„Ich mache mir Sorgen, dass unsere Jugend eine verlorene Generation wird“

Carina Autengruber: "Junge Menschen tragen aktiv dazu bei, diese Krise in eine Chance für kollektives Handeln zu verwandeln und gefährdete Bevölkerungsgruppen zu unterstützen." [Shutterstock/Alonafoto]

Die EU-Wirtschaft schrumpft pandemiebedingt – und die Jugendarbeitslosigkeit steigt. Wenn die Politik die gegenwärtige Krise nicht nutzt, um in junge Menschen zu investieren und eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft zu schaffen, wird Europas Jugend zu einer neuen „verlorenen Generation“, warnt Carina Autengruber.

Carina Autengruber ist Vorsitzende des Europäischen Jugendforums (European Youth Forum).

Sie sprach mit Alexandra Brzozowski von EURACTIV.com.

Frau Autengruber, insbesondere junge Leute werden vielerorts für den Ausbruch der zweiten Coronavirus-Welle „verantwortlich“ gemacht. Wie sehen Sie das?

In den vergangenen Monaten gab es Berichte, in denen speziell mit dem Finger auf uns, die jüngere Generation, gezeigt wurde. Wir seien die Ursache für den derzeitigen Anstieg der Fälle, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Es gab auch einige Regierungen, die gewisse Social-Distancing-Maßnahmen speziell auf junge Menschen ausrichteten. In Schottland war es jungen Menschen beispielsweise nicht erlaubt, Pubs zu betreten.

Wenn man die Jugend so ins Visier nimmt, setzt sich diese völlig unbegründete Darstellung fort, dass junge Menschen die Pandemie nicht ernst nehmen oder sich weniger verantwortungsbewusst verhalten. Es gibt wenig bis gar keine Anzeichen dafür, dass sich junge Menschen im Vergleich zu anderen Altersgruppen weniger an die Regeln und Vorschriften halten.

Gibt es denn Belege, die man gegen solche Darstellungen ins Feld führen kann?

Wir haben dieses Jahr zusammen mit der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) an einem Bericht gearbeitet, für den wir junge Menschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren in 112 Ländern der Erde befragt und 12.000 Antworten erhalten haben.

80 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass sie sich weitgehend zu Hause aufhielten. Mehr als ein Viertel der Befragten sagte außerdem, dass sie sich aktiv ehrenamtlich engagieren.

Das bedeutet auch, dass man sich offensichtlich auf Negativ-Berichte konzentriert. Wobei die jungen Menschen tatsächlich jedoch aktiv dazu beitragen, diese Krise auch in eine Chance für kollektives Handeln zu verwandeln und gefährdete oder benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.

Was es mit der nationalen Gesundheitsnotlage auf sich hat

Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben sehr drastische Maßnahmen beschlossen. Und brauchen dafür eine Rechtfertigung – politisch wie juristisch.

Zeitgleich ist die jüngere Generation der Werktätigen deutlich härter von der durch die Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise betroffen: Sie haben größere Probleme, Arbeit zu finden, und Sicherheitsnetze scheinen nicht immer zu funktionieren. Fürchten Sie, dass die heutige Jugend eine „verlorene Generation“ werden könnte?

Schon seit der Krise 2008 sind die Jugendarbeitslosenquoten durchweg höher – teils mehr als doppelt so hoch – wie die Gesamtarbeitslosenquote in der EU. In der aktuellen Krise beobachten wir erneut, dass junge Menschen eine der am stärksten betroffenen Gruppen sein werden.

Das liegt auch daran, dass wir in vielen der am stärksten betroffenen Wirtschaftssektoren überrepräsentiert sind: Jeder dritte junge Mensch arbeitet im Groß- und Einzelhandel, im Beherbergungs- und Gaststättengewerbe oder im Lebensmittelsektor.

Und natürlich wirkt sich die Tatsache, dass wir gegenwärtig oft nicht erwerbstätig sind, auch auf das gesamte Leben eines jungen Menschen aus. Wir sind dadurch stärker von Armut bedroht. Wir erwarten auch eine Zunahme der Obdachlosigkeit. Denn wenn man nicht über genügend finanzielle Mittel verfügt, wie bezahlt man dann die Miete? Wie bezahlst du deine Lebensmittel? Wie bezahlst du den Transport oder den Beitrag zum Sozialversicherungssystem?

