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Die ökonomischen Aspekte des Klimawandels [DE]

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Wie teuer wird der Kampf gegen den Klimawandel? In dieser Frage gehen die Meinungen stark auseinander. Der einflussreiche Stern-Report kam 2006 zu dem Schluss, dass die Kosten für die Bekämpfung des Klimawandels sich auf 1% des weltweiten BIP belaufen würden, während Tatenlosigkeit die Kosten langfristig auf 20% des Bruttoinlandproduktes ansteigen lassen könnte. Im Vergleich dazu zeigt eine im Januar 2009 veröffentlichte Forschungsarbeit, dass die Vermeidung des gefährlichen Klimawandels möglicherweise gerade einmal 0,5% des weltweiten BIP in Anspruch nehmen wird.

Hintergrund

Die Finanzierung der Klimaschutzpolitik zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung ist eine umstrittene Frage, da es schwierig ist, zuverlässige und genaue Informationen über die Kosten und den Nutzen solcher Maßnahmen zu erhalten.

Obgleich man sich mittlerweile weitgehend darüber einig ist, dass der weltweite Temperaturanstieg unter 2°C gehalten werden muss, um gefährliche Auswirkungen auf das Klima zu vermeiden, wurden Forderungen, dass die Regierungen finanzielle Mittel zurückstellen und zu diesem Zwecke einsetzen sollten, nicht von allen begrüßt. Besonders die aktuelle Finanzkrise sorgt dafür, dass die öffentlichen Haushalte nur begrenzt Mittel zur Verfügung stellen können.

Befürworter einer konsequenten Klimapolitik argumentieren jedoch, dass die Bekämpfung des Klimawandels zum jetzigen Zeitpunkt noch kostengünstiger sei, als wenn später die negativen oder gar unumkehrbaren Auswirkungen bewältigt werden müssten.

Probleme

Die erste wirkliche Kontroverse um die Kosten des Klimawandels begann 2001 mit der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, dass sein Land vom Kyoto-Protokoll zurücktrete, da dieses der US-Wirtschaft ernsthaft schaden würde. Obwohl es keine wirtschaftliche Folgenanalyse gab, die Mr. Bushs Kehrtwende von Kyoto untermauerte, gab es Kostenanalysen, die auf hohe wirtschaftliche Belastungen für die amerikanische Wirtschaft hinwiesen, z. B. die Studie „Einfluss des Kyotoprotokolls auf die US-Energiemärkte und wirtschaftliche Aktivitäten“, die 1998 von der Energieinformationsagentur der USA durchgeführt wurde. 

Stern-Report

Die umfassendste Kostenanalyse wurde für die britische Regierung vom ehemaligen Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, erstellt. Im „Stern-Bericht über die wirtschaftlichen Aspekte des Klimawandels", der im November 2006 vorgelegt wurde, zog der Autor den Schluss, dass im Falle einer Tatenlosigkeit in Hinsicht auf den Klimawandel die Weltbevölkerung zwischen 5% des jährlichen BIP und - im schlimmsten Fall - 20% des BIP verlieren werde und dass ein Handeln gegen die Risiken der Erderwärmung jährlich auf 1% des weltweiten BIPs begrenzt werden könne.

Einer der zentralen Punkte des 700seitigen Berichtes besagt, dass ein Eingreifen gegen den Klimawandel aus wirtschaftlichen Gründen dringend notwendig sei und dass der Nutzen die Kosten überwiegen werde. Das Verhalten der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten könne ernsthafte Risiken für wirtschaftliche und soziale Schäden in diesem und im nächsten Jahrhundert schaffen, deren Tragweite vergleichbar sei mit den Weltkriegen und der Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so der Bericht.

Eine weitere Studie über die mit der Eingrenzung des Klimawandels und der Anpassung zusammenhängenden Kosten wurde im August 2007 vom Sekretariat des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) vorgelegt. Der Bericht zieht die Schlussfolgerung, dass der Umgang mit dem Klimawandel bedeutende Änderungen der globalen Investitionsmuster verlangen werde, einschließlich Investitionsflüsse in die Entwicklungsländer von bis zu 1,7% des weltweiten BIP bis 2030 (EURACTIV vom 06. September 2007).

McKinseys Kostenverminderungskurve

Der jüngste Beitrag zu dieser Debatte stammt vom Beratungsunternehmen McKinsey, das der Meinung ist, eine Umsteuerung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft wäre deutlich billiger als die im Stern-Bericht angeführten Kosten der Tatenlosigkeit.

Würden in der ganzen Welt so bald wie möglich die kosteneffizientesten, umweltfreundlichen Technologien eingesetzt, könne die globale Erderwärmung unterhalb des entscheidenden Schwellenwerts von 2°C gehalten werden und möglicherweise lediglich 0,5% des globalen BIP kosten, so das Ergebnis des Berichts 'Pathways to a Low-Carbon Economy'. Der finanzielle Aufwand wäre damit wesentlich geringer als die im Stern-Bericht geschätzten Kosten der Untätigkeit (EURACTIV vom 27. Januar 2009).

