„Wir müssen über Konflikte reden“

Am Young Europeans' Forum nahmen rund 100 junge Europäer teil, sie sich in ihrem Heimatland sozial engagieren. [Photographer: Thomas Kunsch]

Gemeinschaft, Zugehörigkeit – was bedeuten diese Begriffe in einer Welt, die immer vielfältiger wird und zunehmend von Identitätsdebatten geprägt ist? Auf dem Young Europeans‘ Forum 2019 haben sich junge Menschen darüber ausgetauscht, was eine gute Gesellschaft ausmacht und was der einzelne für den Zusammenhalt tun kann.

Knapp 300.000 Menschen gingen im November 2018 auf Frankreichs Straßen, die Proteste dauerten Monate an. Die teilweise Brutalität der Gelbwestenbewegung, Ausdruck tiefer sozialer Unzufriedenheit, hat Frankreich erschüttert und Fragen nach der gesellschaftlichen Kohäsion des Landes aufgeworfen. Doch auch in anderen Staaten Europas werfen die Erfolge rechter Parteien und eine aggressiver werdende Debatte die Frage auf, ob der soziale Zusammenhalt der Bevölkerung bröckelt. Was ist es, das eine Gesellschaft in solchen Zeiten zusammenhält?

Auf der Suche nach Antworten debattierten rund 100 junge Europäer vom 25. bis 27. Juni in Berlin auf dem „Young Europeans Forum“, organisiert von der Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit dem Projekt Aladin und der UNESCO. Sie tauschten ihre Erfahrungen zu sozialem Engagement aus, erörterten die Herausforderungen und Chancen von kultureller Vielfalt und suchten Wege, um den nötigen gesellschaftlichen Wandel voranzubringen.

„Wir müssen über Konflikte reden“

„Soziale Kohäsion, das bedeutet vor allem Vertrauen, das Gefühl von Zugehörigkeit, aber auch kulturelle Vielfalt“, sagt Hanno Burmester, Policy Fellow bei Das progressive Zentrum, vor den Teilnehmern des Forums.

Schaut man auf Deutschland, steht es auf den ersten Blick nicht schlecht um den Zusammenhalt. Auf einer Kohäsions-Skala von Null bis Hundert ergibt sich ein gesamtdeutscher Durchschnitt von 61 Prozent, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung vom Jahr 2017 bemisst. Aber das ist nicht überall so: Besonders im mediterranen Raum, wo die Wirtschaftskrise auch tiefe soziale Risse hinterlassen hat, zeigen die Statistiken deutlich niedrigere Werte der sozialen Kohäsion. Auch das Ehrenamt ist seltener als im wohlhabenden Norden Europas.

[Photographer: Thomas Kunsch]

Der am häufigsten erlebte Störfaktor für gesellschaftlichen Zusammenhalt in Europa ist laut einer Studie der EU-Organisation Eurofound das Spannungsfeld zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen – 40 Prozent der Europäer geben an, solche Spannungen in ihrem sozialen Umfeld wahrzunehmen. Das trifft besonders Belgien, Frankreich, Irland, Österreich, Deutschland und Italien.

Doch auch in Skandinavien, das durch niedrige Werte der sozialen Exklusion auffällt, wirft die Integrationsdebatte Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. „Viele Muslime in Schweden sind verunsichert und wissen nicht, wo sie hingehören. Da gibt es noch immer starke Identitätsprobleme“, sagt Tuba, eine der Teilnehmerinnen des Young European Forums. Die junge Muslima engagiert sich in Schweden in der Organisation Swedish Muslims for Peace and Justice. „Über uns Schweden sagt man, dass wir Konflikten gerne aus dem Weg gehen. Aber wenn wir nicht über Probleme der Integration sprechen, schadet das der Qualität der öffentlichen Debatte. Wir müssen über Konflikte reden“, fügt sie hinzu. Dafür sei sie nach Berlin gereist, um mit anderen Europäern zu erörtern, welche Rolle das soziale Engagement dabei spielen kann.

Kulturelle Vielfalt schafft Raum für Debatten

Das Thema Immigration taucht immer wieder in den Gesprächen über sozialen Zusammenhalt auf. Ist Einwanderung schädlich für die Kohäsion, hat Vielfalt auch ihre Grenzen?

Wenn sie geordnet, integrativ und gerecht vorgeht, dann nicht, so klingt der Konsens. Im Gegenteil, kulturelle Vielfalt könne eine Bereicherung sein, findet Jan-Paul aus Brüssel. Er engagiert sich in der pan-europäischen Partei VOLT und möchte lernen, wie sozialer Zusammenhalt in verschiedenen europäischen Ländern gelebt wird. „Das wertvollste für mich war zu sehen, was es andernorts für lokale Lösungen gibt, soziale Kohäsion zu fördern. Brüssel hat einen extrem hohen Teil an Ausländern, daher ist es für uns wichtig zu sehen, wie das Zusammenleben in anderen Städten gestaltet wird.“

Dass kulturelle Diversität dem Zusammenhalt einer Gesellschaft keineswegs schaden muss, zeigen Studien der Integrationsforschung. So sind 58 Prozent der Deutschen laut der Studie der Bertelsmann Stiftung sogar der Meinung, dass Deutschland durch die Aufnahme von Migranten zu einem besseren Ort wird. Rund 60 bis 70 Prozent der Bürger, die eine persönliche Begegnung mit Geflüchteten hatten, bewerten diese als positiv. Dennoch bleibt ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Bevölkerung der kulturellen Vielfalt gegenüber kritisch.

