Brexit: Tritt Großbritannien auch aus dem Erasmus-Programm aus?

Dr. Hywel Ceri Jones gilt als einer der "Erfinder" des Erasmus-Austauschprogramms. [Wales in Europe]

Sollte Großbritannien mit dem Brexit auch nicht mehr am beliebten Erasmus-Austauschprogramm teilnehmen, könnte dies insbesondere für Wales „massive“ Auswirkungen haben, glaubt ein ehemalige EU-Beamter, der an der Einführung des Programms 1987 mitwirkte.

Dr. Hywel Ceri Jones war zwischen 1973 und 1998 zunächst Generaldirektor für Bildung und darauffolgend Generaldirektor für Sozialpolitik der Europäischen Kommission. Er warnt, dass Wales sich „riesiger Herausforderungen“ gegenüber sehen könnte, wenn das EU-Austauschprogramm nach dem Brexit nicht beibehalten wird.

Der Waliser war innerhalb der Kommission einer der Hauptantreiber, als das Erasmus-Programm in den 1970er- und 80er-Jahren Gestalt annahm. Nun fürchtet er, diese Errungenschaften könnten verlorengehen. Während die walisische Regierung mit einem Papier öffentlich für das weitere Engagement Großbritanniens in Erasmus wirbt, hat sich die gesamtbritische Führung in London noch nicht klar positioniert.

„Die Behörden in Wales werden vor einer riesigen Aufgabe stehen, wenn alle europäischen und internationalen Partnerschaften ersetzt werden müssen, mit denen bisher sichergestellt wird, dass unsere jungen Menschen auf jeglicher Ebene dafür ausgebildet werden, in einer globalisierten und sich weiter globalisierenden Welt erfolgreich zu sein,” sagte Jones gegenüber der BBC.

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Erasmus ist das bisher erfolgreichste Instrument, das der EU für die Ausbildung und Integration der europäischen Jugend zur Verfügung steht. Jetzt stehen Struktur, Geltungsbereich und die Finanzierung des Programms unter einer weiteren Reform.

Weiter erklärte er: „Die walisische Regierung hat im Prinzip empfohlen, Erasmus fortzuführen, wenn der Brexit kommt. Aber wir wissen nicht, was die britische Position ist. Ich will die Regierung Wales‘ unterstützen, aber ihre Bemühungen sind leider von der Entscheidung der britischen Regierung isoliert.“

In Großbritannien hat sich die Zahl der Erasmus-Teilnehmer seit 2008 jedes Jahr kontinuierlich erhöht. Vergangenes Jahr profitierten fast 3000 Waliser von subventionierten Studien- oder Arbeitsaufenthalten im Ausland.

Das Programm feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Bei einer Jubiläumsfeier in Cardiff wies Jones daraufhin, dass der tatsächliche Umfang von Erasmus der Öfffentlichkeit nach wie vor weitgehend unbekannt sei. Insbesondere das globale Programm Erasmus+ werde häufig als ein inter-universitäres Projekt angesehen; dabei nehmen in Wirklichkeit auch Schulen und andere Ausbildungsinstitutionen teil, so Jones.

Großbritannien hat sich bisher lediglich bereit erklärt, seinen finanziellen Verpflichtungen unter Erasmus+ bis zum Austritt nachzukommen. Wie es nach März 2019 weitergeht, kann allerdings erst in der nächsten Verhandlungsphase mit der EU besprochen werden.

Bis 2020 werden mehr als 5,5 Millionen Studenten und 9 Millionen Menschen insgesamt an Erasmus+ in der ganzen Welt teilgenommen haben, erklärte Jones. Sein „Geburtstagswunsch” für das Programm sei es, dass Großbritannien nun seine zukünftige Mitgliedschaft im Programm über 2019 hinaus sichert.

Übersicht der EU-Kommission, seit wann welche Länder an Erasmus teilnehmen.

Der Schöpfer des Programms?

Während Jones sich um die walisische Erasmus-Zukunft sorgt, ist ein Streit darüber entbrannt, wer das Austauschprogramm eigentlich erfunden hat.

So hat sich die italienische Professorin Sofia Corradi selbst als „Mamma Erasmus“ bezeichnet, und ihre Verdienste für das Programm wurden im Februar 2016 geehrt, als die Stiftung European Academy of Yuste Foundation ihr den Carlos-V-Preis verlieh. Ihr Anspruch auf den Titel „Erasmus-Erfinderin“ wird jedoch von einigen Kollegen bezweifelt, darunter von ihrem Landsmann Domenico Lenarduzzi, der gemeinsam mit Dr. Hywel Ceri Jones in der Kommission tätig war.

Als Hauptverantwortlicher für die Bildungspolitik der EU-Kommission zu dieser Zeit arbeitete Lenarduzzi eng mit Jones sowie mit Franck Bianchieri zusammen, der später das europäische Studentennetzwerk AEGEE gründete.

Bianchieri behauptet, er habe den damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand dazu gebracht, ein europaweites Universitätsprogramm zu unterstützen und den Europäischen Gerichtshof davon zu überzeugen, dass Bildungspolitik (auch) in den Zuständigkeitsbereich der EU falle.

Auch Jones erklärt, er habe die Idee entwickelt, gemeinsame Lehrpläne zwischen europäischen Universitäten zu entwickeln – sowohl in seiner Zeit bei der Kommission als auch schon vorher an der University of Sussex. Er schreibt allerdings auch dem inzwischen verstorbenen Altiero Spinelli sowie dem britisch-deutschen Kommissar Ralf Dahrendorf wichtige Beiträge zu. Letzterer habe einen wichtigen ersten Durchbruch mit den Bildungsministern der Mitgliedstaaten erreicht.

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Als weitere „Väter des Erasmus-Programms“ gelten auch der ehemalige Wettbewerbskommissar Peter Sutherland aus Irland, der die Erasmus-Idee als erster offiziell vorstellte sowie sein Nachfolger, der Spanier Manuel Marin, der das Programm mit dem EU-Rat verhandelte.

Die Frage nach dem oder der wahren Schöpferin von Erasmus bleibt somit offen. Sicher ist jedoch, dass das Projekt weitläufig als eines der erfolgreichsten und greifbarsten Errungenschaften der EU für die europäische Gesellschaft angesehen wird.

Mit Hinblick auf den Brexit sollte ohnehin eher seine Zukunft als sein Stammbaum im Fokus stehen.

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