Der Bericht beinhaltete eine aktualisierte Fassung der Treibhausgas-Kostenverminderungskurve von McKinsey, die 2007 zum ersten Mal veröffentlicht wurde und 200 Möglichkeiten der Emissionsreduzierung um 70% gegenüber einem 'Weiter so' im Jahr 2030 analysierte.

Energiesparen und erneuerbare Energien für den Kampf gegen den Klimawandel

Der McKinsey-Bericht schloss, dass der größte Rückgang beim CO2-Ausstoß, 14 Gt von CO2 pro Jahr im Jahr 2030, durch Verbesserungen der Energieeffizienz von Autos, Elektrogeräten und Gebäuden erreicht werden könne. Diese Investitionen würden sich auch höchstwahrscheinlich im Laufe der Zeit finanziell lohnen. Außerdem wurden eine kohlenstoffarme Energieversorgung und das Aufhalten der Abholzung der tropischen Regenwälder als kosteneffiziente Möglichkeiten genannt.

Die jüngste Einschätzung der Internationalen Energeiagentur (IEA) greift diese Ergebnisse auf (EURACTIV vom 12. November 2009).

In seinem jährlichen World Energy Outlook, der im November 2009 veröffentlicht wurde, argumentierte die Agentur, dass Energieeffizienz für mehr als die Hälfte aller CO2-Einsparungen bis 2030 verantwortlich sein werde. Die Benutzung von erneuerbaren Energien wäre für ein weiteres Fünftel verantwortlich, während die Nutzung von Biokraftstoffen im Verkehrssektor zu Einschnitten von 3% führen werde. Technologien für Kohlenstoffbindung und -speicherung (CCS) und Nukleartechnologien könnten schließlich zu einem um 10% niedrigeren Ausstoß führen.

Die IEA forderte weltweite Investitionen von 10,5 Billionen Dollar in Energieeffizienz und kohlenstoffarmer Energie, um einen außer Kontrolle geratenen Klimawandel zu vermeiden.

Die Agentur erwartet, dass eine weltweite Einigung auf eine Kürzung der Treibhausgase zu massiven Investitionen in erneuerbare Energien führen würde, was 60% der erwarteten Gesamtsumme der Investitionen in Stromerzeugung zwischen 2010 und 2030 aufsaugen würde.

Windkraftwerke wären die größten Nutznießer dieser Finanzspritze, während Wasserkraft, Solarstrom und Biokraftstoffe ebenfalls starkes Wachstum sehen würden, so die IEA. Zudem werde die groß angelegte Solarstrom-Erzeugung deutlich ansteigen, obwohl Solarstromerzeugung in Gebäuden wesentlich bleiben werde.

Die EU hat ihre Prioritäten bei der Energieforschung in Richtung Offshore-Windenergie und Solarstrom verschoben, um ihr Ziel zu erreichen, bis 2020 20% ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen zu produzieren (EURACTIV vom 7. Oktober 2009).

Probleme und Herausforderungen

Die Probleme bei der Einschätzung der Kosten und Nutzen der Maßnahmen gegen den Klimawandel sind mit der Tatsache verbunden, dass man es mit zahlreichen komplexen und unsicheren Faktoren zu tun hat. So ist unklar, wie man potentielle Wetterkatastrophen und ihre langfristigen Kosten bzw. die Nutzen ihrer Vermeidung vorhersehen und bestimmen können soll.

Ein weiterer Streitpunkt in der Debatte ist der Wert, der dem Wohlergehen künftiger Generationen im Vergleich zur Gegenwart beigemessen wird. Dieser Faktor wird auch als „sozialer Diskontsatz“ bezeichnet. Im Stern-Bericht gehen die Autoren von einem Diskontsatz, der annähernd Null beträgt (0,1% pro Jahr), aus, da sie im ethischen Sinne ein neutrales Verhältnis zwischen den Generationen voraussetzen.

Positionen

Obwohl die politischen Führungskräfte den Stern-Bericht begrüßten, haben ihn einige der weltführenden Ökonomen kritisiert, auch wenn sie mit der Tatsache übereinstimmen, dass man den Klimawandel bekämpfen müsse. 

Eine der kritischsten Reaktionen auf den Stern-Bericht kam von Umweltökonom 
Richard Tol (Universität Hamburg und Carnegie Mellon University). Tol ist der Meinung, der Stern-Bericht habe die potentiellen Schäden durch die globale Erwärmung stark überwertet, jedoch die Kosten für die Reduzierung der Treibhausgase stark unterschätzt.

Tol kritisiert, dass der Stern-Bericht hinsichtlich der Studien zu Klimawandel, die er anführt, sehr selektiv sei. Die Selektion sei nicht zufällig und betone sehr pessimistische Studien. In dieser Hinsicht fühle man sich stark an Lomborg erinnert (2001). Der verwendete Diskontsatz sei niedriger als die offiziellen Empfehlungen von HM Treasury. Ergebnisse seien mitunter falsch interpretiert. Entgegen der Behauptung des Berichts, so Tol weiter, sei keine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt worden. Der Stern-Bericht könne daher als schwarzseherisch und inkompetent verstanden werden, schließt Tol. 