Unser System ist derzeit so eingerichtet, dass du, wenn du nicht einzahlst, auch nichts bekommst. Ich mache mir Sorgen, dass unsere Generation wieder – ich wiederhole Sie da – eine verlorene Generation sein wird, wenn die politischen Entscheidungsträger dieses Jahr nicht eingreifen, in die Jugend investieren und nachhaltige Arbeitsplätze schaffen.

“Generation Lockdown”: Jeder sechste junge Mensch ist seit Beginn der Pandemie ohne Arbeit

Laut einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben weltweit rund 17,1 Prozent der erwerbstätigen jungen Menschen seit Beginn der COVID-19-Pandemie aufhören müssen zu arbeiten.

Das dürfte auch die sogenannte „Jugendgarantie“ der EU einschließen. Ist sie das richtige Instrument, um gegen den erwarteten weiteren Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit anzukämpfen?

Sie kann als ein Werkzeug benutzt werden, aber sie ist definitiv nicht das einzige Tool. Ohnehin sind die EU-Jugendgarantien definitiv unterfinanziert, um eine Krise von dem Ausmaß zu lösen, wie wir sie derzeit sehen. Es gibt so viele Bereiche, in denen unser Arbeitsmarkt derzeit nicht funktioniert.

Wir beobachten zum Beispiel, dass es keine oder kaum Einstiegsjobs für junge Leute nach Abschluss ihrer formalen Ausbildung gibt. Wir beobachten nach wie vor, dass es unbezahlte Praktika gibt. Auch das macht es für junge Leute mit diversen Hintergründen schwieriger, in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder erste Erfahrungen zu sammeln.

Also: Die Jugendgarantie kann unterstützend sein, aber nicht alles lösen. Kürzlich hat die Europäische Kommission einen neuen Vorschlag veröffentlicht. Wie sehen darin eine Reihe positiver Verbesserungen, die einige der Lücken schließen, auf die wir bereits in den vergangenen Jahren hingewiesen hatten.

Zum Beispiel?

Bisher fielen nur Personen unter 25 Jahren unter das Jugendgarantieprogramm. Jetzt wurde diese Altersgrenze auf 30 Jahre angehoben, so dass ein größerer Pool an jungen Leuten Zugang zu dem Programm hat. Außerdem wird es einen Schwerpunkt geben, um speziell jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, digitale und ökologische Fertigkeiten zu erwerben. So werden sie auf den sich verändernden Arbeitsmarkt vorbereitet.

Was noch fehlt, sind wirklich qualitativ hochwertige Angebote. Es sollten keine prekären Arbeitsverhältnisse angeboten oder gar verstärkt werden. Vielmehr muss die Jugendgarantie ein Instrument sein, das junge Menschen dabei unterstützt, ihre persönlichen Ambitionen zu verfolgen, Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Bildung und Ausbildung zu erhalten und auch in Zukunft einen anständigen Arbeitsplatz zu finden, der langfristig Sicherheit, eine gerechte Bezahlung und Lern-/Weiterbildungsmöglichkeiten bietet.

EU-Parlament fordert Einsatz gegen Jugendarbeitslosigkeit und unbezahlte Praktika

EU-weit steigt die Jugendarbeitslosigkeit. Da sich der Trend angesichts der Pandemie noch verschärft hat, fordert das EU-Parlament von der Kommission und den Nationalstaaten verstärkte Unterstützung für Jugendliche in prekären Arbeitsverhältnissen.

Das Coronavirus scheint auch den digitalen Wandel zu beschleunigen. Experten raten dazu, verstärkt in die Digital-Bildung zu investieren. Welche Herausforderungen sehen Sie für den Jugend-Arbeitsmarkt?

Die größte Herausforderung wird es sein, denjenigen, die bereits aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind, die ihre Arbeit verloren haben, eine Ausbildung zu ermöglichen. Die andere Herausforderung besteht darin, dass unsere Systeme langsam sind: Bis sich unsere Bildungssysteme an diese sehr wandelbaren Bedürfnisse anpassen, die sich gerade in den vergangenen Monaten gezeigt haben, wird es noch ewig dauern.

Gleichzeitig müssen wir der Vorstellung entgegentreten, dass die jungen Leute bereits Digital Natives sind, die quasi mit dem Handy in der Hand aufgewachsen sind – das trifft nicht auf alle zu. Nicht alle hatten/haben Zugang zu einem Computer und nicht alle haben Zugang zum eigenen Smartphone. In einigen Teilen Europas, in ländlicheren Gegenden, gibt es einfach keinen Internetanschluss. Wir brauchen starke Unterstützung und Investitionen, um diese digitale Wende zu vollziehen.

