„Es ist Zeit, eine Diskussion über einen totalen Wandel in der Agrarpolitik einzuleiten“

"Mehr Geld für Klima- und Umweltschutz wird der Landwirtschaft zugute kommen. Schließlich ist die Landwirtschaft besonders anfällig für den Klimawandel," so Dr. Zbigniew Karaczun. [Unsplash]

In Gespräch mit EURACTIV Polen äußert sich Professor Dr. Zbigniew Karaczun von der Warschauer Hochschule für Biowissenschaften zum neuen Vorschlag der Europäischen Kommission für die Gemeinsame Agrarpolitik.

Dr. Zbigniew Karaczun lehrt an der Warschauer Hochschule für Biowissenschaften und ist  dort Mitglied der Direktion für Umweltschutz.

Er sprach mit Mateusz Kucharczyk von EURACTIV Polen.

Gemäß dem neuen mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) werden weniger Mittel für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) bereitgestellt, da anderen EU-Politiken, wie beispielsweise dem neuen „Green Deal“, höhere Priorität eingeräumt wird. Wird die Landwirtschaft darunter leiden?

Sie wird überhaupt nicht darunter leiden. Mehr Geld für Klima- und Umweltschutz wird der Landwirtschaft viel mehr zugute kommen. Schließlich ist die Landwirtschaft anfällig für den Klimawandel – höhere Temperaturen, unregelmäßige Niederschläge oder Dürren, zum Beispiel, beeinflussen die Quantität und Qualität der Pflanzen und deren Preise.

Darüber hinaus beantragen die Landwirte beim Staat Entschädigungen infolge von Katastrophen wie Dürren. All dies kostet Geld, und der Klimawandel wird diese Probleme nur noch verschärfen. Wenn der Klimawandel zu weit fortschreitet, kann er sich als katastrophal für die europäische Landwirtschaft erweisen und sich so auch auf die Lebensmittelpreise für die Verbraucher auswirken.

Ich glaube daher, dass dies ein positives Signal der Europäischen Kommission ist. Auf der einen Seite müssen sich die Landwirtschaft an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen, und auf der anderen Seite ist es notwendig, die Treibhausgasemissionen in diesem Sektor zu reduzieren.

Obwohl die landwirtschaftliche Produktion nur 12-14 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen ausmacht, macht die gesamte Nahrungsmittelproduktion und Landnutzungskette schon rund 25-35 Prozent der Emissionen aus.

Für die Anpassung an den Klimawandel und die Reduzierung von Emissionen werden enorme Ressourcen benötigt. Die Landwirte können mit ihren Problemen nicht allein fertig werden. Daher liegt der neue „Green Deal“ im Interesse der Landwirte, denn er wird es ermöglichen, einige dieser Aktivitäten zu finanzieren.

2.500 Wissenschaftler fordern die EU auf, die "umweltschädigende" GAP zu reformieren

Mehr als 2.500 Wissenschaftler fordern das Parlament auf, sich „auf die Wissenschaft zu reagieren und unverzüglich eine tiefgreifende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU durchzuführen“.

Kritiker fürchten hingegen, dass die neue GAP mehr auf das Klima als auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft ausgerichtet sein wird. Es heißt, die neuen Regeln würden nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Landwirte entsprechen – und dass es weniger Geld für Direktzahlungen geben wird.

Bisher konzentrierte sich die GAP in erster Linie auf die Unterstützung der Landwirte, oft ohne Berücksichtigung anderer Aspekte. Das ändert sich jetzt. Die EU will, dass die Landwirtschaft bestimmte systemische Aufgaben erfüllt: Das heißt, qualitativ hochwertige Lebensmittel für die Bürger der Mitgliedsstaaten zu produzieren; aber so, dass sie nicht umweltschädlich sind oder negative soziale Auswirkungen haben.

Aktuell kommt es häufig vor, dass Direktzahlungen so verwendet werden, dass sie keine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion unterstützen. Der Besitz und die Erhaltung von Flächen in gutem landwirtschaftlichen Zustand ist einfach nicht dasselbe wie die Erreichung der sozialen und ökologischen Ziele der EU.

[Die Direktzahlungen] werden auch nicht dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen. Schlimmstenfalls werden sich die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen in naher Zukunft erheblich verschlechtern, so dass der Großteil der Lebensmittel der EU dann aus Drittländern eingeführt werden muss. Das wäre eine Katastrophe.

Französische Abgeordnete beklagen fortschrittlose GAP-Reform

Frankreich beginnt in der Frage der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU, die keine Fortschritte verzeichnet, obwohl sich ihr Format ab 2021 ändern soll, einiges Aufsehen zu erregen.

Bezüglich der Direktzahlungen sagen Kritiker, diese hätten die festgelegten Ziele nicht erreicht. Welche weiteren Misserfolge der GAP beobachten Sie bisher?

Subventionen verschärfen die Einkommensunterschiede in ländlichen Gebieten. Auf EU-Ebene erhalten zwei Prozent der Landwirte fast 80 Prozent der für Direktzahlungen bereitgestellten Mittel. Das führt auch zu einer Veränderung der Struktur der Betriebe. Es gibt immer weniger kleine und mittelgroße Betriebe, während große Betriebe immer größer werden. Dies führt zur Abwanderung und zu einem echten Aussterben der ländlichen Gebiete.

