Was, wenn die Jugend die Wirtschaftsrealität in der EU ändern könnte?

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Luis Alvarado Martinez: „Unsere Generation hat es satt, als billige Arbeitskräfte missbraucht zu werden.“ [ESB Professional/Shutterstock]

This article is part of our special report Nach der Krise: Auf der Suche nach Jobs.

In Europa freut man sich über die zwar langsame, aber stetige Steigerung der Beschäftigungszahlen sowie über das Wirtschaftswachstum. Junge Leute haben aber nach wie vor wenig zu lachen, schreibt Luis Alvarado Martinez.

Luis Alvarado Martinez ist Vorsitzender des European Youth Forum, einer Plattform, die sich aus Jugendparlamenten auf nationaler Ebene sowie internationaler Jugend-NGOs in Europa zusammensetzt.

Wir sind die Generation, die die schwersten Lasten der Wirtschaftskrise schultern muss, und für die die Gefahr von Armut und sozialer Exklusion am größten ist.

Was, wenn wir dieses Jahr die Chance hätten, dies zu ändern?

Tatsächlich ist die Chance für einen neuen Kurs in Europa in Reichweite. Die Diskussionen um den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) sind innerhalb der Europäischen Kommission schon in vollem Gange. Dieser MFR wird die politischen Prioritäten der EU für mindestens die kommenden fünf Jahre prägen und zweifellos direkte Auswirkungen auf uns Bürger haben. Die Zukunft der Jugend steht auf dem Spiel.

Was für ein Europa wollen wir also aufbauen? Wenn unsere ideale Zukunft eine Gesellschaft ist, die auf nachhaltiger Lebensweise, hochwertigen Arbeitsplätzen sowie (Chancen-) Gleichheit für alle basiert, dann ist die Antwort eindeutig: Wir müssen in die Jugend investieren. Jetzt ist der Zeitpunkt dafür.

Investitionen in die Jugend = Investitionen in Europa

Die Entscheidung, in die Jugend zu investieren, ist keine Bevorzugung einer Generation gegenüber einer anderen. Investitionen in die jüngeren Generationen bedeuten eine Sicherung der Zukunft des europäischen Projekts selbst.

Mit Investitionen in Programme wie Erasmus+ oder die Beschäftigungsinitative für junge Menschen bietet die Europäische Union hunderte Projekte mit dem Ziel, junge Leute zu unterstützen, gegen soziale und wirtschaftliche Exklusion zu kämpfen und zu verhindern, dass Diskriminierung und Hass in unserer Gesellschaft Fuß fassen können.

Man stelle sich vor, was erreicht werden würde, wenn die Gelder für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit erhöht oder das Erasmus+-Budget zehnmal größer wäre.

Jugendarbeitslosigkeit: Die EU muss den wirtschaftlichen Aufschwung nutzen

Trotz positiver Entwicklungen sieht sich die EU nach wie vor niedrigen Investitionen, hoher Jugendarbeitslosigkeit und sozialen Brüchen gegenüber.

Junge Menschen machen bereits heute einen Unterschied in unseren Gesellschaften. Sie gehen Dinge anders an und bringen Veränderungen voran. Darauf muss Europa bauen, dafür muss Europa investieren.

Aber passiert das nicht bereits?

Ja und nein.

Die gute Nachricht ist, dass die EU auf dem richtigen Weg ist. Die Jugendgarantie ist ein Beispiel dafür, wie die EU einen echten Unterschied im Leben junger Leute machen kann. Diese vielversprechende Initiative soll gewährleisten, dass alle jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten nachdem sie arbeitslos geworden sind oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben, qualitativ hochwertige Beschäftigung- oder Fortbildungssangebote erhalten. Das ist genau der Ehrgeiz, den wir brauchen!

Die weniger gute Nachricht ist allerdings, dass die Umsetzung der Jugendgarantie, die finanziell durch die Beschäftigungsinitiative unterstützt wird, bisher weniger glatt verlaufen ist. Wir sehen die ersten positiven Auswirkungen erst jetzt.

