GAP 2020: EU-Staaten sind verantwortlich für Innovationen, nicht Brüssel

EU-Landwirtschaftskommissar Phil Hogan. [Shutterstock]

This article is part of our special report Die E-Modernisierung der GAP.

Es werden die Mitgliedsstaaten und nicht die EU-Kommission sein, die am Ende entscheiden, wie die direkte Unterstützung und Finanzierung von Innovationen und Digitalisierung in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020 aussehen wird, betont Phil Hogan im Interview mit EURACTIV Rumänien.

Phil Hogan ist EU-Kommissar für Landwirtschaft. Er sprach mit Bogdan Neagu von EURACTIV Rumänien.

EURACTIV: Die europäischen Bauern fürchten, dass die EU in Bezug auf Innovationen in der Landwirtschaft hinterherhinkt. Wie sehen die Pläne der Kommission aus, um sich diesem Thema anzunehmen?

Phil Hogan: Die EU ist einer der weltweit führenden Akteure bei Innovationen in der Landwirtschaft, und nirgendwo auf der Welt finden Sie eine produktivere und wissensintensivere Landwirtschaft. Vergleichen Sie einfach einmal die Erträge pro Hektar oder pro Tier. Die Herausforderung besteht darin, Innovationen auf die einzelnen Betriebe zu übertragen. Und wir stellen uns dieser Herausforderung vor allem mit der Europäischen Innovationspartnerschaft, die ein wesentlicher Bestandteil der GAP ist.

Der Vorschlag der Kommission für die neue GAP [nach 2020] stellt Innovation und insbesondere die Digitalisierung in den Mittelpunkt. Jeder Mitgliedstaat muss erklären, was er zu tun gedenkt, um die Nutzung landwirtschaftlicher Beratungsangebote zu fördern sowie die Verbreitung von Innovationen und die Digitalisierung zu verbessern. Man denke da beispielsweise an Präzisionslandwirtschaft und Satellitennutzung.

Um das Engagement der Kommission für mehr Innovation zu unterstreichen, wollen wir das Budget für die Agrarforschung auf 10 Milliarden Euro erhöhen. Davon wird ein Großteil in den Bereich der digitalisierten Landwirtschaft investiert werden.

GAP: Hogan verspricht weniger Bürokratie, effektive Unterstützung und technologische Durchbrüche

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU werde nach 2020 weniger bürokratisch und stärker auf „technologische Durchbrüche“ ausgerichtet sein, so Kommissar Phil Hogan.

Aktuell plant die EU, die Vorschriften für Pestizide weiter zu verschärfen. Und durch ein neues Urteil des EuGH über Genmanipulation könnte auch das Züchten von Pflanzen komplizierter werden. Wie können europäische Bauern unter solchen Voraussetzungen mit der Konkurrenz, zum Beispiel aus den USA, mithalten? Wie können die EU-Gelder dazu beitragen, dass die Produktivität und Innovation im Landwirtschaftssektor erhöht wird?

Der deutliche Anstieg des Gesamtwertes der EU-Lebensmittelexporte zeigt, dass die europäischen Landwirte wettbewerbsfähig sind. Aber es stimmt natürlich, dass sie in einem sehr wettbewerbsorientierten Umfeld agieren. Deswegen müssen große Anstrengungen unternommen werden, um sicherzustellen, dass die Landwirte auch wettbewerbsfähig bleiben. Und das gilt nicht nur im Vergleich zu den amerikanischen Farmern.

Gerade deshalb investieren wir so viel in Innovation und Forschung und bemühen uns darum, dass die Vorzüge dieser Innovationen auch wirklich vom Labor auf den einzelnen Landwirtschaftsbetrieb übertragen werden können.

