Die duale Berufsausbildung in Deutschland – Blaupause für Europa?

Bundesfinanzminister Peter Altmaier (CDU) hat eine genaue Prüfung der Auswirkungen der US-Steuerreform auf die Wirtschaft der EU angekündigt. [shutterstock/ALPA PROD]

This article is part of our special report Nach der Krise: Auf der Suche nach Jobs.

Um der stagnierend hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu begegnen, hat die EU eine Reihe von Initiativen und sogenannten „Garantien“ verabschiedet. Eine langfristige Strategie könnte in der Adaption eines dualen Ausbildungssystems in anderen EU-Staaten liegen, das sich in Deutschland seit Jahren gut behauptet.

In Portugal hat Mafalda Informatik studiert. Arbeit fand sie nach ihrem Abschluss nicht. „Das Studium war viel zu praxisfern, zu viel Theorie, die mir auf dem Arbeitsmarkt wenig genutzt hat,“ so die 26-jährige Portugiesin. „Entweder macht man in Portugal eine Lehre – dann fehlen dir aber oft die theoretischen Grundlagen. Oder du studierst wie ich und dann können die Betriebe oft nichts mit dir anfangen, weil dir die praktische Erfahrung fehlt.“

Seit einem Jahr macht Mafalda eine Ausbildung zur Elektronikerin in einem Berliner Unternehmen. „Hier darf ich mit den modernsten Systemen arbeiten und habe nach der Ausbildung gute Chancen, in meinem Beruf auch arbeiten zu können. Ob das nun hier in Deutschland ist, oder in Portugal“.

Die Verbindung von Theorie in einer Berufsschule und Praxis in einem Ausbildungsunternehmen hat in Deutschland bereits Tradition. Mithilfe des sogenannten dualen Berufsbildungssystem soll die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt besser und schneller gelingen.

Mangelnde berufliche Qualifikation als Hemmschuh

Waren laut Destatis im November 2017 durchschnittlich 18,2% der Jugendlichen in der Eurozone arbeitslos, so liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland mit 6,6% im internationalen Vergleich auf einem sehr niedrigen Niveau. Nicht nur deshalb ist das Interesse am deutschen Berufsbildungssystem sehr groß.

In einer Umfrage von McKinsey (2013) in acht europäischen Ländern gaben 27% der befragten Unternehmen an, dass sie Stellen nicht besetzen konnten, da die Jugendlichen nicht über die entsprechenden Qualifikationen verfügten.

Erst im November 2017 hat die Europäische Kommission eine Empfehlung mit 14 Schlüsselkriterien für hochwertige und nachhaltige Berufsbildung vorgestellt. Die Initiative soll den Mitgliedstaaten aus dem Bildungsbereich Vorschläge an die Hand geben, wie Berufsausbildung hochwertig und nachhaltig an die Anforderungen des Arbeitsmarkts angepasst werden kann.

„Kriterien, die in Deutschland im Wesentlichen schon längst umgesetzt sind“, so Dr. Regina Flake, verantwortlich für das Projekt Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Ein Patentrezept für andere Länder gebe es aber dennoch nicht, so Flake. „Was in Deutschland selbstverständlich ist, nämlich, dass deutsche Unternehmen die duale Ausbildung unterstützen und sogar eine Ausbildungsvergütung zahlen, ist in anderen europäischen Ländern eben nicht so selbstverständlich. Aus diesem Grund ist ein Wissenstransfer sehr wichtig, wohl wissend, dass man Ausbildungssysteme nicht eins zu eins kopieren kann.“  

Andere Länder, andere Traditionen

Die Studie des IW*, an der Flake mitwirkte, zeigt, dass die für die duale Ausbildung notwendigen Rahmenbedingungen in den analysierten sieben europäischen Ländern sehr unterschiedlich sind. „Die Berufsausbildung bleibt in vielen Ländern noch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück“, heißt es in der Studie.