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Um niemanden außen vor zu lassen, darf das Zwischenmenschliche nicht übersehen werden, meint Hanno Burmester. „Das einzige, das soziale Kohäsion stärkt, sind ehrliche Begegnungen und gute menschliche Beziehungen.“ Kohäsion ist für ihn das Ergebnis eines Prozesses, der Raum schafft für qualitative menschliche Beziehungen. „Dazu braucht es an erster Stelle ein gutes Verhältnis zu einem selber“. Dem einzelnen müsse es also gut gehen, damit er zur Kohäsion seiner Gemeinschaft beitragen kann.

Ein unausgewogenes Wirtschaftssystem

Doch das reicht nicht aus, damit eine Gesellschaft friedlich funktioniert: „Beim Thema soziale Kohäsion geht es im Kern auch um die Frage, ob wir unseren demokratischen Institutionen vertrauen“, betont Stephan Vopel, Direktor der Bertelsmann-Stiftung, in seiner Rede. Zustimmung kommt vom Autor und Aktivisten Lorenzo Masili: Besonders bei der Integrationspolitik seien viele Institutionen gescheitert und hätten damit rechtspopulistischen Kräften Raum geben. „Italien hat beim Migrationsmanagement versagt. Der Staat ist nicht in der Lage, selbst diejenigen Migranten unterzubringen, die Bleiberecht haben. Die Folge ist, dass viele auf der Straße schlafen – das schafft ein Gefühl von Krise, von Invasion.“

Dennoch seien die existierenden Institutionen das einzig wirkungsvolle Instrument zur Stärkung der Gesellschaft. „Sie sind die einzige Alternative zum starken Mann der populistischen Rechten. Denn die Orbans, Salvinis, Kaczynskis oder Farages machen die Probleme, denen sie ihren Erfolg verdanken, nur noch schlimmer.“

Immigration ist aber nicht der wahre Grund für die wachsende politische Spaltung Europas, meinen sowohl Masili als auch Burmester. „Über soziale Kohäsion kann man nicht sprechen, ohne über wirtschaftliche Ungerechtigkeit zu sprechen“, sagt Masili.

Dass es sie gibt, und dass die wirtschaftliche Schere politische Sprengkraft besitzt, machen jüngste Zahlen der OECD deutlich: Demnach macht sich fast jeder zweite Deutsche Sorgen darum, im Alter zu verarmen. Der Anteil der armutsgefährdeten Menschen ist seit 1990er-Jahren angestiegen und beträgt derzeit über 16 Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig stiegen die Einkommen der obersten zehn Prozent um 35 Prozent im Vergleich zu den 90er Jahren, gibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung an. Wirtschaftlicher Zuwachs ist also kein Garant mehr für soziale Sicherheit, die Einkommensschere geht auseinander.

Die Bemühungen der EU-Kommission, diesem Trend entgegenzusteuern und einen politischen Rahmen für sozial faire Lebensbedingungen auf europäischer Ebene schaffen zu wollen, können nur bedingt helfen. Seit im November 2017 die Europäische Säule sozialer Rechte ausgerufen wurde wurden zwar mehrere Initiativen zur Stärkung der Sozialsysteme und des Arbeitsschutzes in der EU auf den Weg gebracht. Doch letztendlich bleiben Arbeits- und Sozialpolitik in der Verantwortung der einzelnen Mitgliedsstaaten.

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Politischer Aktivismus als Schlüssel zum Zusammenhalt?

Reformen des Arbeitsmarkes – für Lorenzo Masili reicht das alleine nicht aus. Er fordert einen viel tiefergehenden Wandel: „Unsere Demokratie muss ihre Abhängigkeit von einem höchst unfairen Wirtschaftssystem überwinden. Wir müssen die Strukturen aufbrechen, in denen einige wenige viel Macht besitzen, weil das Kapital sich bei ihnen konzentriert. Denn damit haben informelle Lobbynetzwerke viel mehr politische Macht als der gemeine Bürger. Wir müssen das Vertrauen der Menschen in diese demokratischen Strukturen zurückgewinnen.“

Darin sind sich auch die Teilnehmer des Young Europeans‘ Forum einig. Das Vertrauen in die demokratische Grundordnung müsse stark sein. Doch getragen wird jede Gesellschaft von ihren Mitgliedern, vom kommunalen Engagement.

In seinem Vortrag nennt Masili das “politischen Aktivismus”. Es seien die Bürger, die Demokratie schaffen. „Das können sie auch über Staaten hinweg tun – durch transnationale Bewegungen, Gewerkschaften oder Medien. Das zivilgesellschaftliche Engagement sei das, was Zusammenhalt schafft, meint er.

In seinem Heimatland Italien könne zum Beispiel durch den Einfluss der Kirche viel bewegt werden: „Wie wäre es denn, wenn einmal im Monat im Gottesdienst aller kleinen Gemeinden ein Geflüchteter seine Geschichte erzählen dürfte. Wo er herkommt, warum er zu uns gekommen ist. Dann würde das passieren, was soziale Kohäsion ausmacht: Ein Mensch, zu dem man keine Beziehung hat, der vielleicht sogar Feindbild ist, wird plötzlich zu jemandem den man kennt.“

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