EU-Berichterstatter: „GAP vernichtet Arbeitsplätze in der Landwirtschaft“

Der französische EU-Abgeordnete Éric Andrieu. [Europäisches Parlament]

In einem Bericht fordern EU-Abgeordnete die EU auf, vor allem kleine und mittelständische Agrarbetriebe sowie kurze Lieferketten und Bio-Produkte zu fördern. So schaffe man Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. EURACTIV Frankreich berichtet.

Éric Andrieu ist ein sozialistischer EU-Abgeordneter aus Frankreich und Mitglied des Landwirtschafts- sowie des Außenhandelsausschusses im EU-Parlament. Über seinen Bericht „über die Frage, wie mit der GAP die Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten verbessert werden kann“ werden die Abgeordneten am morgigen Donnerstag in Straßburg abstimmen.

EURACTIV: Warum untersuchen Sie den Zusammenhang zwischen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und der Beschäftigung?

Andrieu: 40 Prozent des EU-Haushalts fließen in die Landwirtschaft. Viele sagen, die Kommission unter [Jean-Claude] Juncker wolle vorrangig die Beschäftigung fördern. Aber niemand hat sich bisher Gedanken über die Verbindung von GAP und Arbeitsplätzen gemacht. Dabei ist ihr Zusammenspiel wirklich katastrophal. Indem wir dem Export zuliebe auf eine intensivere Produktion gesetzt haben, haben wir uns zu sehr auf die Landwirtschaft konzentriert, anstatt über Landplanung nachzudenken.

Heißt das, die GAP vernichtet Arbeitsplätze?

1962 waren 20 Prozent der Bevölkerung in der Agrarbranche beschäftigt. Inzwischen sind es nur noch vier Prozent. Also ja, wir haben auf eine öffentliche Politik gedrängt, die Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zerstört hat. War das das Ziel? Natürlich nicht.

Wir haben uns auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Exporte konzentriert und in jedem Land andere Produkte gefördert: Getreide in Frankreich, Schweinefleisch in Deutschland etc. Jetzt jedoch müssen wir uns selbst die Frage stellen, welche Form der Landwirtschaft wir für die Zukunft wollen. Welche Ziele setzen wir uns? Wir brauchen einen Plan. Einen solchen gibt es bisher nicht, weil sich niemand auf ein gemeinsames Ziel einigen kann.

Wird die Geschwindigkeit, mit der Arbeitsplätze in der Agrarbranche zerstört werden, zunehmen?

Das hängt davon ab, welche Maßnahmen wir ergreifen. Nur etwa sechs Prozent aller Landwirte sind unter 35 Jahre alt. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird niemand von ihnen mehr übrig bleiben. So einfach ist das.

Was unternimmt die EU, um Jungbauern zu unterstützen?

Jedem Land steht es frei, eigene politische Maßnahmen für junge Landwirte zu wählen. Sie können zum Beispiel einen Teil der GAP-Fördergelder dafür nutzen, ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern – zum Beispiel indem man sie beim Landkauf unterstützt oder ihnen Weiterbildung anbietet. Inzwischen ist es eigentlich unmöglich, ohne Hilfe in den Beruf zu starten. Aber nicht alle Länder tun das. In der Regel brechen junge Menschen ihre landwirtschaftliche Tätigkeit innerhalb der ersten drei Jahre ab, weil die finanzielle Last zu hoch ist.

Die GAP scheint niemanden wirklich zufriedenzustellen – weder die Landwirte noch die Verbraucher. Auch Sie stehen ihr ausgesprochen kritisch gegenüber. Ist es in Brüssel tabu, diese wichtige Säule des europäischen Projekts in Frage zu stellen?

Ja, das ist es, aber inzwischen findet dennoch eine Debatte statt. Wir, die Politiker, müssen eine Antwort auf die Frage liefern, welche Zukunft wir uns für die europäische Landwirtschaft wünschen. Mir ist aufgefallen, dass vor allem ältere Mitglieder im EU-Parlament alles beim Alten belassen wollen. Die Neuankömmlinge hingegen sehen, dass das System so nicht funktioniert und können gar nicht erwarten, Änderungen vorzunehmen.

Was ist mit den Bauernverbänden?

Wenn ich sie nach ihren Zielen frage, antworten sie meistens, es sei besser, das Thema insgesamt zu meiden, weil sich eh niemand einigen könne. Das ist absolut inakzeptabel. Wir bieten ihnen monströse Haushaltspakete. Da könnten sie doch zumindest mal darüber nachdenken, was sie damit eigentlich tun wollen.

