Tech-Sektor warnt vor Politisierung der EU-Halbleiterindustrie

Vor allem die Automobilhersteller erleiden historische Verluste: Im Oktober sank die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um 38 %. [Surasak_Photo/Shutterstock]

Die Digitalindustrie hat die Ankündigung der EU-Kommission zum „Chips Act“ begrüßt, der Europa widerstandsfähiger gegen externe Versorgungsschocks machen soll, warnte jedoch davor, dass die Strategie nicht allein von politischen Zwängen bestimmt werden sollte.

In einem neuen Diskussionspapier, das der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) am Donnerstag (4. November) veröffentlicht hat, heißt es, dass die Rückkehr von Kapazitäten in der Halbleiterfertigung nach Europa für die technologische Souveränität Deutschlands und Europas insgesamt von zentraler Bedeutung ist.

„Wir müssen die Produktionskapazitäten für Chips aller Strukturgrößen im Einklang mit der Marktdynamik ausbauen“, sagte der ZVEI-Vorsitzende Wolfgang Weber in einer Erklärung. Er fügte hinzu, dass die nachgelagerten Industrien in Europa sowohl leistungsfähige Chips kleinerer Größe als auch größere Leistungselektronik, Sensoren und mikroelektromechanische Systeme benötigen.

In den letzten Monaten kam es in der europäischen Industrie zu Produktionsengpässen aufgrund eines weltweiten Versorgungsengpasses bei Halbleitern. Deutschland ist davon am stärksten betroffen: In einer Umfrage vom August gaben über 40 % der Unternehmen an, dass sie aufgrund der Lieferengpässe Umsatzeinbußen erlitten haben.

Vor allem die Automobilhersteller erleiden historische Einbußen: Im Oktober ging die Produktion im Vergleich zum Vorjahr um 38 % zurück.

Um diese Engpässe in Zukunft zu vermeiden, enthält das Diskussionspapier mehrere Empfehlungen für die künftige Entwicklung einer effizienten Halbleiterindustrie in Europa.

Vor allem wird in dem Bericht hervorgehoben, dass die derzeit bestehenden öffentlichen Finanzierungsmechanismen verbessert und die Projektgenehmigungen beschleunigt werden sollten.

Dies ist ein Verweis auf den Chips Act, eine für nächstes Jahr erwartete EU-Initiative, die laut der Studie auch darauf abzielen sollte, ein günstigeres Umfeld für Investitionen zu schaffen, etwa durch steuerliche Anreize oder die Förderung von Qualifikationen.

DigitalEurope, ein europäischer Wirtschaftsverband, erklärte ebenfalls, dass der Ausbau der Produktionskapazitäten hauptsächlich von der Marktnachfrage und nicht von politischen Zwängen bestimmt werden sollte. „Der vorgeschlagene EU Chips Act muss auf die Industrie hören, um zu sehen, was die Bedürfnisse sind, und darf nicht von der Politik bestimmt werden“, sagte Cecilia Bonefeld-Dahl, Generaldirektorin von DigitalEurope, in einer Erklärung.

Produktionsausfälle durch Halbleiter-Lieferengpässe in Deutschland

Deutschland hat derzeit mit starken Lieferengpässen von Halbleitern zu kämpfen. Insbesondere die Automobilindustrie ist betroffen. Nicht nur deswegen herrscht weitgehend Konsens in der EU und der Bundespolitik, dass die Produktionsstätten für Halbleiter zurück nach Europa geholt werden sollen.

Einstieg in das Hightech-Rennen?

Die EU-Kommission hat es zu einer ihrer obersten Prioritäten gemacht, die Halbleiterproduktion wieder nach Europa zu holen. Thierry Breton, EU-Binnenmarktkommissar, will den Anteil Europas an der weltweiten Chip-Produktion von 9 % auf 20 % verdoppeln und die Investitionen bis 2030 um 20-30 Milliarden Euro steigern.

Die Pläne wurden bereits im Digitalen Kompass der EU skizziert und sollen im kommenden EU-Chipgesetz weiter ausgearbeitet werden.

Die Kommission will auch die Produktion von Spitzen-Halbleitern in Europa bis 2030 fördern. Während die meisten Chips, die derzeit in der EU hergestellt werden, 14 Nanometer oder größer sind, will Breton die Abhängigkeit von Asien verringern, indem er die Herstellung von Chips mit einer Größe von 2 Nanometern fördert.

Einige Kritiker sind jedoch der Ansicht, dass dieser Ansatz keine greifbaren Ergebnisse bringen wird, da Europa in diesem Sektor bereits den Anschluss verloren hat.

„Es gibt keinen guten Ansatzpunkt, um in diesen Bereichen wieder wettbewerbsfähig oder gar führend zu werden“, sagte Stefan Mengel, Referatsleiter im deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung, auf einer Veranstaltung am Dienstag (2. November).

Halbleiter: Deutschland kündigt Milliardenpaket für technologische Souveränität an

Deutschland stellt ein milliardenschweres Förderungspaket in Aussicht, um die Halbleiterproduktion zurück nach Europa zu holen und die technologische Souveränität Deutschlands und der EU zu stärken.

Ein harter Kampf

Auch die bis 2030 geplanten Investitionen in Höhe von 20-30 Mrd. € sind im Vergleich zu Europas globalen Konkurrenten blass. Südkorea, einer der Marktführer in der Chip-Produktion, plant im gleichen Zeitraum Investitionen von über 400 Milliarden Dollar (346 Milliarden Euro).

Der Verband der deutschen Elektronikindustrie schätzt, dass jedes Jahr mindestens 25 Milliarden Euro investiert werden müssen, um Europa wieder auf Kurs zu bringen. Um mehr Mittel zur Verfügung zu stellen, empfiehlt das ZVEI-Papier, den 800 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds der EU, genannt „Next Generation EU“, zu nutzen.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die der EU-Strategie sehr skeptisch gegenüberstehen und davor warnen, dass die Kosten am Ende den Nutzen übersteigen könnten.

Ein Bericht der International Data Corporation (IDC) wies sogar darauf hin, dass es bis 2023 eine Überkapazität an Halbleitern geben könnte, was die Notwendigkeit umfangreicher öffentlicher Investitionen in Frage stellt.

Angesichts der Tatsache, dass sich der Halbleitermarkt bis 2030 verdoppeln soll, würde das Erreichen des Ziels, 20 % der weltweiten Produktion in Europa zu haben, eine Vervierfachung der Produktionskapazitäten in der EU erfordern, so die IDC.

Und selbst wenn es Europa gelänge, das 20 %-Ziel bis 2030 zu erreichen, würde die Abhängigkeit von Asien nicht verringert, da die globalen Wertschöpfungsketten zu stark miteinander verflochten und zu sehr von den Herstellern in Ostasien abhängig sind.

„Ich denke, wir sollten diesen allgemeinen Traum von Autonomie aufgeben und eher darüber nachdenken, wie wir eine Hebelwirkung erzielen und sicherstellen können, dass unsere gegenseitige Abhängigkeit nicht zu unseren Ungunsten ausgenutzt wird“, so Nicolas Poitiers, Forschungsstipendiat der wirtschaftlichen Denkfabrik Bruegel in Brüssel.

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi and Frédéric Simon]

Subscribe to our newsletters

Subscribe