Lissabon-Strategie: Berichte nennen schwarze Schafe [DE]

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Eine Woche vor dem EU-Frühjahrsgipfel haben zwei Think Tanks eine Beurteilung der Fortschritte bei der Umsetzung der Lissabon-Strategie veröffentlicht. Die Berichte scheuen nicht davor zurück, das schlechte Abschneiden einzelner Mitgliedstaaten anzuprangern.

Zwei europäische Think Tanks haben nun eigene Berichte über die Umsetzung der Lissabon-Strategie durch die Mitgliedstaaten veröffentlicht. Sie tun das, was die Kommission bislang vermieden hat: „Helden“ und „Schurken“ zu identifizieren. 

Der Brüsseler Think Tank Bruegel hat seine Beurteilung am 14. März veröffentlicht. In einem Policy Brief warnen Jean Pisani-Ferry und André Sapir davor, nicht die „letzte Ausfahrt nach Lissabon“ zu verpassen. Sie bewerten die nationalen Reformprogramme und die Beurteilung der Kommission der Programme. Auf einer Skala von 1 bis 12 erhalten die meisten Länder weniger als 6, da sie sich die Lissabon-Strategie nicht ausreichend zu Eigen gemacht hätten. Dies bedeutet, dass sie ihre nationalen Parlamente, Sozialpartner und die Zivilgesellschaft stärker in die Ausarbeitung ihrer Reformprogramme hätten einbeziehen sollen. 

Auf der Bruegel-Rangliste schneidet Estland in dieser Kategorie am besten ab (11 von 12 Punkten), gefolgt von neun anderen Ländern (Österreich, Dänemark, Polen, Spanien und andere), die 7 von 12 Punkten erhalten. Die Länder, in denen die verschiedenen Akteure am wenigsten einbezogen worden seien sind Belgien (3), Deutschland (2) und Großbritannien (2). 

In ihrem Urteil über den Kommissionsbericht zu den nationalen Reformprogrammen kritisieren Pisani-Ferry und Sapir, die Zahl der integrierten Leitlinien als zu hoch. Die Kommission müsse diese „vereinfachen“ und klare Schwerpunkte setzen. 

Die Bewertung des Centre for European Reform (CER) hingegen fällt etwas positiver aus. „Viele zugrunde liegende Trends sind positiv“, erklärt CER in einer Pressemitteilung. „Langsam aber sicher geht es in der EU in den meisten Bereichen unter der Lissabon-Agenda vorwärts“. Die CER-Rangliste wird am 20. März in Brüssel veröffentlicht. Sie wird ebenfalls „Helden“ und „Schurken“ identifizieren. Dänemark rangiert auf Platz 1, gefolgt von Schweden und Österreich. Auch Großbritannien, die Niederlande und Finnland erhalten gute Noten. Die Mittelmeerländer Italien, Griechenland und Portugal hingegen schneiden schlecht ab. Schlusslicht ist Polen.

Auf einer Pressekonferenz während des European Business Summit am 17. März hat Kommissionsvizepräsident Verheugen den Bruegel-Bericht, von EURACTIV auf ihn angesprochen, kritisiert. „Es ist verfrüht, die neue Strategie zu beurteilen, da die nationalen Reformprogramme erst vor wenigen Wochen erschienen sind“, so der Industriekommissar. Er sagte ebenfalls, dass es keine Beispiele dafür geben, dass es in internationalen Angelegenheiten jemals geholfen hätte, Länder an den Pranger zu stellen. „Bei diesem Bericht geht es mehr um Ideologie als um Wissenschaft“, schlussfolgerte Verheugen. 

Auf derselben Pressekonferenz sagte Philippe de Buck, Generalsekretär des europäischen Arbeitgeberverbands UNICE, dass er die Meinung des Kommissars in dieser Frage teile. Damit stand er in klarem Widerspruch zu der Haltung, die Präsident Sellière vor wenigen Monaten auf einer UNICE-Pressekonferenz dargelegt hatte. Sellière hatte gesagt, sein Verband würde nicht davor zurückscheuen, Länder, welche sich nicht ausreichend anstrengten, an den Pranger zu stellen.

Am 23. und 24. März werden die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten zusammenkommen, um über den Stand der Umsetzung der Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung zu beraten. Die nationalen Reformprogramme werden hierbei im Vordergrund stehen. 

Im Jahr 2005 hat die Kommission die Lissabon-Agenda stärker auf Wachstum und Beschäftigung  ausgerichtet. Sie betonte, dass die Mitgliedstaaten sich die Reformagenda stärker zu Eigen machen müssten. „Lissabon 2“ beruht auf den Empfehlungen einer hochrangigen Gruppe unter der Leitung des ehemaligen niederländischen Premiers Wim Kok. Eine der Empfehlungen des „Kok-Berichts“ fand sich jedoch nicht in der neuen Fassung wieder: die Idee, Länder an den Pranger zu stellen, die nicht die erforderlichen Reformen durchführen.

  • Der EU-Frühjahrsgipfel wird vom 23. bis 24. März 2006 stattfinden. 

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