Niedriges Angebot an digitalen Dienstleistungen Hindernis für Deutschlands Digitalisierung

„Insbesondere im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung können digitale Dienste einen großen Nutzen bieten. Das Potenzial der Anwendungen ist groß und kann verhältnismäßig leicht gehoben werden,“ betonte Rehse.   [everything possible/Shutterstock]

Das geringe Angebot sowie die niedrige Praktikabilität sind die wesentlichen Hemmnisse für die Nutzbarmachung von digitalen Dienstleistungen in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Studie der Boston Consulting Group.

In der Debatte rund um die Digitalisierung in Deutschland wird meist auf den schleppenden Ausbau des Breitbandnetzes sowie Datenschutzbedenken als größte Hürden für die Digitalisierung verwiesen.

Die Studie der BCG, die sich mit den Digitalisierungshemmnissen im bei der Nutzung von digitalen Anwendungen in den Bereichen Bildung, Arbeit, Gesundheitswesen und öffentliche Verwaltung widmet, kommt jedoch zu einem gegenteiligen Ergebnis.

Zwar kommt der Glasfaserausbau nur schleppend voran, und befindet sich derzeit bei rund 15 Prozent, 89 Prozent der Haushalte verfügen jedoch über einen Internetzugang von mindestens 100Mbit/s – immerhin 5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

„Beim Infrastrukturausbau ist Deutschland noch nicht am Ziel, aber unsere Studie zeigt, dass große Hebel beim Angebot digitaler Dienste und ihrer tatsächlichen Nutzung durch die Bevölkerung liegen“, betonte Olaf Rehse, Senior Partner bei der Boston Consulting Group (BCG) und Mitautor der Studie.

So kommt die repräsentative Umfrage von BCG zu dem Ergebnis, dass nicht primär dem Ausbau der Infrastruktur, sondern der Praktikabilität von digitalen Services eine Schlüsselfunktion in der Digitalisierung zukommt.

Insbesondere der zeitliche und finanzielle Nutzen von digitalen Diensten wird bislang von breiten Teilen der Bevölkerung nicht erkannt, weshalb die Kommunikation, sowie der Ausbau von digitalen Angeboten stärker ins Blickfeld genommen werden sollte, so der Report.

Auch Datenschutzbedenken, die oft als eines der größten Digitalisierungshemmnisse bezeichnet werden, wird von den Befragten nur eine untergeordnete Rolle zugewiesen.

Zwar gaben 30 Prozent der Befragten an, dass vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen zu wenig auf Datenschutz geachtet wird, zwei Drittel der Bevölkerung nutzen jedoch Dienste, die die Bereitstellung von Daten erfordern.

Zudem wird die Ausweitung des Datenschutzes von den Befragten lediglich als siebt-wichtigste Maßnahme für die Steigerung der Nutzung von digitalen Diensten bezeichnet – während vor allem die schnelleren Bearbeitungszeiten sowie die Steigerung der Übersichtlichkeit als wichtigste Maßnahmen gesehen werden.

Digitalisierungsindex in Deutschland: Viele Baustellen, manche Lichtblicke

Das deutsche Bundesministerium des Inneren stellte den Deutschland-Index der Digitalisierung 2021 vor. Zwar zeigt der Index einen positiven Trend in Richtung steigender Digitalisierung, jedoch besteht insbesondere im Bereich digitale Infrastruktur und Bürgerservices Nachholbedarf.

Mehr Digitale Dienste anbieten

Die Ergebnisse der Studie decken sich auch mit den Erfahrungen in anderen Ländern.

So setzte etwa das Vorreiterland Estland bei der Digitalisierung vor allem auf die breite Verfügbarmachung von benutzerfreundlichen digitalen Dienstleistungen – etwa bei den voll digitalisierten und automatisierten Steuererklärungen.

Zwar erhöhten sich während der Corona-Pandemie die Nutzerzahlen von digitalen Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung, sowie des Gesundheitswesens, insgesamt verharren diese jedoch auf niedrigem Niveau.

Dies liegt insbesondere an fehlen von Angeboten. Denn in den letzten eineinhalb Jahren seit der Pandemie stehen kaum mehr digitale Angebote zur Verfügung als noch 2019.

„Insbesondere im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung können digitale Dienste einen großen Nutzen bieten. Das Potenzial der Anwendungen ist groß und kann verhältnismäßig leicht gehoben werden,“ betonte Rehse.

Auch im Bildungsbereich werden in der Studie grobe Mängel verortet.

Zwar hat sich die Verfügbarkeit von digitalen Anwendungen im Bildungsbereich deutliche verbessert, Nachholbedarf besteht jedoch bei der digitalen Infrastruktur.

So verfügen lediglich 37 Prozent der Schulen in Deutschland einen ausreichenden Internetzugang. Zwar hat sich dieser Wert seit 2019 um beinahe 10 Prozentpunkte verbessert, laut der Studie besteht hier aber dennoch Luft nach oben.

Was eine Ampelkoalition für die Digitalisierung Deutschlands bedeuten könnte

In den Sondierungsgesprächen haben SPD, FDP und Grüne die Digitalisierung zu einem der Kernbereich erklärt. Die Digitalverbände stehen dem Papier positiv gegenüber, sehen allerdings in einigen Bereichen noch Nachjustierungsbedarf.

Geringverdiener und Ältere bei Digitalisierung abgehängt

Während sich die Digitalisierung während der Pandemie weiter intensivierte, sind vornehmlich Geringverdiener und Ältere immer weiter abgehängt.

Insgesamt ist der Anteil von Nutzern während der Pandemie von 26 auf 64 Prozent angestiegen. Ein Drittel der Bevölkerung ist jedoch nach wie vor analog unterwegs. Insbesondere bei Älteren und Geringverdienenden dominieren Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung.

So greifen rund 50 Prozent der über 60-Jährigen nicht auf digitale Dienste zurück. Auch bei den Geringverdienern mit einem Nettoeinkommen von unter 1.500 Euro gaben 46 Prozent an keine digitalen Dienste zu nutzen.

“Die unterschiedlichen Bedürfnisse in der Bevölkerung erfordern zielgruppenspezifische Maßnahmen. So kommt es darauf an, vermeintlich abgehängte Gruppen stärker mitzunehmen,“ konstatiert Rehse.

Vornehmlich geringverdienende Bevölkerungsgruppen stehen der Digitalisierung auch im generellen ängstlicher gegenüber. So gaben 37 Prozent der Geringverdienenden an, ängstlich im Umgang mit digitalen Diensten zu sein.

Deshalb betont Rehse, dass die Vorteile der Digitalisierung verstärkt kommuniziert werden müssten, um die Vorbehalte in der Bevölkerung abzudämpfen und den Mehrwert der Digitalisierung stärker zu betonen.

Digitalisierung der Industrie: Droht Deutschland ins Hintertreffen zu geraten?

In der vergangenen Legislaturperiode wurden zahlreiche Initiativen für den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft zur Industrie 4.0 gesetzt. Deutsche Digital- und Mittelstandsverbände mahnen jedoch, dass gerade mittelständische Unternehmen bessere finanzielle Rahmenbedingungen und Entlastung benötigen, um die Digitalisierung zu stemmen.

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