Parlament bereitet sich auf Pestizidstreit vor [DE]

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Das Europaparlament wird morgen, den 23. Oktober 2007, über einen Vorschlag zur Verschärfung der Vorschriften zur Anwendung von Pestiziden und deren Genehmigung abstimmen, da Bedenken über das Ausmaß von ‚Pflanzenschutzprodukten’ zunehmen. Landwirte und Hersteller von Pestiziden haben ihre Besorgnis geäußert, dass diese Maßnahmen zu mehr Verwaltungsaufwand führten und harmlose Substanzen vom Markt verdrängten.

  • Ein EU-weites System

Trotz der Streitigkeiten um dieses Thema scheinen sich die meisten Parteien über die Notwendigkeit eines EU-weiten Systems für die Genehmigung von Substanzen, die für Pestizide verwendet werden, einig zu sein, da die Existenz von 27 verschiedenen Genehmigungssystemen zu Schwierigkeiten führt.

Die Verordnung legt ein weithin befürwortetes, zweistufiges System dar, womit eine ‚positive Liste aktiver Substanzen’ (Inhaltstoffe, die für die Herstellung von Pestiziden verwendet werden) auf europäischer Ebene geschaffen wird. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und ein Expertenausschuss aus den Mitgliedstaaten sollen wissenschaftliche Orientierungshilfe anbieten. 

Wenn diese Liste erst einmal zusammengestellt ist, wird es Sache der Mitgliedstaaten sein, die Herstellung einzelner Pestizide zu genehmigen, wobei die zugelassenen Substanzen verwendet werden.

Eine Frage der Debatte dreht sich um die Kriterien für die Zulassung von Substanzen und die Art der Substanzen, die von der Genehmigung ausgeschlossen sind. Die Europaabgeordneten des Umweltausschusses wollen der von der Kommission vorgeschlagenen Liste verbotener Substanzen mögliche neurotoxische und immuntoxische Pestizide zufügen, und zwar auf Grundlage ihrer intrinsischen Risiken für den Menschen.

Pestizidhersteller sagen jedoch, dass die vom Umweltausschuss vorgeschlagenen Änderungen zu einem Verschwinden vieler Substanzen führten, die über lange Zeit hinweg von Landwirten in sicherer Form angewendet wurden, und die die Landwirte benötigten, um ihre Pflanzen vor Krankheiten zu schützen.

  • Zonen und Zeitpläne

Die Kommission hat ein System zur Genehmigung von Pestiziden entlang drei geographischer Zonen – Norden, Mitte und Süden – mit einer gegenseitigen Anerkennung der Zulassung zwischen den einzelnen Zonen, vorgeschlagen.

Die meisten Europaabgeordneten scheinen diese Idee jedoch abzulehnen und befürworten stattdessen die Befugnis der einzelnen Mitgliedstaaten, Pestizide, die in anderen Mitgliedstaaten genehmigt sind, entweder zuzulassen, abzulehnen oder zu beschränken.

Europaabgeordnete scheinen sich ebenfalls für kürzere Zulassungsfristen für Substanzen auszusprechen als die Kommission. Letztere hat einen Zeitraum von zehn Jahren für die Zulassung neuer Substanzen vorgeschlagen, wobei Substanzen mit niedrigem Risiko für 15 Jahre genehmigt werden können. Gemäß dieser Pläne sollten Substanzen, die leicht durch weniger giftige Stoffe ersetzt werden könnten, für nur sieben Jahre zugelassen werden.

Der Umweltausschuss hat jedoch einen Zeitrahmen von fünf statt sieben Jahren für ersetzbare Produkte vorgeschlagen. Die Europaabgeordneten stimmen weiterhin der Kommission in Hinblick auf die Erneuerung von Genehmigungen für Substanzen nicht zu: Die Kommission befürwortet eine unbefristete Erneuerung, nachdem eine Substanz einmal für einen Zeitraum von zehn Jahren zugelassen wurde. Demgegenüber sind die Europaabgeordneten der Meinung, dass eine Genehmigung nur einmal und für einen Zeitraum von nicht länger als zehn Jahren erneuert werden sollte.

  • Den Gebrauch beschränken

Die Frage, wie und wo Pestizide verwendet werden dürfen, scheint ein umstritteneres Problem innerhalb des Parlaments zu sein.