Der Wert der Jugendgarantie im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit ist unbestreitbar. Was wir aber heute sehen ist ein Graben zwischen den versprochenen Effekten und den Investitionen, die tatsächlich getätigt wurden. Gerade besonders gefährdete junge Menschen – also die Hauptzielgruppe der Jugendgarantie – wurden durch unzureichende Investitionen enttäuscht und im Stich gelassen.

Wie stellen wir also sicher, dass wir nicht weiterhin dahinter zurückbleiben, was eigentlich erreicht werden könnte?

Wir müssen direkt in die jungen Leute investieren. Das ist das Wichtigste. Wir können auch sehr viel effektiver bei der Überwachung sein, wo und wie Geld investiert wird. Um die jungen Menschen zu erreichen, die sich am weitesten von der Gesellschaft und vom Arbeitsmarkt entfernt haben, müssen wir verstehen, mit welchen spezifischen Hindernissen sie konfrontiert sind.

In dieser Hinsicht könnte die Rolle von Jugendorganisationen entscheidend sein. Sie sind in der besten Position, um den Wert und die Erfolge der Jugendgarantie zu erhöhen: Sie treten als Anknüpfpunkte zwischen Jugendlichen und potenziellen Arbeitgebern sowie Behörden vor Ort auf. Bisher können sie aufgrund von behördlichen Hindernissen und eingeschränktem Zugang zu Geldmitteln aber nicht ihr volles Potenzial entfalten.

Ein anderer Ansatz bei „Jugendthemen“

Das Europa, das junge Leute wollen, geht sehr viel weiter als diese „jeder Job ist besser als kein Job“-Mentalität.  Unsere Generation hat es satt, als billige Arbeitskräfte missbraucht zu werden und in einem ewigen Kreislauf aus unbezahlten Praktika und prekären Jobs gefangen zu sein.

Der kommende mehrjährige Finanzrahmen bietet eine Chance für ein sozialeres Europa, in dem die Europäische Säule sozialer Rechte mehr ist als eine Ansammlung von Leitgedanken. Wir brauchen konkrete Maßnahmen und ausreichende Finanzierung, um sicherzustellen, dass soziale Inklusion und soziale Rechte eine Realität für alle Menschen werden.

Um eine bessere Zukunft aufzubauen und die Lebenswirklichkeiten der jungen Europäer zu verändern, braucht es mehr als einen Blick auf die neuesten Arbeitsmarktstatistiken. Wir können nicht erwarten, die Bedürfnisse der derzeitigen und zukünftigen jungen Generationen zu befriedigen, wenn wir nicht überlegen, wie wir dies in allen Regierungsabteilungen erreichen. Das Wohl der Jugend kann nicht auf ein einzelnes Politikfeld beschränkt sein.

Wenn wir Neuerungen schaffen wollen, müssen wir sichergehen, dass Jugendinitiativen wie die Jugendgarantie Teil einer breiteren, ganzheitlichen Strategie sind. Es ist an der Zeit, eine echte Bemessungsgrundlage zu erstellen, um zu wissen, wieviel Geld die EU in die Jugend investiert. Es ist an der Zeit, ein Modell einzuführen, dass auf konkreten Ergebnissen aufbaut.

Die uns wohlbekannten Politiker-Worte, die Jugend sei die Zukunft, bedeuten absolut gar nichts, wenn sie nicht mit echten finanziellen Verpflichtungen untermauert werden. Diese finanziellen Ressourcen, die wir fordern, müssen nicht nur im kommenden MFR verankert sein, sondern auch in den Budgets der einzelnen Nationalstaaten. Damit EU-Initiativen erfolgreich umgesetzt werden, darf die Rolle der finanziellen und politischen Unterstützung durch die Mitgliedstaaten nicht unterschätzt werden.

Das European Youth Forum und unsere Mitgliedsorganisationen auf dem ganzen Kontinent sind bereit, für bessere Lebenswirklichkeiten für junge Menschen in Europa zu kämpfen. Unsere Stimme darf von den Diskussionen nicht ausgeschlossen werden.

Es ist ganz einfach: Wir können es uns nicht leisten, für die Zukunft Europas nicht in die Jugend zu investieren.

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