Damit praxisnahe Berufsausbildungen der jungen Generation einen leichteren Weg in die Arbeitswelt ermöglichen, braucht es ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Sozialpartner, anpassungsfähige Ausbildungspläne, aber auch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen, die den Arbeitsmarkt stimulieren. „Hinzu kommt vor allem in den südeuropäischen Ländern ein großes Imagestigma der Berufsausbildung“, so Flake. Eine Berufsausbildung hat meist ein geringeres Ansehen als ein Studium. Deshalb müssten Politik und Wirtschaft gemeinsam stärker dafür sorgen, dass eine berufliche Ausbildung von den Jugendlichen wie auch von ihren Eltern als attraktive, gleichwertige Option wahrgenommen wird.

Wo bleibt die Jugend in den Zukunftsplänen der Europäischen Kommission?

Was kann Europa tun, um Bildung gerechter zu gestalten und diese besser an die zukünftige Industrie 4.0 anzupassen? EURACTIV fragt den verantwortlichen EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, Tibor Navracsics.

Auch die Berufsberatung müsste dementsprechend angepasst werden – ein Prozess, der nicht kurzfristig erfolgen kann, aber wesentlich für die erfolgreiche Einführung von dualen Ausbildungssystemen ist.

Maßnahmen, wie die so genannte „Jugendgarantie“ der EU-Kommission haben indes wenig gebracht. Nicht nur, dass die „Garantie“, jedem arbeitslos gewordenen Jugendlichen spätestens nach vier Monaten eine Beschäftigung oder einen Ausbildungsplatz zur Verfügung zu stellen, nicht eingelöst worden ist. Auch andere Studien verweisen darauf, dass 2017 vielmehr die Hälfte aller arbeitslosen Jugendlichen in der EU schon länger als sechs Monate arbeitslos waren.

Erfolgsstory, aber keine Blaupause

„Für meine Eltern war es nicht einfach, als ich mich entschieden hatte, nach meinem Studium noch eine Berufsausbildung zu beginnen – und dann noch so weit weg, in Deutschland“, erzählt Mafalda. „Aber so eine Ausbildung wie hier, gibt es eben in Portugal nicht. Und vielleicht kann ich sogar in diesem Betrieb bleiben. Ich mag das Arbeitsklima und auch das Angebot an Weiterbildungen. In meinem Beruf gibt es ständig technische Entwicklungen. Will ich zukünftig am Arbeitsmarkt gefragt bleiben, muss ich mich auch weiterbilden können.“

Damit die Kombination aus arbeitsweltbasiertem Lernen und Berufsausbildung in Europa keine Ausnahme bleibt, tragen laut Flake folgende Faktoren zum Erfolg bei: eine starke Einbindung der Sozialpartner, eine hohe Mobilität der Jugendlichen, ein besseres Image für die Ausbildung und gezielte Berufsberatung, Ausbildungspläne, die mit den aktuellen Entwicklungen Schritt halten, inhaltspezielle Angebote für leistungsstarke und leistungsschwache Jugendliche sowie die Durchlässigkeit des gesamten Bildungssystems.

Gerade was die Durchlässigkeit und die Flexibilität der Ausbildungspläne betrifft, so kann auch Deutschland noch von seinem europäischen Nachbarn Schweiz viel lernen. Bildungssysteme sind eben nicht nur nicht kopierbar, sondern auch nicht starr.

 

*Die Studie wurde gemeinsam durch das IW, die Hans-Böckler-Stiftung der Gewerkschaften, die Vodafone Stiftung Deutschland sowie die Konrad-Adenauer-Stiftung finanziert.

Hintergrund

Am 5.10.17 hat die Europäische Kommission eine Empfehlung mit 14 Schlüsselkriterien für hochwertige und nachhaltige Berufsbildung vorgestellt.

Diese Initiative in Form einer Empfehlung des Rates ist Teil der neuen europäischen Agenda für Kompetenzen vom Juni 2016. Sie ist ebenso Teil der neuen europäischen Agenda für Kompetenzen vom Juni 2016 und basiert auf einer breit angelegten Konsultation.