Agrarökologie ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit

EURACTIV sprach mit Xavier Reboud, einem Agrarökologie-Forscher während einer Konferenz zum Ausstieg aus der Verwendung von Pestiziden, die am Donnerstag und Freitag (2. und 3. Juni) in Dijon stattfand. [Inrae-Bertrand NICOLAS]

Der Verzicht auf Pestizide werde zwar Schwierigkeiten hinsichtlich der Produktivität mit sich bringen, doch die Agrarökologie sei die Lösung, um dieses Problem zu bewältigen und langfristig Produktionsgewinne zu erzielen, so der Forscher Xavier Reboud.

Europa und Frankreich haben sich zum Ziel gesetzt, den Einsatz von Pestiziden bis 2030 zu halbieren, wie es sowohl in der „Farm to Fork“-Strategie des Green Deal als auch in Frankreichs sogenanntem Ecophyto-Plan II+ festgelegt ist.

Die Umsetzung dieser Verpflichtungen bleibt jedoch ungewiss. Auf europäischer Ebene gibt es eine heftige Debatte zwischen den Befürworter:innen des europäischen Green Deals und den „Produktivist:innen“, die die Umwelt- und Klimaziele im Namen der Ernährungssouveränität hintanstellen wollen.

Obwohl die Europäische Kommission verbindliche Maßnahmen zur Pestizidreduktion in einen Rechtsrahmen hätte aufnehmen können, verschob sie die Einführung ihres „Naturschutzpakets“ um mehrere Monate.

In Frankreich hatte Emmanuel Macron während seiner Präsidentschaftskampagne 2017 versprochen, Glyphosat zu verbieten, bevor er jedoch seine Position änderte, ebenso wie er seine Haltung zum vollständigen Verbot von Neonicotinoiden änderte und hier Ausnahmen gewährte, was von Umweltschützer.innen stark kritisiert wurde.

Forscher:innen macht nun mobil, um an der Gestaltung einer pestizidfreien Zukunft mitzuwirken. Das französische Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt (INRAE) hat zusammen mit seinen deutschen Gegenstücken ZALF und JKI die Initiative „Towards a Chemical Pesticide-free Agriculture“ ins Leben gerufen.

Diese „Europäische Forschungsallianz“, der inzwischen 34 Mitglieder aus 20 Ländern angehören, hat zum Ziel, neue gemeinsame Forschungs- und Versuchsstrategien zu entwickeln.

Die Wissenschaftler:innen versammelten sich am 2. und 3. Juni in Dijon (Burgund), um eine Antwort auf die zentrale Frage zu finden, wie der Verzicht auf Pestizide und die Ziele des Green Deal gelingen können.

EURACTIV sprach mit Xavier Reboud, einem Agrarökologie-Forscher am INRAE in Dijon, am Rande der Veranstaltung. Seine Arbeit konzentriert sich auf Agrarökologie und Alternativen zu Pflanzenschutzmitteln.

EU gibt grünes Licht für schnellere Zulassung von Biopestiziden

Die Mitgliedstaaten haben neue Vorschriften verabschiedet, um die Zulassung von biologischen Pflanzenschutzmitteln aus Mikroorganismen zu beschleunigen und so die Abhängigkeit von chemischen Pestiziden zu verringern.

Warum ist es so wichtig, dass europäische Forscher:innen gemeinsam an diesem Thema arbeiten?

Weil es sehr lange dauert, bis man Lösungen findet, die funktionieren. Das INRAE hat vor 20 Jahren in die Entwicklung von Rebsorten investiert, die von Natur aus resistent gegen Oidium und Mehltau sind.

Heute benötigen diese Sorten nur noch zwei Pilzbehandlungen, um die Reben während der gesamten Vegetationsperiode zu schützen, vorher waren es 15. Dies geht über den Zeitrahmen einer Halbierung des Pestizideinsatzes hinaus.

Der erste Schritt besteht also darin, dieses Wissen mit unseren Partner:innen zu teilen, um diese Lösungen weiterzugeben, damit wir nicht jedes Mal wieder bei Null anfangen müssen.

Die Lösungen für den Übergang zu einem pestizidfreien Anbau stehen außerdem vor einer großen Schwierigkeit: dem Verlust an unmittelbarer Produktivität. Die Landwirt:innen werden nicht mehr in der Lage sein, die besten Sorten zu verwenden, wenn diese auf Pflanzenschutzmittel angewiesen sind.