Ein weiteres Problem bleibt die industrielle Landwirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Biodiversität. Derzeit wird jede finanzielle Unterstützung gewährt, um die Effizienz der landwirtschaftlichen Betriebe zu steigern – und nicht um eine umweltfreundliche Agrarlandschaft zu gestalten.

Einige EU-Länder wie die Niederlande haben dieses Problem erkannt und bereits eigene Lösungen eingeführt, wie beispielsweise die Erhöhung der Anforderungen an sauberes Wasser und Bodenqualität, die zur Produktion von Lebensmitteln von besserer Qualität beitragen.

Weniger Direktzahlungen für Landwirte? „Dann müsste ich sofort Insolvenz anmelden“

Die Kommission wünscht sich eine Kappung der GAP-Direktzahlungen ab 100.000 Euro. Das stellt besonders große, konventionelle Landwirtschaftsbetriebe vor existentielle Probleme. Denn der Schritt hin zu mehr Umweltschutz ist nicht immer einfach.

Tatsächlich will die Europäische Kommission mit der neuen GAP kleineren Betrieben mehr Aufmerksamkeit schenken. Was ist der Grund für diesen Sinneswandel?

Wir haben eine Situation, in der Europa einen Überschuss an Nahrungsmitteln produziert. Aber nur wenige fragen sich, zu welchen Kosten dies erreicht wurde.

Gründe dafür sind unter anderem die Verschuldung der Betriebe. So sind beispielsweise in Deutschland die Banken die eigentlichen Eigentümer von landwirtschaftlichen Betrieben. Die Landwirte müssen sich verschulden, um dem wachsenden Wettbewerb zu begegnen. Eine solche Situation wird durch die „effiziente“ Einstellung zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion verursacht, die nur darauf abzielt, die Kosten zu senken – ohne auf die natürlichen und sozialen Kosten zu achten.

Die Kommission hat dieses Problem erkannt und wird versuchen, es in den kommenden Jahren zu beheben. So habe ich jedenfalls Vorschlag verstanden. Es soll ja die Hektarbeihilfe für kleine und mittlere Betriebe erhöht werden.

Die Schaffung von zu vielen großen landwirtschaftlichen Unternehmen ist in der Tat eine Verzerrung der Idee der GAP und ihrer Ziele. Vielleicht ist es an der Zeit, eine ernsthafte Diskussion über einen totalen Wandel in der Agrarpolitik einzuleiten, und nicht nur über die  eine oder andere kleine Reform der bestehenden Vorschriften.

„Junge Landwirte haben keine Chance, hier an Land zu kommen“

In Ostdeutschland wachsen die Preise für Ackerland seit Jahren rasant an. Schuld daran sind zum einen Großinvestoren, die das Land als Investitionsobjekte erwerben, aber auch die Privatisierung ehemaliger DDR-Genossenschaften.

Auf der positiven Seite stehen also mehr Klimaschutz und Unterstützung für kleinere Betriebe. Was gibt es sonst noch im Zusammenhang mit den neuen grünen Zielen der GAP zu sagen?

Sicherlich gibt es einige Vorschläge für eine Änderung des Ansatzes zur biologischen Vielfalt. Ich habe das Beispiel der Niederlande und ihrer Initiativen zur Förderung der Wasser- und Bodenqualität erwähnt. Der Kampf für ein besseres Klima beschränkt sich nicht nur auf die Schließung von Bergwerken, die Abfalltrennung oder das Verbot von Autos in Städten. Er umfasst auch eine Veränderung in der Landwirtschaft und die Einführung von Anbautechniken, die die nachhaltige Speicherung von Kohlenstoff in Boden und Biomasse erhöhen.

Dies ist ein sehr wichtiger Prozess, bei dem die Sorge um die biologische Vielfalt gleichermaßen von Bedeutung ist. Die Agrarlandschaft kann und sollte so gestaltet werden, dass die biologische Vielfalt geschützt und die negativen Auswirkungen der landwirtschaftlichen Produktion auf die natürliche Umwelt – Boden, Wasser und Luft – reduziert werden.

In diesem Zusammenhang begrüße ich die Entwicklung der Konditionalität für die Gewährung von Direktzahlungen; also Zahlungen, sobald strenge Umwelt- und Klimaanforderungen erfüllt sind. Dieser Ansatz hat großes Potenzial, und die Auswirkungen dieser Veränderungen müssen genau beobachtet werden.

Junglandwirten wird es schwer gemacht, EU-Beihilfen in Anspruch zu nehmen

Junglandwirte, die über nichtkonventionelle Verträge Zugang zu Land erhalten haben, haben nach Angaben der Europäischen Kommission Anspruch auf EU-Fördermittel. In der Praxis sieht das jedoch anders aus.

Dann kann die neue GAP also als guter Versuch zur Korrektur der Fehler der Vergangenheit und als eine absolute Priorität für den Umweltschutz angesehen werden? Es sollen ja auch bis zu 40 Prozent der gesamten GAP-Gelder zum Klimaschutz beitragen…

Die Klimakrise ist die größte Herausforderung für die Menschheit. Die Landwirtschaft bietet sehr große Möglichkeiten der Sequestrierung (Absorption) von Kohlendioxid im Boden. Dass wir dies nutzen ist im Interesse von uns allen. Allerdings kostet der Wandel Geld und die Landwirte können die finanzielle Belastung nicht allein tragen.

Daher würde ich sagen: der Vorschlag der Kommission ist ein Schritt in die richtige Richtung.

[Bearbeitet von Britta Weppner]

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.