Auschwitz – ein Ort und seine erschütternde Geschichte

Der Eingang zum Konzentrationslager Auschwitz, genannt "Tor des Todes". [STANISLAW MUCHA/EPA]

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

Weltweit erinnert der Holocaust-Gedenktag an die Verbrechen der Nazis. Am 27. Januar 1945 befreite die sowjetische Armee die Häftlinge des KZ Auschwitz. Was sie vorfand, ist bis heute unfassbar.

Über 25 Millionen Menschen haben die Gedenkstätte des früheren KZ Auschwitz in Südpolen seit ihrer Eröffnung 1947 besucht. Inzwischen kommen jedes Jahr mehr als 2 Millionen Besucher aus aller Welt dorthin. Ungefähr 50 Kilometer westlich von Krakau erstreckte sich bis 1945 das riesige Gelände des gesamten NS-Lagerkomplexes, vor den Toren der kleinen Stadt Oświęcim. Heute befinden sich auf dem Areal ein staatliches Museum und die Gedenkstätte.

Zu dem zentralen Vernichtungslager der Nazis gehörten neben den drei Hauptlagern noch unterschiedlich große Neben- und Außenlager – eine industrielle Vernichtungsmaschinerie unvorstellbaren Ausmaßes. Allein das Museum im Stammlager Auschwitz und die weitläufige Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, wie man sie heute besichtigen kann, umfassen 191 Hektar.

Was sich hinter dem Begriff „Auschwitz“ an historischen Fakten und Zahlen, an Geschichte und an Verantwortung für die Zukunft verbirgt, haben wir hier zusammengefasst:

1. Die Stadt Oświęcim (Auschwitz)

Lange bevor der Name durch das deutsche Konzentrationslager bekannt wurde, war Auschwitz (polnisch: Oświęcim) eine kleine Stadt mit einer wechselvollen Geschichte. Mal gehörte sie zum Herrschaftsgebiet der Österreicher, mal als Herzogtum Auschwitz zum Königreich Böhmen, mal zu Preußen – und später wieder zum Königreich Polen. Urkundlich wurde der Ort Oświęcim erstmals um das Jahr 1200 erwähnt. 1348 wurde er dem Heiligen Römischen Reich einverleibt, Deutsch wurde Amtssprache.

Als Oświęcim um 1900 Haltepunkt für die Eisenbahn wurde, ging es wirtschaftlich mit der Stadt aufwärts. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde die Stadt wieder Teil von Polen. Für die vielen Saison- und Wanderarbeiter in den umliegenden Industriegebieten Oberschlesiens und Böhmens wurden Unterkünfte benötigt. Untergebracht wurden sie in neu errichteten, gemauerten Häusern und Holzbaracken. Die Gebäude sollten später die Basis des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Auschwitz bilden.

Kurz nach Kriegsbeginn im September 1939 wurde Oświęcim von der deutschen Wehrmacht besetzt und vom Deutschen Reich annektiert. 1940 konnte die SS unter Führung von Heinrich Himmler das Areal schnell und ohne viel baulichen Aufwand zum KZ umfunktionieren, ins Stammlager Auschwitz I. Später kam das riesige Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) dazu, das man aus den historischen Luftaufnahmen der US-amerikanischen Luftwaffe und der britischen Royal Air Force kennt.

Seehofer verbietet rechtsextreme Gruppe "Combat 18 Deutschland"

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat die rechtsextreme Gruppe „Combat 18 Deutschland“ verboten. 

2. Die jüdische Bevölkerung

Vor dem Zweiten Weltkrieg war etwa die Hälfte der 14.000 Einwohner von Oświęcim jüdischen Glaubens. Die jüdische Gemeinde war durch Zuwanderung stark angewachsen, die Zahl der Deutschstämmigen im Ort unbedeutend gering. Nach dem Überfall von Hitlers Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 und der militärischen Besetzung des Landes änderte sich das schlagartig.

Die jüdische Bevölkerung musste der rassenpolitischen „Bereinigung“ der Nazis weichen und umgesiedelten Deutschen Platz machen. Die verbliebenen polnischen Juden lebten anfangs eng zusammengepfercht und isoliert von der übrigen Bevölkerung in der Altstadt von Oświęcim. Viele wurden ab 1940 von der SS als billige Arbeitskräfte beim Ausbau des geplanten Konzentrationslagers eingesetzt.

3. Der strategische Knotenpunkt

Die Stadt Oświęcim lag an einem für die Nazis strategisch günstigen Eisenbahnknotenpunkt im Osten: Hier kreuzten sich die südlichen Bahnlinien aus Prag und Wien mit denen aus Berlin, Warschau und den nördlichen Industriegebieten Schlesiens. Die Planungsstäbe der SS-Führung und des zuständigen Reichssicherheitshauptamtes in Berlin fanden hier alle Voraussetzungen für die geplanten Massentransporte aus dem sogenannten „Altreich“ vor, also den Gebieten Deutschlands in den Grenzen von 1937.

