Jugendliche Sündenböcke

"Wir fordern die Staats- und Regierungschefs der EU auf, die Fehler der Finanzkrise nicht zu wiederholen, sondern in eine nachhaltige Zukunft für junge Menschen sowie in hochwertige Arbeitsplätze zu investieren," so das Europäische Jugendforum. [Shutterstock/Halfpoint]

Europas Jugend fordert die Staats- und Regierungschefs der EU auf, ihnen nicht länger die Schuld an der zweiten Pandemie-Welle in die Schuhe zu schieben. Vielmehr solle die Politik die Realität anerkennen, dass viele junge Menschen arbeitslos sind, immer noch bei ihren Eltern leben müssen und gleichzeitig an vorderster Front im Kampf gegen das Virus stehen.

„Jemanden zum Sündenbock zu machen ist immer einfach. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, einzelne Gruppen für die Krise verantwortlich zu machen: Alle sind in unterschiedlicher Hinsicht betroffen,“ erinnert Carina Autengruber, Vorsitzende des Europäischen Jugendforums (EJF) im Gespräch mit EURACTIV.com. „Gerade Politikerinnen und Politiker müssen eine Botschaft des Mitgefühls übermitteln. Sie müssen an der Seite der Bürgerinnen und Bürger stehen und sie unterstützen,“ fordert sie.

Da die Neuinfektionen mit COVID-19 in den vergangenen Wochen in vielen Teilen Europas deutlich angestiegen sind, meinen viele Beamte, die sozialen Interaktionen junger Menschen als eine Quelle dieses Wiederaufflammens ausgemacht zu haben. Die Debatte um Neuinfektionen droht so zu einem Generationenkonflikt zu werden.

Berichte und Bilder von sogenannten „Corona-Partys“, die von der Polizei aufgelöst werden müssen, und von Jugendlichen, die sich nicht an die Abstandsregelungen halten, hat es seit Beginn der Pandemie tatsächlich häufig gegeben. Sie schaffen ein Bild einer jungen Generation, die sich egoistisch und scheinbar sorglos in Bezug auf gefährdete Gruppen oder gar die Gesellschaft im Allgemeinen verhält.

"Ich mache mir Sorgen, dass unsere Jugend eine verlorene Generation wird"

Wenn die Politik die gegenwärtige Krise nicht nutzt, um in junge Menschen zu investieren und eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen, wird Europas Jugend zu einer „verlorenen Generation“, warnt Carina Autengruber.

Diverse Politikerinnen und Politiker sowie Medien haben auf die eine oder andere Weise versucht, die Schuld für die zweite Welle auf die Jugend abzuwälzen: Ein Politiker, der dies öffentlich und deutlich machte, war der konservative griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis: „Unsere Pläne wurden durch das Verhalten einiger unverantwortlicher Leute zunichte gemacht […] Der Hauptschwerpunkt bei der weiteren Verbreitung des Virus lag bei den jungen Leuten, die Party machen wollten,“ berichtete er dem griechischen Parlament.

Nach Ansicht des Jugendforums ist das Gesamtbild dann doch etwas komplexer.

„Viele junge Menschen leben immer noch bei ihren Eltern, nicht selten haben sie nicht einmal genug Platz. Jeder sechste Mensch hat während der Pandemie seine Arbeit verloren,“ erinnert Autengruber und fügt hinzu, dass gerade die ungewisse Zukunft für die Zeit nach Corona den jungen Menschen Kopfzerbrechen bereitet.

„Wir fordern die Staats- und Regierungschefs der EU auf, die Fehler der Finanzkrise nicht zu wiederholen, sondern in eine nachhaltige Zukunft für junge Menschen sowie in hochwertige Arbeitsplätze zu investieren,“ erklärt die Aktivistin daher.

Autengruber hebt auch die hohe Zahl junger Menschen hervor, die im Gesundheitssektor arbeiten, also an vorderster Front im Kampf gegen COVID-19, sowie im Einzelhandelssektor wie etwa in Supermärkten, wo sie täglich dem Virus ausgesetzt sind. Darüber hinaus seien überproportional viele junge Menschen ehrenamtlich tätig: „Wir helfen der Gesellschaft, diese Krise zu überstehen.“

EU-Parlament fordert Einsatz gegen Jugendarbeitslosigkeit und unbezahlte Praktika

EU-weit steigt die Jugendarbeitslosigkeit. Da sich der Trend angesichts der Pandemie noch verschärft hat, fordert das EU-Parlament von der Kommission und den Nationalstaaten verstärkte Unterstützung für Jugendliche in prekären Arbeitsverhältnissen.

Und auch Umfragen sprechen nicht für die Argumente konservativer Politiker wie Mitsotakis: Laut einer kürzlich durchgeführten YouGov-Studie halten sich 83 Prozent der Jugendlichen ganz oder überwiegend an die Maßnahmen und Empfehlungen zur Bekämpfung der Pandemie. Nur zwei Prozent halten sich nicht daran.

