„Die Bedeutung der digitalen Landwirtschaft ist vielen Politikern nicht klar“

Tremblay: "Die GAP wird immer grüner und konzentriert sich verstärkt darauf, wie man Lebensmittel nachhaltiger produzieren kann." [Bayer]

This article is part of our special report Die E-Modernisierung der GAP.

Die wichtige Verbindung zwischen digitalisierter Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensmittelproduktion ist in den Köpfen der meisten Politiker noch nicht angekommen, sagt Bruno Tremblay von Bayer im Interview mit EURACTIV. Er betont auch, das Pflanzenschutzmittel Glyphosat sei sicher.

Bruno Tremblay ist bei Bayer für die EMEA-Region (Europa, Naher Osten, Afrika) zuständig. Er sprach am Rande des “Future of Farming Dialogue” Mitte September in Monheim am Rhein mit Gerardo Fortuna von EURACTIV.

EURACTIV: Wie bewerten Sie die Vorschläge für die zukünftige Gemeinsame Agrarpolitik? Kritiker betonen ja, dass die Einführung neuer Technologien zur Präzisionslandwirtschaft nicht ausreichend gefördert wird.

Bruno Tremblay: Ursprünglich war es das Ziel der GAP, nach all den Spannungen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, eine ausreichende Produktion von Lebensmitteln in Europa zu gewährleisten. Nachdem in den 1970er Jahren die komplett autarke Selbstversorgung erreicht wurde, wurde der Zweck der GAP in die Vergabe von Subventionen umgewandelt. Damit sollte sichergestellt werden, dass wir weiterhin landwirtschaftliche Erzeugnisse in ganz Europa produzieren und mehr oder weniger kontrollieren und verwalten können, welche Art von Pflanzen wir anbauen und welche Menge wir produzieren sollten.

Meiner Meinung nach wird sich die GAP nun noch stärker darauf konzentrieren, wie Waren hergestellt werden. Die Förderungen sollen nicht mehr auf Basis der Größe [eines Betriebs], sondern vielmehr basierend auf der „grünen“ Produktionsweise erfolgen. Die GAP wird somit immer grüner und konzentriert sich verstärkt darauf, wie man Lebensmittel nachhaltiger produzieren kann; was mit Innovationen wie der digitalen Landwirtschaft erreicht werden kann.

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Aber ich denke, dass der Zusammenhang zwischen digitaler Landwirtschaft und nachhaltiger Produktion in den Köpfen vieler politischer Entscheidungsträger noch nicht ganz angekommen ist. Digitalisierung bedeutet nicht, einfach nur Daten von den Landwirten abzugreifen. Es geht vielmehr um die positiven Auswirkungen, die die Präzisionslandwirtschaft auf eine nachhaltige und produktive Landwirtschaft in Europa haben wird.

Tatsächlich betrachten einige Landwirte diese Art von Innovation als eine Möglichkeit, sie verstärkt kontrollieren und überwachen zu können…

Daten gehören immer den Anbauern, auch wenn sie sich dafür entscheiden, sie auf Plattformen wie der unsrigen zu teilen. Wir dürfen die Daten ohne vorherige Zustimmung weder intern noch extern für irgendwelche Zwecke verwenden. Die Daten können also nur verwendet werden, um den Landwirten ein besseres Verständnis für die Entscheidungen zu vermitteln, die sie auf ihren Feldern treffen müssen.

Wir sehen diese digitalen Plattformen eher als Lösungsanbieter. Die Idee ist es, einen Mehrwert für unsere Kunden sowie für unser Unternehmen zu schaffen, indem wir den Landwirten solche digitalen Technologien zur Verfügung stellen.

In Europa wird diskutiert, wie die Landwirtschaft sich gegen die wachsende globale Konkurrenz behaupten kann. Was erwarten Sie von der nächsten EU-Kommission?

Die Schlüsselfrage, die interessant sein wird, ist die übergreifende Vision für die europäische Landwirtschaft in der Zukunft. Vor allem müssen wir uns darüber klar werden, ob wir weiterhin Exporteure in der Welt sein wollen, oder ob wir mehr in Richtung einer selbsttragenden Produktion gehen, die sich mehr auf den ökologischen Landbau konzentriert und vor allem für die Selbstversorgung steht.

In Europa gibt es die Tendenz, mehr darüber nachzudenken, wie wir produzieren – und nicht so sehr über die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft. Ich glaube, dass die Landwirtschaft in Europa von einem breiteren Zugang zu Innovationen und neuen Technologien profitieren würde. Unternehmen sollten sich stärker am Dialog mit verschiedenen Interessengruppen beteiligen. Denn es scheint, dass heutzutage der Glaube besteht, Innovationen in der Landwirtschaft seien nicht das, was die Verbraucher wollen. Wir sollten mehr interagieren, um die Erwartungen der Verbraucher zu verstehen und transparenter über unsere Innovationen zu kommunizieren.

Auch hier geht es um unsere Vision, um unsere Vorstellungen für die Zukunft: Wollen wir uns nur selbst ernähren oder eine exportierende Region in Richtung der anderen Mittelmeer- und afrikanischen Länder sein? In politischer Hinsicht versucht Europa ja vor allem wegen der Migrationsherausforderung, Afrika zu helfen. Und ich denke, die Landwirtschaft könnte ein Teil der Antwort sein.

Hat Bayer eine Strategie für Afrika?

Wir investieren, um afrikanischen Ländern bei der Erreichung ihrer eigenen Autarkie zu helfen. Aber das wird einige Jahre dauern. Gleichzeitig gibt es ein deutliches Bevölkerungswachstum. Der Hunger in Afrika wird immer mehr Einwanderer nach Europa bringen.

