EFR – Europäischer Forschungsraum [DE]

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Der Europäische Forschungsraum (EFR) soll einen neuen ‚Binnenmarkt‘ für die Forschung schaffen, um die gesamteuropäische Zusammenarbeit und Koordination von nationalen Forschungsaktivitäten zu stärken.

Die EU kann auf eine lange Tradition herausragender Forschung und Innovation zurückblicken, aber diese Kompetenz verteilt sich über das gesamte Gebiet der EU. In der EU sind 80% des öffentlichen Forschungssektors auf nationaler Ebene angesiedelt, so dass er hauptsächlich aus nationalen oder regionalen Forschungsprogrammen besteht. Dies führt oftmals dazu, dass das Potential der europäischen Forschung nicht vollständig ausgeschöpft wird.

Um diesem Problem zu begegnen, hat die Kommission im Januar 2000 die Schaffung eines Europäischen Forschungsraums (EFR) vorgeschlagen. Die Mitteilung “Hin zu einem europäischen Forschungsraum“ ist auf die bessere Integration und Organisation der Forschung und Technologie in Europa ausgerichtet und will auch bessere Rahmenbedingungen für die Forschung in Europa schaffen. Die Mitteilung wurde in den Kontext der Lissabon-Strategie, welche die europäische Wettbewerbsfähigkeit stärken soll, eingebettet.

Am 3. Oktober 2001 legte die Kommission eine Anschlussstrategie über die regionale Dimension des EFR vor, die lokalen und regionalen Verwaltungen Anreize bieten will, von den neuen Möglichkeiten des EFR zu profitieren. Die Regionen werden als treibende Kraft für eine wissensbasierte Wirtschaft in Europa angesehen. Regionale Entwicklung gilt dabei als Schlüssel zum künftigen Wachstum und zur Wettbewerbsfähigkeit der EU.

Das sechste Forschungsrahmenprogramm der EU für Forschung und technische Entwicklung (RP6) wurde als Hauptelement für den EFR angenommen. Sein wichtigstes Finanzinstrument sowie das FP7 (2007-2013) wurden entworfen, um die EU-Staaten bei der Erreichung der Ziele von Lissabon zu unterstützen. Der erste offizielle Vorschlag des FP7 wurde von einer Mitteilung mit dem Titel "Building the ERA of knowledge for growth 2007-2013" (Aufbau eines EFR des Wissens für Wachstum 2007 – 2013) begleitet. 

Es herrscht allseitiges Einverständnis, dass ein Europäischer Raum der weiterführenden Bildung (siehe EURACTIV LinksDossier zum ‚Bologna Prozess’) mit dem Europäischen Forschungsraum verbunden und Promotionen in den Bolognaprozess einbezogen werden sollten, um weitere Möglichkeiten für Forschungsnetzwerke zu eröffnen.

Die Kommissionsinitiative (2000) für den Europäischen Forschungsraum (EFR) kombiniert drei Konzepte:

  • die Schaffung eines ‚Binnenmarktes’ für Forschung – einen Raum des freien Verkehrs von Wissen, Forschern und Technologien – mit dem Ziel wachsender Kooperationen, des angeregten Wettbewerbs und einer besseren Verteilung der Ressourcen; 
  • die Wiederherstellung der europäischen ‚Forschungsfabrik’ – insbesondere durch eine bessere Koordinierung der nationalen Forschungsaktivitäten und -Politiken, die ausschlaggebend sind für die Forschung, welche in Europa betrieben und finanziert wird; 
  • die Entwicklung einer europäischen Forschungspolitik, die nicht nur die Finanzierung der Forschungsaktivitäten betrifft, sondern alle relevanten Aspekte der nationalen und europäischen Politiken einbezieht. 

Sieben Jahre später, am 4. April 2007, stellt das Grünbuch der Kommission für die neuen Perspektiven des EFR fest, dass „Fortschritte erzielt worden“ sind. „Allerdings muss noch viel mehr getan werden, um den EFR aufzubauen, insbesondere um die Zerstückelung der Forschungstätigkeiten, -programme und -strategien in Europa zu überwinden,“ heißt es weiter.