Welche Ziele sollte man sich setzen, um die Beschäftigung im Agrarsektor anzustoßen?

Ich denke, wir sollten uns vor allem mit dem Thema Boden auseinandersetzen und damit aufhören, die europäischen Länder gegeneinander auszuspielen. Wir müssen den Schwerpunkt vermehrt auf die lokale Ebene legen, auf kurze Lieferketten, eine nachhaltige Produktion sowie eine stärkere Verbindung zwischen staatlichen Subventionen und der Schaffung von Arbeitsplätzen. Auf diese Weise erfüllen wir viele wichtige Grundvoraussetzungen wie eine gelungene Landplanung, hohe Produktqualität, eine angemessene Bezahlung für Landwirte und Umweltschutz.

Die Automatisierung hat ebenfalls zum Verlust von Arbeitsplätzen geführt. Sollten wir der Modernisierung der Landwirtschaft skeptisch gegenüberstehen?

Nein, natürlich nicht. Aber wir müssen die Leute ausbilden und lokale Netzwerke entwickeln, um beispielsweise Stellen in der Verarbeitung oder im Verkauf zu schaffen. Die Digitalisierung kann Landwirten dabei helfen, die Wertschöpfungskette zu erklimmen, indem sie sie mit Verbrauchern in Kontakt bringt. So etwas sollte gefördert werden.

Welche Landwirte sollten vorrangig Unterstützung erhalten?

Ich denke, wir sollten uns in der Landwirtschaft vor allem auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) konzentrieren. Sie sind am widerstandsfähigsten, umweltfreundlichsten und schaffen Arbeitsplätze. Das würde bedeuten, die drei Prozent größten Agrarbetriebe aus der GAP auszuklammern. Sie halten 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU, schaffen aber keine Arbeitsplätze und sind sehr umweltschädigend.

79 Prozent der Agrarbetriebe sind KMU. Indem wir uns also an sie richten, erreichen wir auch die meisten Landwirte. Die Kleinsten erhalten in der Regel Unterstützung von lokalen Behörden oder Sozialdiensten. In ländlichen Gebieten wie Ariège [in den Pyrenäen] oder in Rumänien ist es für Subsistenzbauern ganz normal, nur drei Kühe und ein paar Hühner zu besitzen.

Die liberalen Vertreter der Agrar- und Ernährungsindustrie sind wahrscheinlich nicht begeistert von Ihrer Idee…

Die Agrarmärkte müssen organisiert werden. In diesem Wirtschaftszweig hat sich gezeigt, dass die Liberalisierung nicht funktioniert. Es gibt eine stabile, leicht ansteigende Nachfrage, während Klimarisiken die Angebotsseite in eine wirkliche Achterbahnfahrt verwandelt haben.

Abgesehen von den Liberalen im EU-Parlament, die von Regulierung nichts wissen wollen, und einigen Deutschen, die ebenfalls dogmatisch ihre großen Unternehmen schützen wollen, ist die Idee in den meisten Fraktionen gut angekommen.

Die Agrar- und Ernährungsindustrie versucht, uns glauben zu machen, dass kurze Lieferketten und lokale, ökologische Lebensmittel bloße Nischenmärkte sind. Ihre Lobbyisten haben diese Ansicht weitreichend publik gemacht, aber sie stimmt einfach nicht. Wenn die Politik einen Nischenmarkt unterstützt, wird er wachsen.

Der französische Front National kritisiert die GAP ebenfalls sehr häufig und fordert an ihrer Stelle eine nationale Landwirtschaftspolitik.

Der Front National behauptet auch, wir sollten die EU verlassen, unsere Grenzen abriegeln, Importe verweigern und nur noch exportieren. Das ist jedoch unmöglich. Wenn wir unsere Grenzen schließen, werden unsere Handelspartner ähnlich reagieren. Zusätzlich zur Entwertung des Francs, der kaum noch etwas wert sein wird, könnten wir also auch nichts mehr im Ausland verkaufen.

Solche Vorschläge darf man nicht ernst nehmen. Die Agrarkrise jedoch ist eine ernste Angelegenheit. Immer wieder begehen Landwirte in Frankreich Selbstmord. Wir dürfen das Thema auf gar keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen.

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