Meiner Meinung nach sollte die Landwirtschaft Wachstum und Wohlstand fördern und nicht nur zur Ernährung der europäischen Bevölkerung genutzt werden. Sie sollte auch eine politische Rolle im Verhältnis zu Afrika und anderen Drittländern des Mittelmeerraums spielen.

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Eine kürzliche Entscheidung des EuGH zu Genmanipulationen bewegt die Agrar-/Lebensmittelindustrie. Liam Condon [Leiter der Bayer-Division Crop Science] sagte mir im Gespräch, dadurch würden Innovationen verlangsamt oder behindert. Teilen Sie diese Ansicht?

Ja, wir waren enttäuscht über die Entscheidung des Gerichts. Dadurch wird die Genbearbeitung mit der gleichen Regelung wie gentechnisch veränderte Organismen eingestuft. Das ist eine verpasste Gelegenheit für landwirtschaftliche Innovationen in Europa. Digitaler Landbau, Genbearbeitung und andere Pflanzenzüchtungsmethoden sind die wichtigsten Treiber für die Zukunft der Landwirtschaft in Europa. Mit ihnen könnten wir eine viel nachhaltigere Landwirtschaft betreiben.

Die Genbearbeitung ist eine viel weniger invasive Züchtungstechnologie; und sie ist sehr genau. Darüber hinaus können diese Methoden die Entwicklungszeit neuer Pflanzensorten auf weniger als die Hälfte der derzeitigen Dauer von bis zu 15 Jahren deutlich verkürzen. Darüber hinaus: Wenn es gelingt, Hybride mit einer höheren Resistenz gegen bestimmte Krankheiten oder Insekten richtig zu entwickeln, dann müssten wir in Zukunft wahrscheinlich weniger Chemikalien/Pestizide verwenden. Wir haben Studien, die belegen, dass diese Technologie den Einsatz von Chemikalien deutlich reduziert.

Ich mache mir Sorgen um Europa, wenn es sich entscheidet, diese Technologie abzulehnen, während in Nord- und Südamerika oder sogar in Asien sehr schnell in diese neuen Zuchttechniken eingestiegen wird. Diese Regionen sehen offensichtlich die Vorteile, die über die GVO-Technologie hinausgehen. Europas Züchter und Landwirte werden die Verlierer sein, wenn sie nicht die Chance haben, das große Potenzial und den Nutzen dieser Pflanzenzüchtungs-Innovationen in der Praxis zu erforschen.

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Die Glyphosat-Debatte hat die Interessengruppen der EU gespalten und Diskussionen über die Glaubwürdigkeit des EU-Entscheidungsprozesses ausgelöst. Wie ist Ihre Position?

Tatsache ist, dass diese Emotionen entstanden sind, als im November 2017 die Erneuerung der Glyphosat-Zulassung auf europäischer Ebene erfolgte. Aber es gibt auf der ganzen Welt keine Nachfragen oder Bedenken von nationalen Agenturen oder Regulierungsbehörden, bei denen Produkte auf Glyphosatbasis registriert sind. Glyphosat ist seit über 40 Jahren ein wertvolles und sicheres Mittel für Landwirte und andere Anwender. Und Glyphosat ist wahrscheinlich der Wirkstoff mit der höchsten Anzahl an wissenschaftlichen Studien in der Branche.

Es ist eher eine politische Debatte, und um sie anzugehen, müssen wir mehr Dialog und Zusammenarbeit mit den lokalen Regierungen zeigen. Sie müssen die Nähe unseres Teams zu diesem Thema spüren. Wir arbeiten an Sicherheitsdaten, die wir mit der Öffentlichkeit teilen könnten – als Teil des Vertrauens, das wir zurückgewinnen müssen, da die Debatte sehr emotional und leidenschaftlich geworden ist. Die tatsächliche Wissenschaft spielt in dieser Diskussion nämlich bisher keine große Rolle.

In einigen Ländern geht diese Debatte inzwischen auch über Glyphosat hinaus: Es ist ein allgemeines Unbehagen über Pestizide an sich und wie diese Pestizide zugelassen werden.

Vor kurzem wurde darüber diskutiert, auf welche Weise die EFSA überhaupt am Registrierungsprozess arbeitet. Ich denke, dass die nationalen Regierungen und EU-Agenturen proaktiver kommunizieren müssen, was ihre Arbeit ist und wie sie funktionieren.

Wir als Unternehmen sind nur einer von vielen Glyphosat-Playern in Europa. Für uns ist ein wichtiges Produkt und es ist wichtig, dass die Landwirte sichere und erschwingliche Lebensmittel produzieren. Daher sehen wir nicht, wie die Landwirte Glyphosat in Zukunft durch ein sichereres und kostengünstigeres Produkt ersetzen könnten.

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Nicht einmal eine Welle von Urteilen wie die in den USA könnte also die Bayer-Aktivitäten in Europa beeinträchtigen?

Wir sind mit dem Urteil nicht einverstanden und beabsichtigen, die Überprüfung und Berufung vor Gericht anzustreben, falls erforderlich. Was in den USA geschah, war eine spezifische Juryentscheidung in Kalifornien im Zusammenhang mit einer Diskussion darüber, ob es genügend Warnhinweise auf Etiketten gab.

Mehr als 800 wissenschaftliche Studien – darunter eine unabhängige Studie, die mehr als 50.000 zugelassene Pestizidanwender sowie Landarbeiter und ihre Ehepartner über 20 Jahre lang begleitet hat – sowie Zulassungsbehörden auf der ganzen Welt bestätigen, dass Glyphosat und Herbizide auf Glyphosatbasis bei sachgemäßer Anwendung sicher sind.

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