Sie sprachen Bildung insgesamt an: Was sollte man aus der aktuellen Krise diesbezüglich lernen? 

Zunächst einmal ist es wichtig zu beachten, dass während dieser Pandemie viele Menschen ihre Schul- oder Ausbildung unterbrochen haben, weil Schulen und Universitäten geschlossen wurden, und Lehrstellen oder Praktika unterbrochen, verschoben oder ins Internet verlegt wurden. Für einige Schülerinnen und Schüler sowie Studierende bot sich digitales Lernen als eine alternative Möglichkeit an, aber noch einmal: Es gibt große Ungleichheiten und Unterschiede in unserer Gesellschaft.

Und es geht nicht nur um formale Bildung, sondern auch um die Angebote, die die Jugendorganisationen und Jugendeinrichtungen bieten. Viele Freiwilligenangebote mussten gestoppt oder online verlegt werden. Oft sind das die einzigen Orte, an denen sich Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen mit Gleichaltrigen treffen, voneinander lernen und Soft Skills erwerben können.

EU-Kommissar Schmit über Corona-Auswirkungen: Nicht noch mehr Niedriglohn-Jobs

Junge Menschen sind besonders von den arbeits-, wirtschafts- und sozialpolitischen Auswirkungen der Pandemie betroffen. EU-Kommissar Nicolas Schmit spricht im Interview über die Maßnahmen der EU-Exekutive, eine „verlorene Generation“ zu vermeiden.

Bei den Verhandlungen zum EU Recovery Fund wurde viel über Solidarität gesprochen. Finden Sie, dass es in den Recovery-Plänen genug Solidarität mit der Jugend gibt? 

Was wir im Moment sehen, ist, dass die nationalen Recovery-Pläne tatsächlich von den Prioritäten jedes einzelnen Mitgliedsstaates abhängen. Doch gerade die grüne Wende wird als ein separates Ziel ausgegeben – was eine große Chance sein kann, diese Krise zu nutzen und aus ihr eine positive Antwort auf die Klimakrise zu ziehen. Wenn jetzt gut gehandelt wird, würde dies unseren zukünftigen Generationen dabei helfen, auf einem nachhaltigen Planeten zu leben.

Wir müssen sehen, wie dies alles tatsächlich umgesetzt wird: Ein schriftlicher Plan ist die eine Sache, seine Umsetzung die andere.

Was bei all dem sehr wichtig ist, ist, dass auch die jungen Menschen ein Mitspracherecht bei der Gestaltung dieser Transformation haben. Wir sind die Gruppe, die diese Krise am längsten erleben wird. Und wir sind die Gesellschaft der Zukunft.

Selbstverständlich haben auch wir Vorstellungen davon, wie diese Transformation aussehen sollte. Ziemlich oft werden wir als Problemverursacher dargestellt, beispielsweise auch, wenn die Jugendarbeitslosigkeit hoch ist. Aber wir haben positive Beiträge; wir haben Ideen und können Lösungen anbieten, da wir wissen, was für uns funktionieren würde.

Was genau würden Sie von EU-Politikerinnen und -Politikern erwarten oder sich wünschen?

Wir müssen sicherstellen, dass wir in den wirtschaftlichen Wiederaufbau investieren, was nicht bedeutet, dass wir dorthin zurückkehren sollten, wo wir Anfang des Jahres standen. Stattdessen brauchen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der unser gesamtes System reformiert. Schon vorher gab es sehr viel Jugendarbeitslosigkeit, schon vorher gab es sehr viel Umweltverschmutzung… Diese und andere Indikatoren zeigen, dass unser System einfach nicht funktioniert.

Wir müssen diese Krise ummünzen und nutzen, und einen Übergang zu einer gerechteren und nachhaltigeren Gesellschaft schaffen.

Zum Thema Beschäftigung im Speziellen: Wir müssen sicherstellen, dass die EU in nachhaltige Arbeitsplätze investiert, zum Beispiel in Unternehmen, die nachhaltige Praktiken anwenden, Technologie zum Guten einsetzen, und diese Transformation unterstützen.

Dies wird uns als Gesellschaft auch langfristig robuster und widerstandsfähiger gegenüber möglichen zukünftigen Herausforderungen machen.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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