Unsicherheit über CO2-Abscheidung in ‚fossiler Zukunft‘ [DE]

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In den kommenden Jahrzehnten werden hunderte neuer Kohlekraftwerke gebaut werden; daher steigt der Druck auf die EU, die Technologie für Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (CCS) zu vermarkten und zu exportieren, um einen enormen Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen zu verhindern. Die schwierige Frage der Finanzierung bleibt jedoch weiterhin ungeklärt.

EU-Politiker und wichtige Stakeholder haben sich in der vergangenen Woche (26. bis 30. Mai 2008) mehrmals getroffen, um über die CCS-Technologie zu diskutieren. Ein Treffen am 27. Mai war von der Wettbewerbsstelle der Kommission organisiert worden, ein Runder Tisch am 27. Mai von Friends of Europe und ein Workshop am 28. Mai von dem britischen liberalen Europaabgeordneten Chris Davies.

Davies fordert, dass bis 2025 alle bestehenden fossil befeuerten Kraftwerke nachträglich mit der Technologie zur CO2-Abscheidung und -Speicherung ausgestattet werden. Er will auch den Bau neuer Anlagen nach 2025 einstellen, wenn sie nicht in der Lage sind, den Eintritt von 90% ihrer CO2-Emissionen in die Atmosphäre zu verhindern (EURACTIV vom 7. Mai 2008). Der Europaabgeordnete hat für den 3. Juni 2008 einen weiteren Workshop im Parlament organisiert, der sich der Finanzierung von CCS widmen wird.

Der deutliche Anstieg des Interesses an CCS in dieser Woche bedeutete jedoch keinen Durchbruch im Hinblick auf die wichtige Frage der Finanzierung. Stattdessen deckten die Diskussionen eine Reihe auseinandergehender Ansichten auf (siehe Positionen).

Die Rechtfertigung von CCS

Trotz wachsender Bedenken über die Auswirkungen von sich verflüchtigenden CO2-Emissionen auf das Klima der Erde, investieren die meisten industrialisierten und sich schnell entwickelnden Länder massiv in neue Kohlekraftwerke, die weithin als die „schmutzigsten“ Stromerzeuger betrachtet werden. 

Deutschland plant in den kommenden Jahrzehnten den Bau von 20 neuen Kraftwerken. Allein China werde in den kommenden acht Jahren erwartungsgemäß 800 Gigawatt an zusätzlicher Stromkapazität installieren und sich dabei zu 90% auf Kohle stützen, so die Internationale Energie-Agentur (IEA). Sie betont, dass 800 Gigawatt der Leistung entsprächen, die in der EU seit 1945 installiert worden sei.

In diesem Zusammenhang gewinnt die CCS-Technologie an Unterstützung – als einzige Möglichkeit, um die katastrophalen Konsequenzen des Klimawandels abzuwenden, zu denen es infolge der weltweiten so genannten „Flucht hin zu Kohle” kommen würde.

Führt Europa die Entwicklung an?

Viele Beobachter behaupten, Europa sollte in der Entwicklung und Vermarktung von CCS-Technologien führend sein, so dass die Technologie in Schwellenländer wie China und Indien exportiert werden könnte.

Die EU-Mitgliedstaaten haben bislang jedoch nur wenig dafür getan, ihr Versprechen vom März 2007 einzulösen, bis 2015 zehn bis zwölf Demonstrationsprojekte zu bauen. Der größte Fortschritt ist dabei in Norwegen zu beobachten, das bereits ein mit CCS ausgestattetes Kraftwerk errichtet und in Betrieb genommen hat und derzeit weitere zwei baut.

Die norwegische Ministerin für Öl und Energie Åslaug Haga und EU-Energiekommissar Andris Piebalgs einigten sich am 29. Mai 2008 darauf, dass drei der CCS-Projekte Norwegens als Teil der zwölf Projekte bestimmt werden könnten, deren Entwicklung die EU beabsichtigt, um die Durchführbarkeit dieser Technologie zu beweisen. Diese Ankündigung ist ein Teil des Energie-Dialogs zwischen der EU und Norwegen, das reich an fossilen Brennstoffen und der zweitgrößte Versorger der EU mit Öl und Gas ist. 

Die schwierige Geldfrage

Der Haushalt der EU ist bis 2012 ‚blockiert’; dennoch gibt es mehrere Ideen, wie und von wem CCS finanziert werden könnte:

  • Das CO2, das mithilfe der CCS-Technologie sequestriert oder gespeichert wird, könnte im Rahmen des EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) doppelt gewertet werden;
  • Durch öffentliche Finanzierung durch eine Gruppe ausgewählter Mitgliedstaaten, die zum Großteil auf Kohle angewiesen sind;
  • Durch einen speziellen Fonds, wobei die Gelder aus Gewinnen aus der Versteigerung von CO2-Zertifikaten im Rahmen des EU-ETS und/oder aus Mitteln, die aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) abgezweigt werden, stammen würden und;
  • Die Industrie selbst könnte die Rechnung bezahlen, mit der Begründung, dass die Investitionen eine zukünftige Geschäftschance seien.

Neben der Aufforderung der Mitgliedstaaten, die notwendige Unterstützung zu bieten, sagte EU-Energiekommissar Andris Piebalgs, er wünsche sich eine umfassendere Verpflichtung von der Industrie selbst. Die Branche müsste CCS als eine Chance verstehen.

Jan Panek, der Leiter der Einheit Kohle und Öl in der Generaldirektion Energie und Verkehr der Kommission (GD TREN), verwies auf die Möglichkeit des „schnellen Geldes“ durch eine Kombination von öffentlichen und privaten Finanzierungsquellen, wobei Mitgliedstaaten die Gewinne aus Versteigerungen im Rahmen des EU-ETS nutzen könnten, um einen Teil der Rechnung zu begleichen.

