FAO: Nahrungsmittel-Herausforderung kann ohne Genpflanzen gemeistert werden

"Es geht ohne GMOs." - Daniel Gustafson, Vize-Generalsekretär der FAO. [Sarantis Michalopoulos]

Die Herausforderungen für die Nahrungsmittelerzeugung können ohne den Einsatz von genetisch veränderten Pflanzen gemeistert werden, aber man sollte weitere Vorteile der Biotechnologie nicht ausblenden, sagt der hochrangige UN-Beamte Daniel Gustafson im Interview mit EURACTIV.com.

Daniel Gustafson ist der Vize-Generalsekretär der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Er sprach mit Sarantis Michalopoulos und Paola Tamma von EURACTIV.

EURACTIV: Es gibt einen strategischen Dialog zwischen der EU und der FAO über zukünftige Zusammenarbeit. Welche Resultate gibt es bisher und was erwarten Sie in Zukunft von dieser Partnerschaft?

Daniel Gustafson: Viele unserer am längsten bestehenden Beiträge sind aus der Zusammenarbeit mit der EU entstanden, zum Beispiel die Arbeit für Ernährungssicherheit und Nährwertangaben in Krisensituationen. Wir möchten diese Kooperation jetzt intensivieren. Es ist wichtig, dass die EU sehr stark darin ist, multilaterale Organisationen anzuerkennen. Global gesehen ist das Klima für multilaterale Zusammenarbeit momentan nicht so gut, aber sie ist dennoch wichtig. Wie arbeiten wir zusammen? Die FAO wird finanziell von der Europäischen Kommission unterstützt; sie ist der größte freiwillige Einzahler. Im Dialog geht es nun aber auch darum, herauszufinden, wo unsere Agenden am meisten übereinstimmen.

Der Klimawandel und das Management von natürlichen Ressourcen ist ein sehr wichtiges Feld, in dem sich die EU-Mitglieder und FAO-Mitglieder (die EU ist auch Mitglied der FAO), in dem sich alle Länder in Paris verpflichtet haben, sich gegen illegale und unregulierte Fischerei, für die Wälder, gegen Bodenschädigung usw. zu engagieren. Viele Länder brauchen Unterstützung bei der tatsächlichen Umsetzung ihrer Verpflichtungen. Das ist viel technische Arbeit.

Nahrungsmittelkrisen und Information und Analyse sind ein weiteres Feld. Dort wurden kürzlich viele Fortschritte gemacht. Anfang des Jahres wurde ein Bericht veröffentlicht, der als Bezugspunkt für die Diskussionen funktioniert. Die Fragen, um die es geht, sind: Wie viele Länder melden Hungersnöte? Was genau meinen sie damit? Wie schlimm ist die Situation? Diese Methoden werden schon lange angewendet, aber wir brauchen bessere, regelmäßigere Daten.

Ein weiterer Punkt: Ernährung und Ernährungssysteme. Jedes Land hat Probleme: Übergewicht, antimikrobielle Resistenzen, Unterernährung, und auch die Verringerung von Lebensmittelverschwendung, sei es auf der Ebene der Höfe oder auf der der Verbraucher.

Beim EU-Investitionsplan (EIP) geht es darum, wie Fördergelder so eingesetzt werden können, dass Investments des Privatsektors in die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelsicherheit in der Dritten Welt stimuliert werden. Es geht auch darum, wie wir die EU dabei unterstützen können – wir haben Büros und Angestellte, die den bürokratischen Aufwand verringern könnten. Die Frage ist also: Wie bringt man private Investoren dazu, in Felder zu investieren, in denen sie bisher nicht aktiv sind?

Um welche Länder und um welche Art der Investitionen geht es?

Es gibt eine festgelegte Zahl an Ländern, die meisten davon in Afrika und im Nahen Osten. Wenn es um die Art der Investitionen geht, sind wir offen. Die EU ist an kombinierter Finanzierung interessiert, mit der der Privatsektor auf vorteilhafter Weise in die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit investiert. Wir von der FAO wollen mit Regierungen zusammenarbeiten, um Regularien zu vereinheitlichen und dadurch beispielsweise Bauern beim Thema Landbesitz sowie nachhaltige Landwirtschaftsinvestitionen und andere Dinge, die die Rechte von Landwirten und den Einheimischen schützen, zu fördern. Das kann im kleinen oder mittelgroßen Rahmen geschehen. Ich glaube, die Big Player brauchen unsere Hilfe nicht. Es geht mehr um die kleinen und mittleren Betriebe und Unternehmer, auf die wir zielen und die wir zu mehr Investitionen ermutigen wollen.