Die Digitalisierung wird die Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht verändern: Bessere Nutzung von Betriebsmitteln wie Düngemitteln, autonomen Maschinen (Roboter und fahrerlose Traktoren), Veränderungen in der Lieferkette (zum Beispiel über Direktverkäufe) usw…

In der neuen GAP werden die Mitgliedstaaten geeignete Förderprogramme zu neuen Möglichkeiten wie Digitalisierung ausarbeiten. Sie sind dafür verantwortlich. Es wird also beispielsweise Rumänien sein – und nicht Brüssel – das über das weitere Vorgehen entscheidet.

Das vorgeschlagene Gesamtbudget für die kommende GAP soll allerdings niedriger ausfallen als im jetzigen Finanzrahmen. Wie sieht es im Bereich der neuen Technologien aus? Werden landwirtschaftliche Innovationen im kommenden mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) mit mehr Mitteln bedacht als aktuell der Fall ist?

Der neue MFR spiegelt wider, dass wir uns in einem sehr herausfordernden Kontext bewegen: Der Brexit steht an, und die Mitgliedstaaten fordern eine Reihe neuer Prioritäten. Unter diesen Umständen betrachte ich das Ergebnis der GAP-Vorschläge als angemessen. Und es ist ein Ergebnis, das ein starkes Bekenntnis zur Unterstützung des Agrarsektors in der gesamten EU widerspiegelt.

Meine Priorität bestand darin, die Direktzahlungen, die eine notwendige Unterstützung für das Einkommen der Landwirte darstellen, so weit wie möglich zu sichern. Da die Ziele der GAP nach 2020 Vereinfachung und Modernisierung sind, werden den Innovationen eine herausragende Stellung eingeräumt. Denn Investitionen in Wissen und Innovation sichern die langfristige Produktivität.

Daher ist es durchaus sinnvoll, die Förderung auf Innovation zu fokussieren. Nochmals: Man muss aber bedenken, dass es im Rahmen der GAP die Mitgliedstaaten sind, die die genaue Art der Unterstützung und damit auch die Finanzierung steuern. Die Kommission hat ihrerseits ein erheblich aufgestocktes Budget von 10 Milliarden Euro für die Agrarforschung vorgeschlagen. Ziel dieser Forschung muss es natürlich sein, praktisches Wissen zu erlangen, das die Landwirte dann vor Ort nutzen können.

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„Smart Farming“ scheint also die von der Kommission angestrebte Zukunft für die europäische Landwirtschaft zu sein. Die Landwirte bemängeln aber fehlenden Ehrgeiz im Vorschlag für den künftigen GAP-Haushalt. Kann oder muss die EU die Mittel für die Präzisionslandwirtschaft weiter erhöhen? Und wie können die Landwirte besser auf diese Mittel zugreifen?

Die Erfahrungen mit der derzeitigen GAP – die ja auf 28 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Klimazonen, Produktionsmethoden und Traditionen angewendet wird – zeigen, dass Brüssel einfach nicht mehr bestimmen kann und sollte, was in den einzelnen Mitgliedstaaten zu tun ist.

Im neuen Vorschlag definieren wir daher eine Reihe spezifischer Bereiche, in denen Maßnahmen ergriffen werden müssen, überlassen es jedoch den Mitgliedstaaten, zu definieren, was in ihrer eigenen, speziellen Situation erforderlich ist. Ich spreche hier von Themen wie Klimawandel oder junge Landwirte, aber eben auch an Wissen und Innovation.

Um ein Beispiel zu nennen: Der Einsatz von Melk-Robotern in der Milchproduktion ist in einigen Mitgliedstaaten recht verbreitet, in anderen dagegen relativ selten. In den Regionen, in denen der Einsatz selten ist, kann es sinnvoll sein, Schulungen zu organisieren oder Informationen über den Einsatz solcher Roboter auszutauschen; und es kann letztendlich auch sinnvoll sein, Investitionen in diese Technologie zu unterstützen.

Auf diese Weise hängen die tatsächlichen Aufwendungen für die Präzisionslandwirtschaft also von den lokalen Bedürfnissen und den Mitteln ab, die die Mitgliedstaaten aus den ihnen zugeteilten GAP-Geldern für diesen Bereich bereitstellen wollen.

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