Ein doppeltes Kreditsystem im Rahmen des EU-ETS wird vom britischen liberaldemokratischen Europaabgeordneten Chris Davies befürwortet, der den zeitlichen Rahmen des Systems einschränken und die Menge des CO2, die den 2,5% der gesamten Emissionen in der EU angerechnet werden könnten, begrenzen will.

Aber die italienische grüne Europaabgeordnete Monica Frassoni sagte, dass die EU sich die CCS-Technologie nicht leisten könne. Sie ist der Meinung, dass der doppelte Kreditplan den EU-Kohlenstoffmarkt „zerstören“ würde. Zudem würde die Finanzierung von CCS öffentliche Mittel in Anspruch nehmen, die andernfalls für erneuerbare Energien genutzt werden könnten, sagte sie.

Mark C. Lewis, Geschäftsführer von Global Company Research bei der Deutschen Bank, ist der Meinung, dass die Märkte entscheiden sollten und dass schlussendlich der Verbraucher zahlen müsse. Lewis kritisierte ebenfalls die Politiker der EU scharf, da sie das EU-ETS durch eine übersteigerte Zuteilung von kostenlosen Emissionszertifikaten in der ersten Handelsperiode (2005 bis 2007) untergraben hätten. Brüssel sollte die Märkte in Ruhe lassen, sagte er, da die Politiker nicht vorgeben könnten, den Markt zu kennen.

Seine Äußerung veranlasste Davis zu einer energischen Reaktion, der die Bemerkung von Lewis, die Politik sollten sich nicht in die Kohlenstoffmärkte einmischen, als „Quatsch“ bezeichnete.

Energieunternehmen wie Shell und E.ON wünschen sich eine stärkere Zusicherung von öffentlichen Mitteln, um die CCS-Technologie einsetzen zu können.

Henry Edwardes-Evans, Geschäftsführer der Platts Power, einem Nachrichtendienst für Energiemärkte, sagte, der gegenwärtige CO2-Preis, der bei etwa 25 Euro pro Tonne liege, sei nicht annährend hoch genug, um CCS zu fördern, und verwies auf eine Unterschätzung der Kosten für CCS.

Lewis sagte, dass man eine Hinwendung zu CCS erst erreichen würde, wenn der CO2-Preis zwischen 40 und 45 Euro pro Tonne läge.

Jeff Chapman, der Vorstandsvorsitzende der britischen Carbon Capture and Storage Association (CCSA), verwies auf das Fehlen eines Anreizes für Mitgliedstaaten, einen Anreiz zu schaffen. Eine ausgewählte Gruppe an Mitgliedstaaten sollte für die CCS-Technologie zahlen, könnte jedoch die „Kosten“ gemeinsam tragen, indem es ihr gewährt würde, Investitionen in CCS ihrem Ziel für erneuerbare Energien anzurechnen, schlug Chapman vor.

Gavin Edwards, Leiter der Abteilung Klima und Energie bei Greenpeace International, äußerte seine strikte Ablehnung der CCS-Technologie. Er setzte sich stattdessen für die Belohnung bestehender, verfügbarer Technologien wie solche für erneuerbare Energien und Energieeffizienz ein.

Sanjeev Kumar, der Zuständige für Emissionshandel beim WWF, dessen Organisation CCS unterstützt, sagte im Gegensatz dazu während eines Workshops der Kommission am 27. Mai 2008, dass öffentliche Mittel genutzt werden sollten, um die Technologie zu unterstützen, da sie ein „öffentliches Gut“ sei.

CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) ist ein Verfahren, bei dem das Treibhausgas aus dem Gasgemisch, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger in Kraftwerken entsteht, abgeschieden und verdichtet wird, bevor es in geologische Formationen oder unter dem Meeresboden gespeichert wird (EURACTIV LinksDossier).

Die Kommission unterstützt dieses Verfahren als wesentlichen Teil ihrer Bemühungen, CO2-Emissionen zu senken und legte als Teil ihres Klima- und Energiepakets vom 23. Januar 2008 eine Mitteilung über einen Rechtsrahmen zur CO2-Speicherung vor (EURACTIV vom 28. Januar 2008). Im März 2007 verpflichteten sich die EU-Mitgliedstaaten, bis 2015 zehn bis zwölf Demonstrationsanlagen zu errichten und in Betrieb zu nehmen.

Öl- und Gaskonzerne haben viel Erfahrung darin, Gas in geologische Formationen zu leiten und dort zu lagern. Sie sagen, es bestünden nur wenige technische Hindernisse, um mehr Kohlekraftwerke und fossil befeuerte Kraftwerke mit der CCS-Technologie auszustatten.

Die Technologie ist jedoch teuer und mindert die durchschnittliche Leistung von Kraftwerken um bis zu 20%. Die Öffentlichkeit ist skeptisch gegenüber der Sicherheit von Stätten zu geologischer Speicherung, vor allem in ihrer direkten Umgebung. Umwelt-NGOs sind in der Angelegenheit gespalten: WWF und Bellona unterstützen diese Methode, während Greenpeace weiterhin Zweifel daran äußert, ob es klug ist, Milliarden von Euro in die CCS-Technologie zu investieren, statt die Gelder auf die Förderung von erneuerbaren Energien und von Energieeffizienz zu verwenden.

  • Bis Ende 2008: Die Kommission wird eine Mitteilung zur Finanzierung der CCS-Technologie vorlegen; mögliche Einigung über die Finanzierung unter den Mitgliedstaaten während der französischen EU-Ratspräsidentschaft.

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