Ein Vorschlag der Grünen, die Verwendung von Pestiziden in einem Umkreis von zehn Metern Entfernung von Gewässern zu verbieten, wird von der Fraktion der EVP-ED kritisiert. Letztere ist der Meinung, dass Landwirte in wasserreichen Gebieten, wo die Anbauflächen von Wasser umgeben sind (wie in den Niederlanden), zu eingeschränkt seien.

Die EVP-ED steht ebenfalls der ‚übertriebenen’ Verpflichtungen für Landwirte kritisch gegenüber, nach denen sie öffentlichen Behörden Informationen darüber zur Verfügung zu stellen haben, welche Pestizide sie verwenden. Dies würde zu einem zu hohen Verwaltungsaufwand führen.

  • Ein zügiger Entschluss?

Der Rat sieht eine zügige Abstimmung über das Dossier vor und die portugiesische EU-Ratspräsidentschaft setzt sich für eine politische Einigung währen des Landwirtschaftsrats am 17. Dezember 2007 ein.

Die Europaabgeordnete Christa Klaas, Berichterstatterin der EVP-ED, argumentiert, dass es ‚nicht zu empfehlen’ sei, das Versprühen von Pestiziden aus der Luft in Parks und Wohnanlagen komplett zu verbieten. Stattdessen solle man die exakte, notwendige Sprühmenge festlegen und nicht chemischen Alternativen den Vorzug geben.  

Hinsichtlich der Genehmigung von Substanzen sollten Regelungen eher die richtige Menge ‚benötigter Reduktionen’ von Pestiziden festlegen, als eine lineare Reduktion von Substanzen anzuordnen, sagte Klaas. ‚Mangelhafte und unvollständige’ wissenschaftliche Informationen über Pestizide könnten zu falschen Entscheidungen seitens der Gesetzgeber führen, fügte sie hinzu.

Doch Hiltrud Breyer, die grüne Europaabgeordnete und Hauptberichterstatterin, ist der Meinung, dass Pestizide ‚toxische Substanzen’ seien, ‚hergestellt um zu töten’, jedoch landeten sie auf unseren Tellern und schließlich in unseren Körpern. Die künftige Gesetzgebung müsse sicherstellen, dass Pestizide, die schädlich für Konsumenten und die Umwelt seien, schrittweise vom Markt genommen würden, sagte sie im Anschluss an eine Abstimmung des Umweltausschusses im September.

Der Europäische Pflanzenschutzverband (ECPA) hat  in einer Pressemitteilung vom 18. Oktober 2007 den Vorwurf vorgebracht, dass die Änderungen des Umweltausschusses die ursprünglichen Pestizidvorschläge der Kommission ‚radikal verändert’ hätten, ohne eine Vorstellung von den Auswirkungen, die sie auf die Verfügbarkeit von frischen Lebensmitteln hätten, zu haben.

Diese Änderungen täten nichts, um die allgemeine Gesundheit oder den Umweltschutz zu verbessern. Es werde erwartet, dass sie den umgekehrten Effekt haben würden, da Landwirte die Hilfsmittel verlören, die sie zum Anbau von frischen Lebensmitteln, der Basis unserer gesunden Ernährung, benötigten, sagte der ECPA.

Das Pestizid-Paket, das die Kommission im Juli 2006 vorgelegt hatte, schlägt eine Verordnung vor, die eine Richtlinie von 1991 über Marktzulassungen von Pflanzenschutzprodukten (Pestiziden) aktualisieren soll, sowie eine Richtlinie, die sich mit der täglichen Verwendung von Pestiziden beschäftigt.

Die Europaabgeordneten des Umweltausschusses (ENVI) haben im Juni 2007 dafür gestimmt, die vorgeschlagenen Maßnahmen durch ein Verbot für die Verwendung von Pestiziden in öffentlichen Gebieten  zu straffen (EURACTIV vom 27. Juni 2007).

Im September 2007 hat der Ausschuss striktere Kriterien für die Bestimmung, welche Arten von Substanzen bei der Herstellung von Pestiziden verwendet werden können, gefordert (EURACTIV vom 12. September 2007).

Umweltorganisationen haben ebenfalls den Druck durch eine Kampagne erhöht, um Unterstützung für striktere Regelungen zu erhalten. Die meisten Mitgliedstaaten scheinen striktere Vorschriften für Substanzen und Nutzung zu befürworten (EURACTIV vom 21. Februar 2007).

  • 26. November 2007: Agrarrat – mögliches politisches Abkommen

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