Die Kommission erkennt vor allem an, dass der Europäische Forschungsraum sein Potential ausbauen muss, zum Beispiel bei der Mobilität von Wissenschaftlern, reibungsloseren  Hochschulkooperationen, der Koordination von nationalen und regionalen Fonds und der besseren Verwertung von Forschungsergebnissen.

Das Grünbuch stellt eine Reihe von Fragen, wie man den EFR vertiefen und ausweiten könne, so dass er optimal zur erneuerten Lissabon-Strategie beitrage, die mehr Wachstum und Arbeitsplätze schaffen soll. Das Grünbuch soll auch eine umfassende institutionelle und öffentliche Debatte eröffnen, welche die Kommission für ihre Vorschläge über konkrete Initiativen bis Anfang 2008 verwenden könnte.

Die Hauptthemen für die Anhörung, die im Grünbuch genannt werden, sind:

  • Aufhebung der institutionellen und nationalen Hürden für den freien Verkehr von Wissenschaftlern; 
  • Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und ihrer Karriereaussichten;
  • Gemeinsame Entwicklung einer weltweit erstklassigen Infrastruktur für Forschung, um die extrem hohen Kosten für Aufbau und Ausführung zu teilen;
  • Stärkung der Universitäten und öffentlichen Forschungsorganisationen durch größere Autonomie und stärkere Förderung;
  • Besserer Zugang zu Informationen durch den Austausch von Forschungsergebnissen und besserer Wissenstransfer zwischen öffentlicher Forschung und Wirtschaft;
  • Optimierung der Forschungsprogramme durch kohärentere Gestaltung nationaler und regionaler Forschung und gemeinsame Festlegung von Prioritäten, und;
  • Stärkere Kooperation mit internationalen Wissenschaftlern für eine Öffnung des EFR nach außen.

Das Grünbuch wird von einem Hintergrunddokument begleitet, das eine detaillierte Prüfung des erzielten Fortschritts zum EFR seit 2000 sowie eine Analyse der gegenwärtigen Situation und der Herausforderungen enthält. Die Ergebnisse der Befragung wurden im April 2008 veröffentlicht.

Das Problem sei, dass EU-Initiativen zu dem EFR für die Mitgliedstaaten freiwillig seien und somit langsam vorankämen. Die Kommission würde sie gern beschleunigen, sagte der Kommissar für Forschung, Janez Poto?nik. Das Grünbuch (2007) wolle eine Aufforderung an die neuen Mitgliedstaaten formulieren, Forschung zu fördern, da sich das meiste Geld noch in ihren Händen befände.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der European Science Foundation, Bertil Andersson, sagte EURACTIV in einem Interview, dass der EFR bisher ein Konzept gewesen sei, das man nicht für real gehalten habe. Das Haupthindernis für einen ‚echten EFR’ sei philosophischer Natur gewesen: Man denke noch national.

Laut Andersson sähen Politiker die Forschung noch immer aus nationaler Perspektive. Geld schwedischer Steuerzahler solle eine schwedische Person in einem schwedischen Projekt an einer schwedischen Universität fördern, dass auf einer schwedischen Initiative beruhe und schwedische Arbeitsplätze schaffe, erklärte Andersson. Er fügte hinzu, dass man jedoch daran denken solle, dass Wissenserwerb nicht auf Nationalität basiere.

Die Ergebnisse der jüngsten Befragung über die Zukunft des EFR zeigen, dass trotz wiederholter politischer Erklärungen die EU-Mitgliedstaaten nicht bereit sind, eine zu starke Koordinierung ihrer nationalen Programme im Bereich Forschung und Entwicklung zu akzeptieren. Die EU-Länder unterstützen eine gestärkte Rolle der EU bei der Entwicklung einer weitreichenden Forschungsinfrastruktur, da es für einen Mitgliedstaat allein zu teuer wäre, diese zu entwickeln. Doch scheinen die Länder nur wenig begeistert über die Idee eines „wirklichen“ EFR zu sein. Laut vieler sollte der EFR nur aus einer Koordinierung von Aktivitäten auf freiwilliger Ebene auf Grundlage der offenen Methode der Koordinierung (OKM) bestehen.