Auf politischer Ebene ist in den meisten Mitgliedsstaaten das Image einer Jugend, die angeblich sorglos mit Coronaviren um sich schmeißt, ebenfalls etwas nuancierter.

In Deutschland hat man sich dafür entschieden, per Werbung das Leben als „Couch-Potatoe“ zu feiern. Ebenso werden die „namenlosen Helden“ der Pandemie geehrt. Die Videos wurden über soziale Medien stark verbreitet. Viele lobten gar den „Humor“ der deutschen Regierung sowie die allgemeine Botschaft, die Abstandregeln einzuhalten – statt einzelne Regelverstöße junger Menschen hervorzuheben.

Auch in Frankreich hat die Regierung anerkannt, dass junge Menschen besondere Schwierigkeiten und Probleme während der Pandemie erleben. Kurzzeitig geisterte sogar die Idee im Raum, lediglich Ältere in den Lockdown zu zwingen. Regierungssprecher Gabriel Attal teilte allerdings mit, eine solche Idee sei zumindest „ethisch problematisch“.

Die spanische Politik hat sich grundsätzlich bemüht, Schuldzuweisungen zu unterlassen. Lediglich das Gesundheitsministerium hat explizit junge Menschen angesprochen und mehrfach dazu gemahnt, vorsichtig zu sein, da sie schließlich ein Infektionsherd sein und ältere Menschen in Gefahr bringen könnten.

Dennoch hört man in Alltagsgesprächen des Öfteren von der angeblich „unverantwortlichen Jugend“, die sich nicht an die Regeln hält, berichtet EURACTIVs Medienpartner Euroefe. Dieses Narrativ werde von Berichten genährt, die Polizei habe tatsächlich mehrere illegale Partys auflösen müssen.

In Italien hat die Regierung es ebenfalls vermieden, öffentlich junge Menschen für das Wiederaufflammen von COVID-19 verantwortlich zu machen. Angesichts der Einschränkungen, die insbesondere die Jugend betreffen, und einer entsprechenden Medienberichterstattung dürfte dennoch ein allgemeines Gefühl genährt worden sein, dass insbesondere junge Menschen unverantwortlich handeln.

EGB: Arbeitslosigkeit wird sich verdoppeln, wenn außerordentliche Maßnahmen nicht verlängert werden

Die Zahl der Arbeitslosen in der EU könnte sich verdoppeln und auf 30 Millionen ansteigen, wenn die Regierungen ihre Unterstützungsmaßnahmen als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie nicht verlängern, warnten die Gewerkschaften die EU-Regierungen.

In Finnland kamen die wütendsten Kommentare indes von Ärzten, Gesundheitsexperten und aus der Lokalpolitik. Vor allem der Bürgermeister von Helsinki, Jan Vapaavuori (NCP), und seine Stellvertreterin, Nasima Razmyar (SDP), kritisierten das angeblich unverantwortliche Verhalten von Jugendlichen und Studierenden.

Im Osten der EU fokussiert man sich derweil eher auf kollektive Anstrengungen: In der Tschechischen Republik wurden junge Menschen nicht für den Ausbruch von COVID-19 verantwortlich gemacht. Lediglich der Ex-Gesundheitsminister Roman Prymula bemängelte, „die junge Generation“ sehe Maßnahmen gegen COVID-19 als „nicht wichtig“ an.

Prymula ist inzwischen zurückgetreten, nachdem er gegen seine eigenen Anti-Coronavirus-Maßnahmen verstoßen hatte.

Im Nachbarland Slowakei konzentriert sich die Mediendebatte auf die Auswirkungen der Lockdowns auf Kinder, da diese besonders unter einem Mangel an angemessener Bildung und sozialen Kontakten leiden.

In Serbien sind explizit alle Bürgerinnen und Bürger aufgefordert worden, die Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung zu befolgen. Im Gegensatz dazu sind die sozialen Medien mit Fotos und Videos regelrecht überschwemmt worden, die diverse Belgrader Clubs zeigen, die gegen die Regeln verstoßen, indem sie beispielsweise nach 23:00 Uhr geöffnet haben.

Die Besucherinnen und Besucher dieser Clubs waren – wenig überraschend – vorwiegend junge Leute.


 

(Lucie Duboua-Lorsch, EURACTIV.fr | Alessandro Follis, EURACTIV.it | Zuzana Gabrižová, EURACTIV.sk | Fernando Heller, EUROEFE | Vlagyiszlav Makszimov, EURACTIV.com | Julia Simic, EURACTIV.rs | Željko Trkanjec, EURACTIV.hr | Pekka Vanttinen, EURACTIV.com | Aneta Zachova, EURACTIV.cz) 

[Bearbeitet von Sarantis Michalopoulos, Zoran Radosavljevic, Tim Steins]

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