Wird Afrika zur "Kornkammer" der Erde?

Das größte Potenzial der globalen Landwirtschaftliegt in Afrika, so der Präsident des Pflanzenschutzunternehmens Yara.

Mit Hinblick auf die Trump-Regierung und ihre Haltung zum Pariser Abkommen: Ist es für Sie jetzt wichtiger als je zuvor, mit der EU zusammenzuarbeiten?

Auf jeden Fall. Das liegt nicht nur an den USA; sondern auch am Wissen, dass Kooperation bei globalen Themen sehr viel Mehrwert bietet. Wir hätten vor einigen Jahren nicht gedacht, dass diese Idee der Kooperation ernsthaft in Frage gestellt werden könnte, wie es jetzt geschieht. Zusammenarbeit im multilateralen Kontext, mit gemeinsamen globalen Zielen, wobei jedes Land seinen eigenen Weg dorthin definiert – das ist es, was wir bei der FAO tun, und das ist auch, was die EU tut.

Überall auf der Welt sind neue Landwirtschaftstechnologien auf dem Vormarsch. In Europa wird die Bedeutung der Präzisionslandwirtschaft für die GAP nach 2020 diskutiert. Helfen diese Technologien aus Sicht der FAO den Landwirten dabei, belastbarer zu werden?

Landwirtschaft ist die Wissenschaft des Lokalen. Was auf dem einen Feld funktioniert, funktioniert auf dem nächsten womöglich nicht. Viele der Bauern, mit denen wir kooperieren, habe sehr kleine Höfe. Beim Düngen und dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln muss man sein Feld genau kennen. Je mehr Sie verstehen, was in der unmittelbaren Umgebung vorgeht, desto besser. Das ist der Schlüssel für nachhaltige Landwirtschaft, gerade für Kleinbauern.

Zu wissen: hier muss ich düngen, dort nicht – das ist im Prinzip das gleiche Konzept wie Präzisionslandwirtschaft. Vormals hatte man riesige Felder und darauf ein einziges Dünge- oder Pflanzenschutzmittel angewendet. Das führte zu Bodenschäden. Man braucht sehr viel mehr Daten und Wissen. Was Kleinbauern in Entwicklungsländern machen, lässt sich auch auf viel größerer Ebene wiederholen, wenn man es auf kosteneffektive Weise tut. Präzisionslandwirtschaft ist global gesehen die hochtechnologisierte Anwendung dessen, was wir schon lange verfechten.

Präzisionslandwirtschaft: Intelligente Anbaumethoden in der EU

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Ist Präzisionslandwirtschaft für Kleinbauern erschwinglich?

Präzision kann erschwinglich sein. Was die Kleinbauern tun, ist, die lokalen Gegebenheiten zu verstehen. Präzisionslandwirtschaft beinhaltet sehr viel High-Tech, das wird sich bei diesen Bauern nicht umsetzen lassen. Aber sie setzen Low-Tech-Präzision ein, weil ihr Land so begrenzt ist.

Ist die Belastbarkeit von Bauern ein globales Schlüsselthema?

Ja, insbesondere die Belastbarkeit und Widerstandskraft gegenüber des Klimawandels. Die Bauern müssen wirtschaftlichen Schocks, extremen Wetterphänomenen, niedrigen Preisen, Bankrotten trotzen. Es geht darum, wie das System es Haushalten ermöglicht, zu wachsen und ihr Unglücksrisiko zu minimieren. Wie machen wir die Landwirte in einer sich ständig verändernden Welt widerstandsfähiger? Das ist die große Herausforderung.

Was können EU-Landwirte von Entwicklungsländern lernen?

Eine der Lektionen, die wir von woanders lernen können, ist Diversifizierung und Agrobiodiversität. Landwirtschaftliche Biodiversität ist eine Möglichkeit, die Widerstandsfähigkeit zu verbessern; und das würde natürlich auch in Europa gelten. Wichtig ist auch, wie Gemeinschaften/Gemeinden zusammenarbeiten. Es geht um die Unterstützung für einzelne Gemeindemitglieder, damit sie nach einem schlechten Jahr nicht ruiniert sind. Es gibt viele ähnliche Ansätze, wie man externen Schocks besser standhalten kann.

Man muss vorbereitet sein und einen gewissen Grad der Diversifizierung haben, damit nicht die gesamte Produktion auf einen Schlag ausgelöscht wird.

Sollten agroökologische Praktiken und eine diversifiziertere Produktion Teil der zukünftigen EU-Landwirtschaft und der GAP sein?