Stattdessen betonen die Mitgliedstaaten die Wichtigkeit, dass bei der Optimierung der Forschungsprogramme und -prioritäten Ausgewogenheit erreicht werde. Sie sind der Meinung, eine zu intensive Koordinierung und Kooperation könnte möglicherweise den positiven Wettbewerb und Vielfalt vermindern. Nur Belgien, Dänemark, Finnland, Deutschland und Norwegen sagten, sie seien „grundsätzlich“ offen für gemeinsame Finanzierungsprogramme und deren schrittweise Öffnung – vorausgesetzt, die Bedingungen der ausgewogenen Gegenseitigkeit würden gewahrt.

Im Hinblick auf die Schaffung eines gemeinsamen Arbeitsmarktes für Forscher glauben einige die Mitgliedstaaten, dass eine obligatorische EU-Gesetzgebung nicht wünschenswert sei und dass freiwillige Leitlinien ausreichend seien. Einige Länder unterstützen allerdings den gemeinsamen Arbeitsmarkt, vorausgesetzt diese führe nicht zu einer Störung der Forschungsaktivitäten in weniger entwickelten Regionen. Andere sind der Meinung, dass eine obligatorische EU-Gesetzgebung in diesem Bereich aufgrund verschiedener nationaler Beschäftigungsgesetze und -praktiken gegensätzliche Auswirkungen haben könnten.

Die Vorsitzenden der Europäischen Forschungsräte (EUROHORCs)  und der Europäischen Wissenschaftsstiftung (EWS) sind der Ansicht, wenn es die Kommission mit der Schaffung eines umfassenden EFR ernst meine, müsse sie sich stärker auf die nationale Forschungsfinanzierung sowie auf Forschungsorganisationen, den Privatsektor und nicht-europäische Forschungssysteme konzentrieren.

Sie erklärten weiter, die Analyse der Kommission von Stärken und Schwächen des Europäischen Forschungsraums konzentriere sich zu stark auf die Perspektive der Rollen der Kommission, der Regierung sowie zwischenstaatlicher Strukturen. Die Analyse ignoriere die Rolle anderer Entscheidungsträger.

Die Kommission müsse mehr Gelder in die Grundlagenforschung investieren, beispielsweise durch Programme wie den Europäischen Forschungsrat, um den Verwaltungsaufwand für diese Programme zu vermindern, sowie um Druck auf die Mitgliedstaaten auszuüben, dass diese die noch immer bestehenden Hindernisse zur Mobilität der Forscher beseitigen, erklärten EUROHORCs und ESF.

Die Liga Europäischer Forschungsuniversitäten (LERU) ist skeptisch angesichts der Vorliebe der EU für Netzwerke. Die Liga ist der Meinung, dass das Herstellen von Kontakten zwischen unterschiedlichen Gruppierungen bereits allgegenwärtig sei. Um jedoch erfolgreich zu sein, müsste die Zusammenarbeit dynamisch und flexibel sein und Forschungsnetzwerke müssten ihre Aktivitäten entsprechend der sich ändernden Bedürfnisse variieren können. Es wäre ein Fehler, wenn sich die Situation dahingehend entwickle, dass europäische Netzwerke einer stärkeren zentralen Verwaltung unterworfen würden, und dass die einzelnen Gruppen zu stark von ihren Mutterinstitutionen losgelöst wären, sagte David Livesey, Generalsekretär von LERU.

Die Europäische Plattform für Wissenschaftlerinnen wiederholte, dass die Erwägung der Geschlechter von Bedeutung sei. Geschlechtervielfalt in den Bereichen Forschung und Forschungsleitung führe zu einer kreativeren Forschungsaktivität und folglich wahrscheinlich zu mehr Innovationen.

