Ukrainische IT-Industrie arbeitet trotz Krieg weiter auf Hochtouren

„Trotz der anhaltend schwierigen Situation befinden sich unsere Industrie in einem guten Zustand“, betonte Konstantin Vasyuk, geschäftsführender Direktor des Verbands der ukrainischen IT-Wirtschaft gegenüber EURACTIV. [Shutterstock/EA09 Studio]

Trotz des verheerenden Krieges in der Ukraine arbeitet der IT-Sektor des Landes weiter auf Hochtouren. Derzeit beläuft sich die Produktion auf rund 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Ob sich dieser Trend jedoch fortsetzt, ist ungewiss.

Der Krieg in der Ukraine hat verheerende Auswirkungen auf die dortige Wirtschaft und die globalen Lieferketten. Während etwa die europäische Automobilindustrie bereits mit Lieferengpässen zu kämpfen hat, zeigt sich der ukrainische IT-Sektor, auf den rund 4 Prozent der ukrainischen Wirtschaftsleistung fallen, bislang jedoch äußerst robust.

„Trotz der anhaltend schwierigen Situation befinden sich unsere Industrie in einem guten Zustand“, betonte Konstantin Vasyuk, geschäftsführender Direktor des Verbands der ukrainischen IT-Wirtschaft gegenüber EURACTIV.

„Wir verfügen über Daten, dass die IT-Unternehmen derzeit auf rund 80 Prozent ihres Vorkriegsniveaus arbeiten.“

Der ukrainische IT-Sektor entwickelte sich in den letzten Jahren rasant. Mit einer Wachstumsrate von 25 bis 30 Prozent jährlich und rund 300.000 Beschäftigten verfügte die Ukraine über einen der am dynamischsten wachsenden IT-Sektoren in Europa.

Dass sich der IT-Sektor bislang behaupten konnte, hat mehrere Gründe.

„Wir befinden uns seit 2014 in einem kriegsähnlichen Zustand, weshalb unsere Unternehmen bereits vor dem Kriegsausbruch Vorkehrungen getroffen haben, damit der Betrieb relativ ungestört weiter gehen kann“, betonte Vasyuk.

Da sich der ukrainische IT-Sektor vor allem auf den Export von Dienstleistungen stützt, ist er zudem weit weniger ortsgebunden als andere Sektoren.

Die Unternehmen setzen deshalb insbesondere auf flexible Arbeitsmodelle – wie etwa Telearbeit. Zudem könnten Arbeitsprozesse kurzfristig ins Ausland verlegt werden.

„Viele der ukrainischen IT-Unternehmen verfügen über Standorte in mehreren Ländern und können daher, unterstützt durch die recht hohe Mobilität der IT-Experten, zumindest mittelfristig vergleichsweise flexibel auf solche Szenarien reagieren,“ erklärte Garry Poluschkin von dem Beratungsunternehmen German Economic Team.

Ungewisse Zukunft

Ob, und wie lange sich der ukrainische IT-Sektor jedoch weiter behaupten kann, ist ungewiss.

„Die weitere Entwicklung und das Ausmaß der wirtschaftlichen Störungen hängt sehr entscheidend von der Intensität und Dauer des russischen Angriffes ab“, sagte Poluschkin gegenüber EURACTIV.

Sollten die Kriegshandlungen weiter andauern, könnte es zu Investitionsausfällen sowie zur Kündigung von Verträgen kommen.

Knapp 45 Prozent der Beschäftigung im ukrainischen IT-Sektor rührt nämlich von „Outsourcing Unternehmen“ her, die zumindest teilweise als ausgelagerte IT-Abteilungen für internationale Unternehmen fungieren.

Ein Ausfall könnte auch für europäische Unternehmen Konsequenzen haben. Das Outsourcing Unternehmen Krusche & Company warnte beispielsweise bereits im Vorfeld des Krieges, dass eine Behinderung der aus der Ukraine gelieferten IT-Dienste den Westen digital lahmlegen könnte.

Allerdings ist die Bedeutung der ausgelagerten IT-Abteilungen für die internationalen Lieferketten nicht mit der von Güterzulieferern anderer Sektoren – etwa der Automobilindustrie – zu vergleichen.

„Unterbrechungen im Arbeitsablauf der IT-Unternehmen würden eher zu Verlängerungen von Entwicklungszyklen führen, nicht zu Produktionsunterbrechungen“, sagte Poluschkin.

Bislang scheinen die ukrainischen Unternehmen jedoch noch über ein relativ hohes Maß an Liquidität zu verfügen, was sich beispielsweise an den von ihnen geleisteten Hilfszahlungen zeigt.

Die IT-Unternehmen unterstützen nämlich aktiv die Bemühungen der ukrainischen Regierung, die russischen Angreifer zurückzuwerfen. Laut einer Umfrage des Verbandes der ukrainischen IT-Wirtschaft haben die Unternehmen bislang rund 25 Millionen Euro für humanitäre Hilfe sowie an das ukrainische Militär gespendet.

Das liegt unter anderem auch daran, dass es laut Vasyuk bislang nicht zu größeren Vertragskündigungen gekommen ist, denn die meisten Kunden der ukrainischen IT-Unternehmen haben sich trotz des Ausbruchs des Krieges nicht von den laufenden Verträgen zurückgezogen.

Bei einer Intensivierung des Kriegsgeschehens könnte sich dies jedoch ändern.

„Wir haben die erste Prüfung überstanden. Jetzt ist es wichtig, dass unsere Kunden uns weiter unterstützen und die Verträge aufrechterhalten“, betonte Vasyuk.

„Wir sind in der Lage und absolut bereit, auch unter diesen Bedingungen Dienstleistungen auf höchstem Niveau zu erbringen.“

Auch Cecilia Bonefeld-Dahl Hauptgeschäftsführerin des europäischen Digitalverbandes DIGITALEUROPE appellierte an die europäische Digitalwirtschaft:

„Neben humanitärer Hilfe und technischer Ausrüstung, die für die Kommunikation benötigt wird, kann die Wirtschaft helfen, indem sie ihre Verträge mit den ukrainischen Technologieunternehmen aufrechterhält und verlängert“, sagte sie gegenüber EURACTIV.

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