Ich lasse die GAP einmal außen vor, aber solche Praktiken müssen Teil einer erfolgreichen, langfristigen Landwirtschaftsstrategie sein.

Die Hauptfrage ist, wie die steigende Weltbevölkerung langfristig ernährt werden soll. Was ist die Sicht der FAO und steht für Sie Ernährungssicherheit im Zusammenhang mit anderen großen Herausforderungen der Zukunft (Migration, Sicherheit, Klima)?

Sehen Sie sich die Nahrungsmittelproduktion auf dem Planeten an: Sie ist riesig. Es ist eine Frage der Verteilung: Wer hat das ganze Jahr lang Zugang zu nährreichem, sicherem Essen?

Bei der Produktion sieht es anders aus: Ohne Frage, die Nahrungsmittelproduktion muss zwischen jetzt und dem Jahr 2050 und darüber hinaus erhöht werden. Wir sehen das aber absolut nicht als Ding der Unmöglichkeit. Vor 40 Jahren hätten wir es für unmöglich gehalten, dass wir unsere Produktion so steigern können, wie es geschehen ist. Es geht nicht darum, diese große Steigerung zu wiederholen, sondern nachhaltige Produktionserhöhungen zu erreichen, die den Klimawandel, Bodenzerstörungen und eben Bevölkerungswachstum in Betracht ziehen. Aus Sicht der FAO ist das erreichbar, aber dafür ist Arbeit notwendig. Es muss einiges investiert werden: Die Landwirte und Unternehmen müssen Geld in die Hand nehmen; man muss Forschung, Infrastruktur und Investitionen fördern. Aber es gibt auch Risiken. Wenn man sich die heutigen Lebensmittelkrisen anschaut, stellt man fest, dass in all diesen Gebieten Konflikte herrschen – Nigeria, Südsudan, Jemen, Syrien…

Würden Sie der Sicht von Entwicklungsorganisationen wie der Gates Foundation zustimmen, die sagt, gentechnisch veränderte Organismen (genetically modified organisms, GMO) seien unverzichtbar, um die Ernährungssicherheit zu garantieren?

Da gibt es zwei Punkte: Erstens können wir die Herausforderungen der Nahrungsmittelproduktion ohne GMOs meistern. Es geht ohne GMOs. Trotzdem wollen wir zweitens aber nicht die Vorteile der Biotechnologie im weiteren Sinne ausschließen.

GMOs sind ein sehr schwieriges Thema. Die FAO hat sich damit noch nicht eingehend beschäftigt – außer, dass wir Länder dabei unterstützen wollen, die besten Regulierungs-Entscheidungen zu treffen. Ein Problem, das in dieser Debatte etwas unter den Tisch fällt: Wenn Sie sich arme Bauern anschauen, die ihre Produktivität erhöhen müssen, wird die Mehrzahl von ihnen nicht auf GMO-Saatgut zurückgreifen. Sie nutzen Hybride, die durch freie Bestäubung entstanden sind. Vielleicht sind GMOs zu teuer oder es gibt kein gutes Vertriebsnetzwerk. Für diese Bauern kann noch viel getan werden, bevor sie zu GMOs greifen müssen. Wir sind trotzdem offen gegenüber der Biotechnologie.

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Sind Innovationen in der Landwirtschaft der Schlüssel zur Meisterung globaler Herausforderungen? Und wenn ja: Wie können die EU und die FAO bei diesem Thema helfen?

Die Nahrungsmittelproduktion ist besonders von Bodenzerstörung und Wassermangel betroffen und wird daher sehr viel Innovation benötigen. Dazu zählt auch soziale Innovation: Wie sollte man Dinge anders angehen? Wie bekommt man den Privatsektor dazu, so zu investieren, dass Kleinbauern davon profitieren? Wie kann man Banken, das Internet oder Mobiltelefone miteinander verknüpfen, um Kleinbauern zu helfen?

Innovation wird auf allen Stufen der Lebensmittel- und Wertschöpfungskette extrem wichtig sein.

Machen Sie sich Sorgen über die Fusionen und Übernahmen von europäischen und globalen Nahrungsmittelkonzernen?

Das verfolgen wir nicht wirklich. Marktkonzentration darf Innovation nicht ersticken. In einigen Industrien muss man allerdings eine gewisse Größe haben, um innovativ sein zu können. Für die Klientel, mit der wir uns am meisten beschäftigen, also mit den Bauern, die am verletzbarsten sind und die die niedrigsten Produktivitätsraten haben, ist ein gewisser Grad der Konzentration natürlich nicht gut. Aber wir haben dazu bisher keine offizielle Haltung.