Halbleiter: Deutschland kündigt Milliardenpaket für technologische Souveränität an

Die Nachfrage nach Halbleitern ist den letzten Jahren exponentiell gestiegen, was unter anderm auf den gestiegenen Bedarf durch die Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge zurückgeht.  [SCHUTTERSTOCK/genkur]

Im Rahmen eines europäischen Großprojekts will Deutschland mehrere Milliarden Euro bereitstellen um die Halbleiterproduktion zurück nach Europa zu holen und die technologische Souveränität Deutschlands und der EU zu stärken.

Um den Ausbau der Mikroelektronik in Deutschland voranzubringen, führte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Mittwoch (1. September) Gespräche mit 50 Vertretern der europäischen und internationalen Halbleiterindustrie um diese mit einem Förderpaket zu Investitionen in Deutschland anzuregen.

„Der Zugang zu ausreichenden Mikrochips wird in den nächsten Jahren zu einem Wettbewerbselement für jede erfolgreiche Weltwirtschaft werden,“ betonte Altmaier auf einer Pressekonferenz am Mittwoch (1. September)

„Das bedeutet, dass wir handeln müssen, wenn wir unsere technologische Souveränität wahren wollen,“ fügte Altmaier hinzu.

Im Rahmen der Europäischen Föderinitiative ‘Important Projects of Common European Interest‘ (IPCEI) will die Bundesregierung rund drei Milliarden Euro in die Hand nehmen, um Produktionsstätten entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Halbleiterproduktion zurückgewinnen zu können.

Hintergrund der Initiative sind vor allem die weltweiten Lieferengpässe bei Halbleitern und den damit einhergehenden Produktionsausfällen der Industrie. Die Nachfrage nach Halbleitern ist in den letzten Jahren exponentiell angewachsen, was unter anderem auf den gestiegenen Bedarf durch die Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge zurückgeht.

Deutschland will sich laut Altmaier damit insbesondere für die digitalen und ökologischen Herausforderungen der Zukunft wappnen. Denn sowohl für die E-Mobilität als auch für die Industrie 4.0 seinen sehr viel leistungsfähigerer Halbleiter nötig, als derzeit in Deutschland und Europa produziert werden.

Produktionsausfälle durch Halbleiter-Lieferengpässe in Deutschland

Deutschland hat derzeit mit starken Lieferengpässen von Halbleitern zu kämpfen. Insbesondere die Automobilindustrie ist betroffen. Nicht nur deswegen herrscht weitgehend Konsens in der EU und der Bundespolitik, dass die Produktionsstätten für Halbleiter zurück nach Europa geholt werden sollen.

Der Rückstand Europas

Bei dem IPCEI handelt es sich um eines der Flaggschiffe der EU, um Investitionen anzuregen und die Abhängigkeit von Importen abzuschwächen.

Denn Europa befindet sich seit Jahren auf dem absteigenden Ast was den Anteil an der internationalen Halbleiterproduktion betrifft.

Belief sich dieser Anteil 1990 noch bei 35 Prozent, stagniert er derzeit bei mageren 9 Prozent.

Die Europäische Kommission will hier nun eine Trendwende herbeiführen, und hat in ihrem Digitalen Kompass das Ziel verankert, bis 2030 wieder 20 Prozent der internationalen Produktion zurück nach Europa zu holen.

Da der Markt sich in einem exponentiellen Wachstum befindet rechnete Altmaier damit, dass die heutigen Produktionskapazitäten bis 2030 verdrei- oder sogar vervierfacht werden müssten, um das 20 Prozent Ziel zu erreichen.

Dabei ist der Rückstand Europas nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Natur. Denn die am weitest entwickelten Mikrochips, die unter anderem in Smartphones, Computern und anderen High-Tech Geräten verbaut werden, werden derzeit fast ausschließlich in Asien hergestellt.

Europäische Produzenten, wie NXP oder Infineon konzentrieren sich demgegenüber hauptsächlich auf die Produktion von Halbleitern für die Industrie, die technologisch weniger ausgefeilt sind als bei der asiatischen Konkurrenz.

Während asiatische Unternehmen wie TSMC oder Samsung sich bereits auf die 3-Nanometer-Fertigung von Halbleitern konzentrieren, hat Europa, mit Ausnahme der Intel Fabrik in Irland, beinahe keine einzige Produktionsstätte für Halbleiter unter 20 Nanometern.

Gerade hier will die EU ansetzen. Wie der Europäische Kommissar für den Binnenmarkt, Thierry Breton, im Dezember betonte will die EU gerade auf den Hochtechnologiebereich bei der Halbleiterproduktion setzen und in den Ausbau von 2-Nanometer-Produktionsstätten vorantreiben.

Der richtige Weg zur digitalen Souveränität?

Altmaier zeigt sich indes zuversichtlich die 20 Prozent Marke bis 2030 erreichen zu können und den technologischen Rückstand bei der Produktion durch die Fördermittel aus dem IPCEI aufholen zu können um dadurch weitere Halbleiterproduzenten dazu zu bewegen in Deutschland und Europa zu investieren.

Er verwies dabei insbesondere auf die vergangenen Erfahrungen mit dem IPCEI im Jahr 2018. Mit rund einer Milliarde an öffentlichen Förderungen sei damals das dreifache an privaten Investitionen ausgelöst worden, so Altmaier.

Daher sei das IPCEI auch „das richtige Instrument um die Souveränität Europas zu wahren,“ sagte der Minister weiter.

Auch aus der Industrie kamen positive Worte zu den deutschen und europäischen Ambitionen.

So betonte Frank Bösenberg, Leiter der Geschäftsstelle von Silicon Saxony, einem der führenden Branchenverband für Mikroelektronik in Deutschland, dass „die Ankündigungen auf europäischer Ebene und von der Bundesregierung richtig und wichtig sind für unsere Branche.“

Denn die „Welt wartet nicht auf Europa,” führte Bösenberg gegenüber EURACTIV weiter aus.

Allerdings gibt es auch Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit der Investitionsoffensive.

So hält Niclas Poitiers von dem Think-Tank Bruegel das Erreichen des 20 Prozent Ziels für „vollkommen unrealistisch.“ Denn gerade in Bezug auf die Größenordnung der Investitionen in anderen Ländern, wie den USA oder Japan, ist Europa immer noch abgeschlagen.

Gerade das Zurückgewinnen von Marktanteilen, besonders auch im technologieintensiven Bereich, sei zudem sehr kostenintensiv, birgt aber vergleichsweise wenig Vorteile.

Der vermehrte Ausbau von Produktionsstätten allein führt nämlich nicht automatisch zu weniger Abhängigkeiten und einer höheren digitalen Souveränität.

„Denn in der globalen Weltwirtschaft sind Lieferketten so eng und über so viele Grenzen hinweg miteinander verzahnt, dass Abhängigkeiten selbst dann weiter bestehen bleiben, wenn Teilbereiche der Halbleiterindustrie massiv vor Ort ausgebaut werden,“ betonte Poitiers gegenüber EURACTIV.

Die EU wäre daher besser darin beraten, in bestehende Stärken zu investieren, anstatt auf verlorenen Posten zu kämpfen, fasste Poitiers zusammen.

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