilweise von anderen abhängig sein.

Meines Erachtens ist Ernährungssouveränität ein relativer Begriff. Denn Europa ist nicht in der Lage, all das zu produzieren, was es braucht, so wie auch Afrika nicht in der Lage sein wird, alles zu produzieren, was es braucht. Es ist jedoch wichtig, diese Abhängigkeit von außen zu minimieren, zumindest für Afrika.

Aber könnte es ein Problem für Afrika sein, wenn Europa beschließt, sich mehr auf seine Ernährungssouveränität zu verlassen?

Ich mache mir keine Sorgen darüber, dass Europa in Bezug auf die Lebensmittelproduktion völlig souverän ist. Ja, es könnte zu einem Rückgang der Importe aus Afrika führen, und das kann sich auf das Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und den AKP-Staaten [Afrika, Karibik und Pazifik] auswirken.

Aber wenn Afrika im Rahmen seines kontinentalen Freihandelsabkommens dasselbe mit seinem eigenen kontinentalen Markt tun kann, ist das eine riesige Chance für den Kontinent und das Wachstum der Landwirtschaft. Diese Chance macht mich weniger besorgt über die Unabhängigkeit, auf die Europa drängt. Dieser Vorstoß ist meines Erachtens unvermeidlich, wenn man sich die Folgen ansieht, die wir im ersten Monat der Coronapandemie gesehen haben.

Aber ich möchte Afrika ermutigen, auch in diese Richtung zu gehen, indem es die Produktion so steigert, dass sie genutzt werden kann und nicht nur der eigenen Nachfrage im Hinblick auf die Ernährungssicherheit entspricht. Afrika muss dies als Chance für die Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen für junge Menschen sehen. Wenn man das derzeitige Defizit in Bezug auf Angebot und Nachfrage sieht, könnte dies auch eine Gelegenheit sein, den Handel innerhalb des Kontinents zu steigern.

Neben der Pandemie ist auch der Klimawandel zu bewältigen.

Der Klimawandel wirkt sich bereits jetzt auf die Hersteller:innen aus, und sie müssen sich jetzt anpassen. Klimaschutz ist wichtig, es ist die langfristige Lösung. Aber auch die Anpassung ist eine Priorität, und ehrlich gesagt, wenn weniger als 2 Prozent der Gesamtinvestitionen in den Klimaschutz in die Anpassung von Kleinbäuer:innen fließen, bin ich sehr besorgt, dass wir den Rückstand weiter vergrößern könnten.

Apropos Investitionen: Wie sieht die Zukunft der Entwicklungshilfe und der internationalen Zusammenarbeit aus?

Ich glaube, dass zwischen den Zeilen dieser Frage die Frage der Wirksamkeit von Entwicklungshilfen steht. Ich stimme zu, dass wir diese Debatte führen müssen. Ich gehöre zu denjenigen, die glauben, dass Entwicklungshilfen nur ein Linderungsmittel sind und Afrika nicht aus der Armut führen werden. Wir Afrikaner:innen müssen es selbst schaffen, indem wir Wohlstand schaffen und unsere Ressourcen besser verwalten. Nur dies wird zu einem dauerhaften Ergebnis führen.

Aber die Entwicklungshilfe ist und bleibt ein wichtiges Hilfsmittel. Es ist wichtig, dass wir uns nach 60 Jahren Unabhängigkeit in den meisten afrikanischen Ländern ansehen, was in der internationalen Hilfsarbeit funktioniert hat und was nicht.

Was hat nicht funktioniert und wer ist Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich?

Ich persönlich glaube, dass die Verantwortung auf beiden Seiten liegt. Wir Afrikaner:innen tragen Verantwortung für eine gute Regierungsführung, die Maximierung der Steuereinnahmen, die Bekämpfung von Korruption und die bessere Nutzung unserer Ressourcen. Auf der anderen Seite denke ich, dass auch die internationalen Unterstützer:innen ihren Verpflichtungen nachkommen müssen. Ich rufe nicht zu mehr Engagement auf, sondern dazu, dass das bestehende Engagement auch umgesetzt wird.

Wir werden nicht zum Gipfel nach Brüssel fahren, nur um wieder einmal eine Verpflichtung nach der anderen einzugehen. Wir brauchen konkrete Maßnahmen, und ich kann es nicht oft genug wiederholen: Wir müssen uns daran erinnern, dass diejenigen, die wirklich leiden und die unter der Armutsgrenze leben, die Menschen auf dem Land sind. Achtzig Prozent der ärmsten Menschen der Welt leben in ländlichen Gebieten.

Es ist auch wichtig, dass die Menschen im ländlichen Raum ihre eigene Zukunft mitbestimmen und sich an der Definition und Konzeption der von ihnen gewünschten Zukunft beteiligen können. Das ist wichtig, und wir sollten keinen Top-Down-Ansatz verfolgen. Es wird wichtig sein, dass wir den ländlichen Gemeinden zuhören.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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