Journalisten und Herausgeber müssen sich zur Schaffung einer Presse für die Euro-Zone vereinigen

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Populisten schießen sich auf eine „angelsächsische“ EU ein, Russland verbreitet Propaganda, die Medienkonzentration nimmt zu, während Einnahmen an Google und Facebook abwandern. Christophe Leclerq schreibt darüber, wie Herausgeber und Politiker der europäischen Presse helfen können, sich durchzusetzen.

Christophe Leclercq ist der Gründer von EURACTIV. Er schreibt nach dem Global Editors‘ Network Summit am 19. Juni in Barcelona und vor der am 25. Juni in Paris stattfindenden Konferenz „The Future of the Media Sector in Europe“.

Die technologischen und finanziellen Herausforderungen für den Journalismus sind allgemein bekannt. Unbemerkt ist die wachsende Abhängigkeit der EU von Mediengruppen außerhalb der Euro-Zone. Der digitale Binnenmarkt wird die Medienkonzentration beschleunigen und eine Sprachpolitik beiseiteschieben. Wo liegen die Chancen für kontinentale Mediengruppen? Es gibt Hoffnung, wenn sich die europäischen Medien grenzüberschreitend erneuern.

Nationale Medien führen in jedem Land, nicht grenzüberschreitend

Die europäischen Politiker lesen ihre nationalen Zeitungen immer zuerst. Die meisten haben Korrespondenten in Brüssel. Die internationalen Medien sind de facto angelsächsisch – traditionell britisch, und zunehmend nordamerikanisch.

Bei internationalen Zeitschriften greifen die politischen Entscheider Europas oft auf Pearson-Produkte zurück: The Financial Times und The Economist, und die jetzt nicht mehr bestehende European Voice. Die britische Zeitung The Guardian bringt eine ausgewogenere Sicht auf Europa, während sich Reuters, in kanadischem Besitz, auf die Märkte konzentriert, um mit New Yorks Bloomberg konkurrieren zu können.

Die neu gestartete Brüsseler Ausgabe von Politico sollte wie jeder neue Wettbewerber begrüßt werden, aber es ist zu früh, um zu beurteilen, ob es anfängliche Herausforderungen bewältigen kann. Nehmen Sie nicht mich beim Wort: hier ein Zitat von Claes de Vreese, Professor für Kommunikation an der Universität von Amsterdam: „Man würde ein starkes Profil brauchen und den Lesern zeigen können, was sie nicht schon von nationalen Medien, der Finanzial Times, und EURACTIV bekommen.“ Der US-Chefredakteur Politicos beabsichtigt, „beim Thema Europa zu dominieren und die führende Medienstimme in jeder großen EU-Hauptstadt zu werden“: Das ist kein europäischer Ansatz.

Angloamerikanische Mediengruppen betrachten sich als global, nicht als national. Doch in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sie sich zunehmend von Europa gelöst. In einem Brexit-Szenario (nicht mein Wunsch) würden sich diese Outlets zu weit außerhalb der EU wiederfinden, kulturell und politisch, um wirkungsvoll darüber berichten zu können.

Man muss FT und The Economist zugutehalten, dass sie beide versuchten, europäische Medien aufzubauen – und scheiterten – trotz guter Referenzen und Finanzierung. Es hat tatsächlich rund 20 Versuche einer Entwicklung von Medien für die EU gegeben, die meisten waren Fehlgriffe. Da sich Europas Bedürfnisse und Technologie entwickeln, gibt es die Hoffnung, dass solche Medien geschaffen werden können. Doch falsche Lösungen müssen vermieden werden.

Falsche Lösungen

In der Vergangenheit unternahmen die EU-Institutionen kostspielige Versuche, ihre eigenen Medien zu organisieren. Der parlamentseigene Sender EuroparlTV konnte sich nie als richtiges Medium etablieren. Presseurop.eu hatte ein interessantes Syndizierungsmodell, hing aber vollständig von Kommissionseinnahmen ab und wurde ausgesetzt. Euranet versammelt Radiosender, bleibt aber relativ unbekannt.

Gleichzeitig kaufen PR-Agenturen Search Ads oder Social Media Ads und bekommen „likes“ für eine Wahlseite, klären die öffentliche Meinung aber nicht auf, wie Zeitungen das tun. Soziale Netzwerke können die Nachrichtenmedien auch nicht ersetzen, weil Journalisten damit beauftragt sind, genaue und ausgewogene Inhalte zu produzieren. Daher unterstützt Google das Ökosystem Presse auf zurückhaltende Weise.

Wichtiger ist, dass die politischen Entscheider mit Europas Presse kooperieren sollten, anstatt mit ihren eigenen Kanälen aufzuwarten, oder sich auf die sozialen Medien zu verlassen.

Ausländische Mächte bemühen sich um öffentliche Meinung der EU

Ein Maßstab für das nationale Interesse an den europäischen Angelegenheiten ist die Größe des Brüsseler Pressekorps, einmal als das größte der Welt gefeiert. Die Zahl der EU-Korrespondenten schrumpft, und das größte Büro ist nicht europäisch oder amerikanisch, sondern die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

Die Berichterstattung über europäische Themen nimmt allgemein zu, aber sie konzentriert sich auf einige wenige heiße Themen wie Wahlen, Grexit und Brexit, anstatt auf die Politikgestaltung.

