Europäischer Bauernverband: Was kann, was soll die europäische Agrarpolitik?

Die Digitalisierung der Landwirtschaft verspricht Bauern höhere Erträge, heißt es. Doch was sagen die Landwirte selbst dazu? [Nolanberg11 / Shutterstock]

COPA-Chef Martin Marrlid gibt im Interview mit EURACTIV Brüssel eine Bestandsaufnahme über die GAP, den Agrar-Handel und die Digitalisierung in der Landwirtschaft

Martin Merrild ist Präsident des europäischen Bauernverbandes COPA.

EURACTIV: Wie kann die EU sicherstellen, dass ihr Digitalisierungsvorstoß in der Landwirtschaft für alle Bauern nach 2020 bezahlbar bleibt?

Martin Marrlid: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) kann nicht garantieren, dass ihre Maßnahmen für alle Landwirte in allen Ländern nützlich und erschwinglich sein werden. Das sollte eher auf nationaler Ebene sichergestellt werden. Hierfür muss die GAP einen rechtlichen Rahmen bieten. Dieser sollte die Regierungen dazu verpflichten, sich [an die Digitalisierung der Landwirtschaft] anzupassen und diese für alle Bauern zugänglich zu machen.

Es gibt noch immer erhebliche Herausforderungen wie den Breitbandausbau und Qualifizierungsmaßnahmen für Landwirte im Bereich Digitalisierung.

Am wichtigsten ist die Breitbandinfrastruktur, denn alle Landwirte sollten eine Internetverbindung haben. Für ihre alltägliche Arbeit ist es unabdingbar, die Anlagen und alle technologischen Geräte zu verbinden.

Was die Qualifizierungsmaßnahmen angeht, sollte die kommende GAP bessere Chancen bereitstellen als die aktuelle. Meiner Meinung nach arbeiten die nationalen Regierungen bereits daran und entwickeln Programme zur digitalen Ausbildung von Landwirten. Sie unterstützen sie dabei, in neue digitale Geräte zu investieren.

Wie sieht Ihre Vision für die neue GAP ganz allgemein aus?

Wie ich bereits gesagt habe, sollte sie das Einkommen der Landwirte stützen und vor allem stabilisieren. Ich denke, die neue GAP muss vor allem sicherstellen, dass europäische Bauern weltweit wettbewerbsfähig bleiben. Besonders wichtig ist in meinen Augen eine Debatte über das Verhältnis der Erwartungen der EU-Politiker einerseits, die eine liberale Landwirtschaftspolitik in Europa wollen, und der Notwendigkeit andererseits, mit den Weltmarktpreisen zu arbeiten.

Gleichzeitig ist es oft zu schwierig und kostenaufwändig, der Bürokratie der GAP-Greening-Maßnahmen gerecht zu werden. Über dieses Dilemma müssen wir sprechen. Wir können nicht mit dem Rest der Welt konkurrieren, wenn wir noch dazu diese bürokratische, wirtschaftliche Last schultern müssen.

Die nächste GAP sollte also weniger kompliziert sein.

Wir brauchen eine Vereinfachung. Die neue GAP sollte simpler sein. Ich diskutiere sehr häufig mit Landwirten und das ist immer ihr Hauptanliegen. Die GAP muss verständlicher werden und dafür sorgen, dass alle beruhigt schlafen können.

Die Greening-Maßnahmen haben die aktuelle GAP verkompliziert. Glauben Sie nicht, dass die Einführung eines digitalen Blickwinkels das Ganze noch komplexer machen wird?

In unserer Gesellschaft gibt es in der Tat einige Beispiele dafür, dass neue digitale Technologien zu mehr Bürokratie führen. Das müssen wir in der Landwirtschaftspolitik natürlich verhindern.

Wir sollten digitale Technologien nicht nutzen, um neue Kontrollmechanismen für Landwirte zu entwickeln, die ihnen das Leben zusätzlich erschweren. Stattdessen sollten wir mit ihrer Hilfe die Produktivität einzelner Agrarbetriebe verbessern.

Wie soll eine digitale Landwirtschaft finanziert werden? Manche Akteure glauben, dass hierfür sowohl die Direktzahlungen als auch die Fördergelder für die ländliche Entwicklung genutzt werden sollten.

Wir sollten die digitalisierte Präzisionslandschaft mithilfe der Säule der ländlichen Entwicklung unterstützen. Ich denke, unsere Gespräche über Präzisionsanbau kommen viel zu spät, ebenso wie die Förderung jener Landwirte, die sich in diese neuen Gefilde wagen. Denn unsere Konkurrenz aus Nordamerika steht schon seit vielen Jahren hinter der Präzisionslandwirtschaft.

Wo sollen die Mittel angesichts der Wirtschaftsflaute herkommen?

Die EU muss neue Gelder auftreiben, denn diese digitalen Technologien werden sowohl dem Agrarsektor als auch der gesamten europäischen Gesellschaft dabei helfen, einen Schritt nach vorn zu machen. Ich bin überzeugt, dass nicht nur Landwirte und Menschen in ländlichen Gegenden davon profitieren würden, sondern auch die EU als Ganzes. Immerhin wird so die Produktivität gesteigert.

Glauben Sie, die Handelsgespräche zwischen der EU und den Drittstaaten gehen in die richtige Richtung?

Es ist sehr schwierig, die Handelsgespräche in wenigen Sätzen zu erklären. Wir sprechen hier schließlich von Kanada, Japan, Indonesien, Mexiko, Vietnam und den USA. Man sollte nicht vergessen, dass die EU Nettoexporteur von Agrarprodukten ist. Wir sind darauf angewiesen, weltweit Zugang zu den Märkten zu haben. Daher sollten wir den Kurs der Europäischen Kommission unterstützen, neue Märkte zu erschließen.

Außerdem müssen wir bei der Debatte über internationalen Handel bedenken, dass er zwar frei, aber dennoch fair sein muss. Das heißt, wir brauchen gleiche Wettbewerbsbedingungen. Wir wissen, dass es gewisse Produkte gibt, mit denen wir nicht konkurrieren können. Daher sind bei diesen Erzeugnissen Einschränkungen erforderlich. Genau darum geht es bei Handelsgesprächen. Es geht um die Frage: Wie kann man verstärkt und fair miteinander handeln?

Sie unterstützen also den Kurs der Kommission, den Handel zu stärken. Gleichzeitig gibt es jedoch noch immer das Russland-Embargo, das den Agrarexporten der EU schwer geschadet hat.

Das russische Embargo hat gezeigt, wie gefährlich es für einzelne Landwirte sein kann, wenn Handel mit Politik vermischt wird. Politiker haben in diesem Falle Entscheidungen getroffen, die Russland dazu gezwungen haben, das Verbot einzuführen. Sowohl die EU als auch Moskau waren an der Entscheidung beteiligt und der russische Markt wurde dicht gemacht. Wer musste letzten Endes die dafür Zeche zahlen? Die Landwirte. Handelsabkommen sollten vom politischen Tagesgeschäft getrennt werden.

Die Herausforderungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik für den Zeitraum 2014-2020 ist mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Doch sie könnte den Landwirten in der EU auch helfen, einen Schritt vorwärts zu kommen und ihre Wettbewerbsfähigkeit weltweit zu steigern.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.