Ukraine-Krieg könnte Lieferketten bei Halbleitern unterbrechen

Der Weltmarkt für Halbleiter hat heute einen Wert von über 500 Milliarden Euro - eine Zahl, die sich bis 2030 verdoppeln dürfte. Auf Europa entfallen 10 Prozent der weltweiten Produktion, verglichen mit 24 Prozent im Jahr 2000 und 44 Prozent im Jahr 1990. [shutterpix/Shutterstock]

Der Krieg in der Ukraine könnte Europas Pläne entgegenlaufen, eine führende Rolle in der Chip-Produktion einzunehmen. Russland wird jedoch langfristig einen noch höheren Preis dafür zahlen müssen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der am 24. Februar mit einem militärischen Angriff begann, dürfte mittel- bis langfristig zahlreiche Nebenwirkungen für die Halbleiterindustrie haben. Die Industrie steht derzeit im Mittelpunkt der Debatte um die digitale Souveränität der EU.

Die Produktion von Neon, Palladium und C4F6, drei für Mikrochips wichtigen Materialien, könnte durch die Situation beeinträchtigt werden, so die Beratungsfirma Techcet. „Diese Materialien sind für die Halbleiterfertigung unerlässlich und unersetzlich“, so die Analysten von Techcet gegenüber EURACTIV.

LEAK: Chips Act der EU-Kommission und Halbleiter-Paket

Die EU-Kommission soll ein „Chips-Paket“ vorlegen, um Kapazitäten auszubauen, Regeln für staatliche Beihilfen zu lockern, Forschung zu finanzieren und internationale Partnerschaften zu schaffen.

Neon zum Beispiel ist ein Gas, das für die Laser-Gravur von Chips unerlässlich ist und fast ausschließlich zu diesem Zweck verwendet wird.

Russland ist hierbei einer der größten Neon Produzenten, denn das Gas wird als Nebenprodukt der Stahlproduktion gewonnen und aus der Luft filtriert. Bislang wurde Neon dann in die Ukraine weitergeleitet, wo es extrahiert und für den Export gereinigt wurde. Zumindest war das vor dem russischen Angriffskrieg der Fall.

„Wenn die derzeitige Situation eskaliert, könnte es zu Lieferunterbrechungen bei den US-Chipherstellern kommen“, warnte Techcet-Präsidentin Lita Shon-Roy bereits Anfang Februar, als die Spannungen bereits hoch waren. Die USA sind bei der Deckung ihres Bedarfs fast ausschließlich auf die russisch-ukrainische Koproduktion angewiesen.

Russland ist auch einer der größten Produzenten von Palladium, einem seltenen Metall, das auch bei der Herstellung von Halbleitern verwendet wird. Techcet schätzt, dass Russland 37 Prozent des weltweiten Angebots liefert und damit nach Südafrika (40 Prozent) an zweiter Stelle steht.

Katastrophale Umweltschäden bei Halbleiterproduktion von EU-Kommission ignoriert

Die katastrophalen Umweltkosten der Halbleiterproduktion, die mit jeder neuen Generation von Mikrochips problematischer werden, wurden im Halbleiter-Paket der Europäischen Kommission weitgehend außer Acht gelassen.

Eine „schwache“ unmittelbare Wirkung

Den Experten von Techcet zufolge werden die unmittelbaren Auswirkungen auf die EU-Industrie jedoch überschaubar bleiben.

Allerdings sei „die Halbleiter-Lieferkette aufgrund des Anstiegs der Chip-Nachfrage bereits angespannt“ und „jede erhebliche Versorgungsunterbrechung kann die Chip-Produktion in den nächsten 6-12 Monaten negativ beeinflussen“.

Demnach dürfte die Situation „den von der EU-Chipindustrie erhofften Wachstumskurs sicherlich verlangsamen.“

Der Weltmarkt für Halbleiter hat heute einen Wert von über 500 Milliarden Euro – eine Zahl, die sich bis 2030 verdoppeln dürfte. Auf Europa entfallen 10 Prozent der weltweiten Produktion, verglichen mit 24 Prozent im Jahr 2000 und 44 Prozent im Jahr 1990.

Die Folgen des Krieges werden davon abhängen, „wie gut die einzelnen Chiphersteller in Bezug auf ihre Kaufkraft vorbereitet sind und ob sie bereits alternative Bezugsquellen eingerichtet haben“, betonten die Techcet-Analysten.

Vorerst sind die Branchenakteure jedoch nicht beunruhigt.

„Bis zum heutigen Tag hat keiner unserer Lieferanten über mögliche Auswirkungen berichtet. Wir beobachten die Situation mit unseren Zulieferern und Partnern weiterhin genau“, sagte ein Sprecher von STMicroelectronics, einem der europäischen Marktführer in diesem Sektor, gegenüber EURACTIV.

Anfang März erhielt das Unternehmen ein 600-Millionen-Euro-Darlehen von der Europäischen Investitionsbank, um an seinen italienischen Werken in Agrate und Catania sowie an seinem französischen Werk in Crolles Pilotproduktionslinien für moderne Halbleiter zu entwickeln.

Der Verband der Halbleiterindustrie (Semiconductor Industry Association), der die US-amerikanische Halbleiterindustrie vertritt, erklärte: „Die Halbleiterindustrie verfügt über eine Vielzahl von Lieferanten für wichtige Materialien und Gase, so dass wir nicht davon ausgehen, dass es unmittelbare Risiken für Lieferunterbrechungen im Zusammenhang mit Russland und der Ukraine gibt.“

Neben der kriegsbedingten Unterbrechung der Produktionslinien könnte Moskau als Reaktion auf die Sanktionen der EU und der USA auch die Versorgung mit kritischen Materialien unterbrechen.

„Wir werden Russlands Zugang zu wichtigen Technologien, die es für den Aufbau einer prosperierenden Zukunft braucht – wie Halbleiter oder andere Spitzentechnologien – beeinträchtigen“, warnte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, nach dem russischen Einmarsch.

Dasselbe wurde auf der anderen Seite des Atlantiks in Washington verkündet. Die USA kündigten mehrere Sanktionen gegen Moskau an und untersagten die Ausfuhr von Technologien – einschließlich Halbleitern -, die zur Entwicklung russischer Waffen verwendet werden könnten.

Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), der weltweit führende Hersteller von Halbleitern, kündigte an, der amerikanischen Entscheidung nachzukommen und seine Exporte nach Russland einzustellen. Moskau ist in hohem Maße von den Produkten des Unternehmens abhängig, um seine Laptops, Smartphones und moderne militärische Ausrüstung herzustellen.

Obwohl die Embargos für Technologieexporte nicht so drastisch erscheinen wie der Ausschluss aus dem SWIFT-Informationssystem, dürften die Folgen dennoch ernst sein, da sie Russlands Innovationsfähigkeit auf lange Sicht lähmen könnten.

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Zoran Radosavljevic]

Subscribe to our newsletters

Subscribe