In einer weiteren Einschätzung, gesteht Tol allerdings ein, dass es positiv sei, dass der Stern-Bericht die ökonomischen Aspekte des Klimawandels ins Blickfeld rückt. Er meinte, die wirtschaftlichen Vorteile von Emissionsminderungen könnten durchaus aufgezeigt werden, Stern habe diese Gelegenheit in seiner Bewertung aber versäumt.

Der amerikanische Wirtschaftwissenschaftler 
William Nordhaus hat die Ergebnisse des Stern-Berichts ebenfalls stark kritisiert. Seiner Meinung nach sollte der Bericht als ein „politisches Dokument“ verstanden werden, der allerdings ernsthafte Beurteilung vermisst. Sein Hauptkritikpunkt ist, dass der Bericht einen extrem niedrigen sozialen Diskontsatz nutzt. Dies, so Nordhaus, vergrößere die Auswirkungen, die in der fernen Zukunft liegen, enorm und rationalisiere die Reduzierungen der Emissionen und des Verbrauchs von heute.

Die McKinsey Studie ‚Pathways to a Low-Carbon Economy’ wurde andererseits als willkommener Beitrag zu den internationalen Klimaverhandlungen begrüßt.

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas begrüßte die Studie als „rechtzeitigen Beitrag zum Kopenhagen-Prozess“. Er sagte, sie erlaube politischen Entscheidungsträgern eine Bewertung der angemessenen Maßnahmen für unterschiedliche Sektoren und leiste wertvolle Analysen für die Regierungschefs, die über eine weltweite Einigung verhandeln. Eine solche Einigung müsse effektive Mechanismen zur Finanzierung der nötigen Emissionskürzungen beinhalten.

Der WWF-Generaldirektor James Leape sagte, die Studie biete „eine rigorose Faktengrundlage als bisher gesehen“. Er betonte die Tragweite der Studie in Bezug auf die weltweiten Konjunkturpakete, die als Reaktion auf die Finanzkrise aufgelegt worden waren. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass Investitionen in Infrastruktur so ausgestaltet sein sollten, dass sie die Energieeffizienz verbesserten und die Preise für erneuerbare Energien senkten. Damit könnten sie die Grundzüge einer kohlenstoffarmen Wirtschaft legen und in der Zwischenzeit Arbeitsplätze schaffen.

Die Industrie im Bereich der erneuerbaren Energien sieht großes Potenzial dafür, mit Hilfe von intelligenten Investitionen innerhalb der nächsten paar Jahrzehnte einen großen Teil des europäischen Stroms aus sauberen Quellen zu produzieren.

Der Europäische Windkraftverband (EWEA) sagte, die Industrie plane bereits Offshore-Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 100 GW. Dies allein könne 10% der benötigten Energie Europas abdecken. „Dies zeigt das große Interesse von europäischen Unternehmern, Entwicklern und Investoren“, argumentiert der Verband in einem Bericht vom September 2009.

Aber die fehlende Netzinfrastruktur und Liquiditätsprobleme würden die Entwicklung einiger dieser Projekte verhindern, warnte die Offshore-Industrie. Sie hält stattdessen eine Stromerzeugungskapazität von 40GW bis 2020 für realistisch.

Die europäische Solarstromindustrie schätzt, dass sie bis zum Jahr 2020 12% des europäischen Strombedarfs decken könnte, wenn sie in den kommenden Jahren von vorteilhaften politischen Rahmenbedingungen unterstützt wird. Laut Studie ‚SET for 2020’, die im Juni 2009 vom Verband der Europäischen Solarstromindustrie (EPIA) veröffentlicht wurde, wird Solarstrom in Teilen Südeuropas bereits ab 2010 konkurrenzfähig sein.

„Europa muss jetzt die wichtige Rolle erkennen, die Solarstrom beim Erreichen von Zielen der Energienachhaltigkeit spielen kann“, sagte Adel El Gammal, Generalsekretär von EPIA.

Zeitstrahl

  • 30. Okt. 2006: Veröffentlichung des Stern-Reports zur Ökonomie des Klimawandels.
  • 3.-14. Dez. 2007: Bali-Klimakonferenz (COP 13) – Beginn der UN-Klimaverhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz. 
  • Dez. 2008: Klimakonferenz (COP 14) in Posen, Polen – Halbzeit der Verhandlungen; 
  • Jan. 2009: Neue US-Regierung tritt ihr Amt an. Präsident Obama verspricht engagierte Teilnahme der USA an internationalen Klimaverhandlungen. 
  • 7.-18. Dez. 2009: Klimakonferenz (CoP 15) in Kopenhagen – voraussichtlicher Abschluss der UN-Klimaverhandlungen über ein Nachfolgeabkommen für den Zeitraum ab 2012.
  • Ende 2012: Frist für die Ratifizierung des neuen Klimaabkommens und Ablauf des Kyoto-Protokolls.
  • Bis 2020: EU will Emissionen um 20% kürzen und den Anteil erneuerbarer Energie auf 20% steigern.

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