Verantwortlich für den reibungslosen Bahntransport der Deportierten in die Vernichtungslager im Osten war SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Er hatte im Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Aktenlage für die berüchtigte „Wannsee-Konferenz“ am 20. Januar 1942 vorbereitet.

Auf Einladung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD, fand in der noblen Villa am Großen Wannsee eine Besprechung leitender Ministerialbeamter mit Vertretern der SS und NSDAP statt. Beschlossen wurde der mörderische Plan einer „Endlösung der europäischen Judenfrage“. Im Protokoll aufgeführt sind alle europäischen Länder, aus denen Juden mit Eisenbahnzügen deportiert werden sollten.

4. Das Lagersystem

Auschwitz war nach Dachau (1933 als erstes KZ errichtet), Sachsenhausen, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen und dem Frauenlager Ravensbrück das siebte Konzentrationslager, das die Nazis eingerichtet hatten, und Auschwitz war mit Abstand das größte KZ. Das Gelände am Rande der polnischen Kleinstadt Oświęcim war als Standort unterschiedlich großer Lager geplant: Neben dem Stammlager (Auschwitz I), dem riesigen Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II), wo die Krematorien standen, und kleineren Außenlagern gab es noch die Arbeitslager Buna und Monowitz.

Nach der Wannsee-Konferenz wurde das KZ Auschwitz ab Frühjahr 1942 zum Ort einer systematischen Vernichtungs- und Mordmaschinerie ausgebaut. Vollstrecker dieser rassenpolitisch motivierten NS-Ideologie war als verantwortlicher SS-Lagerkommandant Rudolf Höß. Ihm unterstand bis zu seiner Ablösung im November 1943 das SS-Wachpersonal und die gesamte Lagerverwaltung von Auschwitz.

5. Das SS-Einflussgebiet

Wachpersonal wie Führungskader des Lagers Auschwitz-Birkenau wurden von der SS gestellt. Bereits im Frühjahr 1942 waren 2000 SS-Wachleute in dem Lagerkomplex eingesetzt. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, im Spätsommer 1944, taten über 4000 SS-Angehörige dort Dienst. Dazu zählten auch Lager-Aufseherinnen, Schreibkräfte, Krankenschwestern etc., die bei der SS angestellt waren und keine Rangabzeichen trugen.

Die Kontrolle über örtliche Industrie- und Handwerksbetriebe, die sich als Profiteure des Lageraufbaus rund um Auschwitz angesiedelt hatten, lag ebenfalls in den Händen der SS. Die sogenannte „SS-Siedlung“, in der die Wachleute mit ihren Familien lebten, entwickelte sich außerhalb der Lagerumzäunung zu einem Stadtteil mit vielen Annehmlichkeiten für die dortigen Anwohner.

Zukunft Europas: Was passiert, wenn eine Mehrheit der Bürger "weniger Europa" fordert?

„Wenn es eine Mehrheit von ihnen geben wird, werden wir ihr folgen“, antwortete Kommissionsvizepräsidentin Dubravka Šuica am Mittwoch auf die Frage, was passieren würde, wenn eine Mehrheit der Bürger „weniger Europa“ fordern würde.

6. Die Todesfabrik

Im Frühjahr 1943 nahm die Bauleitung im ausgebauten Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau zusätzliche Öfen in den neu gebauten Krematorien in Betrieb. Ihre Funktionstüchtigkeit erprobte die SS an einem Gefangenen-Transport: 1100 Männer, Frauen und Kinder wurden nach einem qualvollen Tod in einer Gaskammer, in die Zyklon B eingefüllt wurde, verbrannt. Ihre Asche – und später auch die der ermordeten KZ-Häftlinge und Deportierten – wurde in die umliegenden Seen gestreut.

Der Bauleiter des KZ Auschwitz, SS-Obersturmbannführer Karl Bischoff, vermeldete nach Berlin: „Ab sofort können 4756 Leichen innerhalb von 24 Stunden eingeäschert werden.“ Um die Selektion bei der Ankunft der Transporte zu beschleunigen, wurde in Birkenau jene dreigleisige Bahnrampe gebaut, die in Auschwitz-Birkenau noch heute zu sehen ist. Mehr als zwei Drittel der Neuankömmlinge wurden nicht als Häftlinge registriert und direkt nach ihrer Ankunft in die Gaskammern und in den Tod geschickt.

Im Spätherbst 1944 trafen die letzten Judentransporte aus ganz Europa in Auschwitz ein. Unter den Deportierten aus den besetzten Niederlanden befand sich auch die 15-jährige Anne Frank. Ihre durch Zufall erhaltenen Tagebücher sind nach Kriegsende als eindrucksvolles Zeitdokument der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten erhalten geblieben.

7. Die Opferzahlen

Die Berechnungen der Holocaust-Opfer, die in Auschwitz ums Leben kamen, schwanken. Jedes Jahr kommen durch Funde in historischen Archiven und Nachlässen neue Details dazu. Exakte Opferzahlen sind nicht zu ermitteln. Wissenschaftliche Schätzungen gehen von über fünf Millionen Menschen aus, die insgesamt in das KZ-System der Nazis deportiert wurden. Die wenigsten KZ-Häftlinge haben überlebt.