Laut der European Science Foundation (ESF) solle der EFR als langfristige Strategie aufgefasst werden. Er müsse auf existierende Strukturen und Organisationen auf nationalem und europäischem Niveau aufbauen.

Die Interessenorganisation der kleinen und mittleren Unternehmen auf EU-Ebene, UEAPME, stimmt mit der Kommission überein, dass eine bessere Koordination zwischen nationalen und europäischen Forschungspolitiken unverzichtbar für die EU sei, um mit seinen größten Konkurrenten, den USA und Japan, Schritt zu halten. UEAPME hat jedoch seine Besorgnis geäußert, dass man die Rolle kleiner und mittelständischer Unternehmen in diesem Kontext nicht erwäge. Die Vereinigung befürchtet besonders, dass das Konzept der Kommission zu einem EFR sich nur auf grundlegende Forschung konzentriere und weder Marktbedürfnisse noch Innovationstechniken berücksichtige. Daher fordert sie eine Verbesserung der Forschungsumgebung im privaten Sektor, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen.

ELSO, die Europäische Biowissenschaftsorganisation, weist darauf hin, dass Strukturierung- und Koordinationsbemühungen einen Mangel an hoch qualifizierten und gut geförderten Wissenschaftlern nicht ausgleichen könnten. Der Schwerpunkt solle deshalb auf die Ausbildung und die Mobilität junger Wissenschaftler und ihre Ressourcen gelegt werden.

ETNO, der Verband der Europäischen Betreiber von Telekommunikationsnetzen, setzt sich dafür ein, der Wirtschaft bei der Festlegung zukünftiger Prioritäten eine größere Rolle zuzuweisen. Er warnt davor, die EU-Ressourcen zu weit zu verstreuen und ein zu weites Feld an Forschungsgebieten abdecken zu wollen. Er unterstrich die Bedeutung langfristiger, dem Wettbewerb vorangehender Projekte.

Um die schriftlichen Beiträge, die als Reaktion auf das Grünbuch über den EFR eingereicht wurden, einzusehen, klicken Sie bitte hier.

  • April 2007: Die Kommission hat ein Grünbuch über die neuen Perspektiven für den EFR angenommen. Das Papier wird von einem Hintergrunddokument begleitet, das eine detaillierte Überprüfung des bisherigen Fortschritts des EFR seit 2000, sowie eine Analyse der gegenwärtigen Situation und der Herausforderungen enthält. Eine Anhörung zum künftigen EFR war bis zum 31. August 2007 geöffnet. 
  • August 2007Bericht über die Mobilität von Forschern und deren Karriereentwicklung im Jahr 2006 veröffentlicht.
  • 8. bis 10. Oktober 2007Konferenz über „Die Zukunft von Wissenschaft und Technologie in Europa“.
  • 10. April 2008: Die erste der fünf angekündigten neuen Initiativen - eine Empfehlung zum Umgang mit geistigem Eigentum für öffentliche Forschungseinrichtungen - wurde angenommen.
  • 24. April 2008: Die endgültigen Ergebnisse der Anhörung zum EFR wurden veröffentlicht.
  • 23. Mai 2008: Die zweite der fünf angekündigten neuen Initiativen sowie eine Mitteilung über „bessere Karrieremöglichkeiten und mehr Mobilität“ für europäische Forscher wurden angenommen.
  • 16. Juli 2008: Die Kommission nahm einen Vorschlag für eine Richtlinie zur Schaffung eines Rechtsrahmens für eine gesamteuropäische Forschungsinfrastruktur an.
  • 16. Juli 2008: Die Kommission nahm eine Mitteilung über eine gemeinsame Planung öffentlich finanzierter Forschung an.
  • September 2008: Die Kommission wird eine Mitteilung zur Koordination internationaler Wissenschafts- und Technologiekooperationen annehmen.

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