Damit die französischen Hersteller:innen im freien Personen- und Warenverkehr nicht gegenüber ihren europäischen Kolleg:innen benachteiligt werden, müssen die Maßnahmen koordiniert werden. Es wird notwendig sein, bilaterale Abkommen auf europäischer Ebene auszuhandeln und eine Art Reziprozität herzustellen. Das scheint mir offensichtlich.

Die französische und die europäische Politik haben der Produktivität im Namen der Ernährungssouveränität Priorität eingeräumt, insbesondere seit der Krise in der Ukraine. Ist es in diesem Zusammenhang möglich, einen schnellen Ausstieg aus der Verwendung von Pestiziden einzuleiten?

Es gibt in der Tat einige Zweifel an der Verfügbarkeit ausreichender Ressourcen, um allen Menschen Ernährungssouveränität zu ermöglichen. Das ist es, woran wir arbeiten. In der Wissenschaft wird viel darüber diskutiert, ob ökologische Systeme den Planeten ernähren können, und mit unserer Arbeit wollen wir herausfinden, ob es in zehn Jahren möglich sein wird, überall in Europa Agrarökologie zu praktizieren.

Klar ist, dass die derzeitigen kurzfristigen Lösungen nicht dazu führen, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme zu erhöhen und die Selbstversorgung zu verbessern, die nur auf der Grundlage der bestehenden natürlichen Prozesse im Ökosystem möglich ist.

Dies ist der Fall bei der Bewirtschaftung von Brachflächen. Problematisch ist dabei, dass diese Flächen zur Erholung, zur Verbesserung der Kohlenstoffspeicherung und als Raum für die biologische Vielfalt gedacht waren.

Die Umwandlung in Ackerland bedeutet, dass die Bedeutung dieser naturnahen Flächen für das Ökosystem aufgegeben wird. Es ist nicht möglich, Nützlinge wie Marienkäfer zu halten, wenn sie dort nicht auf Blattläuse treffen. Und Blattläuse brauchen Räume wie Brachflächen, um zu gedeihen.

Kann uns die Agrarökologie helfen, von Pestiziden wegzukommen?

Agrarökologie ist heute keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Innerhalb dieses Rahmens müssen wir darüber nachdenken, wie wir unseren gesamten Bedarf decken können. Wir müssen Wege finden, um die Produktivität pro Flächeneinheit wieder zu steigern.

Derzeit zeichnet sich ein Ansatz in der Agrarökologie ab: die Umstellung von einer einzigen Kultur pro Parzelle und Jahr auf mehrere Kulturen auf der gleichen Parzelle im gleichen Jahr.

Dies führt zu einem Produktionsgewinn, der die mit dem Einsatz von Pestiziden verbundenen Verluste kompensiert. Wir müssen auch die Essgewohnheiten der Verbraucher:innen ändern.

Eine Reihe häufig zitierter Studien zeigt, dass die „Farm to Fork“-Strategie des Green Deal zu erheblichen Produktionsverlusten führen dürfte. So sei laut einer Prognose ein Rückgang von etwa 10 Prozent zu erwarten. Was meinen Sie dazu?

Die Amerikaner haben diese Studie auf der Grundlage eines sehr kapitalistischen Kalküls erstellt. In ihrem System wird dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der Kohlenstoffspeicherung, der Achtung des Berufs der Landwirt:innen und schließlich dem Fortbestand der ländlichen Gebiete kein Wert beigemessen.

Legt man allein das Kriterium der Produktivität zugrunde, so sind die derzeitigen intensiven Anbausysteme, die in den letzten 50 oder 100 Jahren verbessert wurden, in der Tat äußerst effizient. Und die Sorten sind so konzipiert, dass sie mit Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln ad libitum angebaut werden.

Wenn die Bauern und Bäuerinnen morgen keine Pestizide mehr einsetzen, haben sie nicht die richtigen Sorten, um ihr Produktivitätsniveau zu steigern. Auf der anderen Seite zahlen wir sehr viel Geld an die Wasserbehörden, um die Trinkwasserversorgung zu gewährleisten, die durch die negativen Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft beeinträchtigt wird.

Wir müssen also eine logische und vielschichtige Analyse durchführen. Dies alles sind Fragen, die wir bei dem Treffen mit unseren europäischen Kolleg:innen ansprechen werden.

Agrarökologie: Hindernis und Notwendigkeit für die Ernährungssouveränität

Der Krieg in der Ukraine scheint Europas Öko-Ambitionen für die Landwirtschaft zumindest vorübergehend und teilweise beiseite geschoben zu haben. Dies könnte jedoch zu Herausforderungen bei der Verwirklichung der Ernährungssouveränität führen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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