Im Dezember 2019 wurde das Ergebnis eines Forschungsprojektes veröffentlicht, das die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Auftrag geben hat. Demnach konnten mehr als 60 Prozent der damals von der SS-Lagerverwaltung registrierten Häftlinge identifiziert werden. (dpa v. 27.12.2019)

Davon nicht erfasst sind die mehr als 900.000 Deportierten, die nie registriert, sondern gleich nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Es bekamen nur diejenigen eine Häftlingsnummer eintätowiert, die die Selektion an der sogenannten „Judenrampe“ überstanden hatten und für den Arbeitseinsatz im Lagersystem der SS vorgesehen waren. Die größte Teil der Deportierten – Alte, Kranke, Frauen und kleine Kinder – wurden ohne Registrierung von den SS-Mannschaften direkt in die Gaskammern getrieben und brutal ermordet.

Nach Angaben der Gedenkstätte sind im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mehr als 1,1 Millionen Menschen ums Leben gekommen. 90 Prozent von ihnen waren Juden – der Großteil aus Ungarn, Polen, Italien, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Griechenland, Kroatien, Sowjetunion, Österreich und Deutschland. Ebenso fielen Sinti und Roma, Homosexuelle, Katholiken und Anhänger der Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung und politische Gegner der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer.

8. Die Befreiung der KZ-Häftlinge

Als die sowjetische Armee am 27. Januar 1945 das Lagergelände von Auschwitz erreichte, bot sich den Soldaten ein grauenhaftes Bild: Nur etwa 7000 ausgemergelte, todkranke KZ-Häftlinge hatten überlebt, 500 davon waren Kinder. Die wenigsten Häftlinge konnten aufrecht stehen, viele lagen apathisch am Boden. Sie waren zu schwach für die Fußmärsche gewesen, zu denen die SS-Wachmannschaften noch Zehntausende durch die eisige Kälte nach Westen getrieben hatten.

Die SS hatte das Lager Ende Januar hastig geräumt und versucht, die Spuren ihrer Mordmaschinerie zu beseitigen: Akten, Lagerkarteien, Totenscheine, vieles wurde schnell verbrannt. Nur wenige Dokumente und Fotos sind erhalten geblieben. Der größte Teil der Lagerbaracken, die Gaskammern und Krematorien wurden gesprengt.

Kaum einer der ausgemergelten Häftlinge in den Kolonnen hatte Schuhe und warme Kleidung an, die meisten trugen bei der Flucht der SS-Mannnschaften nur die dünne Baumwollkleidung der KZ-Häftlinge am Leib. Fast jeder vierte Häftling starb auf diesen „Todesmärschen“: verhungert, erfroren, erschossen.

9. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Anfang 1946 übergaben die sowjetischen Besatzungsbehörden das ehemalige Lagergelände in die Zuständigkeit des polnischen Staates. Ausgehend von einer Initiative ehemaliger Häftlinge wurde 1947 das „Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau“ als Gedenkstätte gegründet – auf Beschluss des polnischen Parlaments.

Die Gedenkstätte umfasst die erhalten gebliebenen Anlagen, Gebäude und Baracken des Konzentrationslagers Auschwitz I (Stammlager) und das fast leere Gelände des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) sowie den heutigen Museumsbereich. Die erste Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem.

Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens kamen 170.000 Besucher, 2018/19 waren es jedes Jahr mehr als 2 Millionen. Vor allem junge Leute und Jugendgruppen aus aller Welt besuchen das Museum und die Orte der Naziverbrechen. Auschwitz-Birkenau steht seit 1979 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, das es zu schützen gilt.

10. Die letzten Zeitzeugen

Jedes Jahr wird der 27. Januar als historischer Gedenktag begangen – in kollektiver Erinnerung an die „Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“ 1945. Auch im Deutschen Bundestag findet an diesem Tag eine feierliche Gedenkstunde statt.

Bewegende Reden wurden in der Vergangenheit an diesem Tag gehalten: von deutschen Bundespräsidenten und europäischen Politikern, von jüdischen Holocaust-Überlebenden wie Ruth Klüger und Anita Lasker-Wallfisch und von prominenten jüdischen Schriftstellern und Historikern wie Marcel Reich-Ranicki und Saul Friedländer. Seit 2005 gibt es den „Holocaust Memorial Day“ weltweit.

Zeitzeugen, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt haben und davon berichten können, gibt es nur noch wenige. Beim alljährlichen „Marsch der Lebenden“ vom ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz nach Birkenau marschieren die letzten überlebenden KZ-Häftlinge Hand in Hand mit jungen Menschen aus der ganzen Welt. Die Kinder, Enkel und Urenkel – nicht nur der jüdischen Familien – werden die Erinnerungen bald allein weitertragen müssen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.