Mittlerweile freut sich Europa über das Interesse von außerhalb der EU. Aber sollte es das?

Euronews wird teilweise durch öffentliche Gelder finanziert, und wurde anfangs von öffentlichen Sendern kontrolliert. Vor kurzem wurde der Sender von der ägyptischen Sawiris-Gruppe übernommen, die die Beibehaltung der redaktionellen Unabhängigkeit versprach. Aber es gibt Risiken, auch wegen des russischen Einflusses auf Euronews in Osteuropa. Vor dem Hintergrund der Sorgen des Europäischen Rats über russische Propaganda ist das ein Problembereich.

Austauschnetzwerke: Qualität, Einnahmen und Sprachmodelle

Europas Presse unterliegt tiefgreifenden Veränderungen, was zu einigen nationalen Erfolgen führt. Aber bis jetzt sind nur wenige grenzüberschreitende Projekte nachhaltig.

Einige EU-Gründerstaaten sind auf diesem Gebiet überraschend zurückhaltend. Die deutschen Medien (außer Axel Springer) spielen unterhalb ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten und hohen Standards. Frankreichs Zeitungen, besonders Le Monde, das einmal ein „must-read“ für Diplomaten war, werden heute vom Niedergang der französischen Sprache untergraben. Die meisten Medienprojekte mit einem starken Sprachelement haben irgendeine Verbindung zu Frankreich: Sie könnten mit Privatsektor-Modellen Erfolg haben.

Sechs Netzwerke sind erwähnenswert (gelistet vom breitesten ‚Scoop‘-Austausch bis zur integriertesten Produktion): Das Internationale Konsortium investigativer Journalisten (Swissleaks und LuxLeaks), das Climate Publishers’ Network, das Environment Network des Guardian sowie EURACTIVs Co-Branding-Partner und Medienpartner.

Zwei der Netzwerke sollten sich weiter entwickeln: Der Europa ‘club’, weil er Beilagen bisher ohne klares Einnahmenmodell druckt und das neue LENA, weil es einen schnelleren Austausch anstrebt.

Da sie schneller und die Deadlines kürzer werden, werden Austauschnetzwerke mit technologischen und organisatorischen Herausforderungen konfrontiert werden: Kuration, Übersetzung und Syndizierung.

Das könnte zu mehr Integration führen, und – im öffentlichen Interesse – könnte es sich die Regierungsaufmerksamkeit verdienen. Eine weitere Prüfung werden frische Einnahmen und eine neue Leserschaft sein.

Politiker: Keine Störung, sondern Erleichterung der grenzüberschreitenden Innovation

Dem Mediensektor zu helfen gilt als „Tabu“ oder auch nicht, je nach Land. Auf EU-Ebene sollte das nur indirekt geschehen, ohne irgendwelche Medien zu kontrollieren. Doch der digitale Binnenmarkt muss mit einer Strategie für den Sektor vervollständigt werden. Das ist einfacher, da die Kompetenzen für die Medienpolitik in einer Abteilung sind, gesondert von den Spin-Doktoren, was ich frühzeitig unterstützte. Diese Strategie könnte dreigleisig sein: eine lockere Regulierung, vernünftiger Einsatz des Wettbewerbsrechts, und Unterstützung für Innovation.

Die EU gibt Milliarden von Euro im Rahmen des „Horizon 2020“-Forschungsprogramms aus. Teile der digitalen Forschung sind für den Mediensektor relevant, aber bis jetzt wird er kaum einbezogen. In der Vergangenheit wurden Sektoren wie Kohle, Stahl, Autos, Textilien oder Telekom auch dank massiver europäischer Hilfe transformiert. Sollte der vierte Pfeiler der Demokratie, der auch ein wichtiger Arbeitgeber ist, weniger wichtig sein?

Die EU sollte sich von Forschung und Entwicklung zu Innovationsprojekten bewegen und Mediengruppen anlocken. Das ist machbar, da die Vorgaben in den Forderungen für Vorschläge jedes Jahr überprüft werden. Die EU ist weltweit auch der größte Übersetzer und plant, ihre Technologien zu öffnen. Man könnte auch von frühen Innovatoren lernen.

Eine Stakeholder-Arbeitsgruppe zur Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit der Medien führte zu einer Liste von sechs Empfehlungen der Fondation EURACTIV, unter dem Rahmen #Media4EU. Das angestrebte Follow-up-Projekt #Innovation4Media wird grenzüberschreitende Innovationen identifizieren und die öffentliche oder private Unterstützung in den Vordergrund stellen. Das ist sowohl für Journalisten als auch für Medienbesitzer von Interesse.

Der Wandel hängt nicht von der EU, sondern hauptsächlich davon ab, ob die Mediengruppen des Kontinents bereit sind, sich zu vereinen.

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