Französische Quantenbranche fordert mehr EU-Mittel

Das Quantencomputing basiert auf dem theoretischen Versprechen, dass Quantenberechnungskapazitäten die Berechnungsgeschwindigkeit von hochkomplexen Problemen immens verringern können, so dass die Zeit von Jahren auf Stunden oder sogar Minuten reduziert werden kann. [Inkoly / Shutterstock]

Die französische Branche im Bereich Quantum Computing fordert von der EU mehr Finanzierungsinitiativen für Deep Tech und Quantentechnologien. Die Forderung stößt auch auf politischer Ebene auf Widerhall. 

Das Quantencomputing verspricht die Berechnungsgeschwindigkeit von hochkomplexen Problemen durch Quantenberechnungskapazitäten immens zu verringern. Dadurch könnte die Berechnungszeit von komplexen Problemen von Jahren auf Stunden oder sogar Minuten verringert werden.

Die Entwicklung einer solchen Technologie würde ihrem Besitzer einen „Quantenvorteil“ verschaffen. Gegenwärtig können Quantencomputer nur schrittweise Verbesserungen gegenüber aktuellen Computern erzielen, während Quantensensoren wie Trägheitsnavigationssysteme kurz vor der Markteinführung stehen.

„Damit Europa seine Rolle in vollem Umfang spielen kann, müssen wir Synergien zwischen dem, was auf nationaler Ebene geschieht, und dem, was auf EU-Ebene stattfindet, schaffen“, so Neil Abroug, Leiter der französischen Quantenstrategie, gegenüber Euractiv.

Eine kapitalintensive Industrie

Da es sich bei der Quantenindustrie um eine kapitalintensive Branche handelt, benötigen die Unternehmen große Investitionssummen, um ihr Geschäft auszubauen.

„Frankreich ist wohl eines der besten Länder, um ein Tech-Startup zu gründen“, sagte Théau Peronnin, CEO und Mitbegründer von Alice & Bob, einem in Paris ansässigen Startup, das Quantencomputer baut.

Frankreich hat mehrere Initiativen zur Unterstützung seines Tech-Ökosystems ins Leben gerufen – insbesondere das französische Tech-Label, das die Strukturierung und das Wachstum französischer Tech-Startups fördert.

Auch das Steuersystem wurde mit zahlreichen Initiativen angepasst, um das Unternehmertum sowie die Gründung und das Wachstum von Start-ups zu fördern.

Darüber hinaus hat sich ein französischer Investmentfonds, Quantonation, ganz der Investition in Quantentechnologien verschrieben und verwaltet ein Vermögen von 100 Millionen Euro.

Laut Abroug war Quantonation ein Trendsetter für das französische Quanten-Ökosystem. Seine Investitionen in die Quantentechnologie gaben generalistischen Investmentfonds das Vertrauen, ebenfalls in Unternehmen der Quantentechnologie zu investieren, wodurch schließlich ein positiver Kreislauf von Investitionen entstand.

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Deutschland will beim Thema Quantentechnologie eine Spitzenposition einnehmen und zu China und den USA aufschließen. Die Bundesregierung hat hierzu ein Handlungskonzept erarbeitet, das am Donnerstag (11. Mai) an den federführenden Ausschuss im Bundestag überwiesen wurde.

Ein Mangel an großen europäischen Fonds

Die „aufgesplitterte europäische Finanzierung“ beschränke allerdings das Wachstum des Quantensektors, warnte Peronnin.

Ein Beispiel dafür ist das französische Start-up Pasqal, das in seiner Serie-B-Runde im Jahr 2023 100 Millionen Euro aufbrachte und Temasek Holdings, dem Staatsfonds von Singapur, und Wa’ed Ventures, dem Investmentfonds von Aramco, einer staatlichen saudischen Ölgesellschaft, sein Kapital zur Verfügung stellte.

Diese Mittel von außereuropäischen privaten Akteuren wurden durch Mittel von europäischen öffentlichen Einrichtungen ergänzt: der französischen öffentlichen Investitionsbank Bpifrance und dem Europäischen Innovationsrat.

Nicolas Proust, Strategiechef von Pasqal, erklärte gegenüber Euractiv, dass sich Pasqal mit Blick auf künftige Investitionsrunden „auf das gesamte Finanzierungsökosystem konzentriert, das die französischen Behörden weiterhin für Deep-Tech-Startups aufbauen müssen.“

Pierre Desjardins, Mitbegründer und CEO des Quanten-Startups C12, schließt sich diesem Punkt an. „Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir, die Startups, noch konkretere Maßnahmen der öffentlichen Hand benötigen, damit wir in die Phase der technologischen Entwicklung eintreten können.“

Der Mangel an großen europäischen Investitionsfonds ist seit langem ein Problem in der EU.

Im Jahr 2020 legte eine vom ehemaligen französischen Premierminister Édouard Philippe in Auftrag gegebene parlamentarische Untersuchung einen Bericht vor, der empfahl „einen vertrauenswürdigen Spätstadium-Investitionsfonds in Höhe von 300 bis 500 Millionen Euro einzurichten, der für Quanten-Startups bestimmt ist.“

Ein solcher französischer oder europäischer Investitionsfonds, der sich der Quantenphysik widmet, sollte hierbei mit über eine Milliarde Euro ausgestattet werden, damit Europa bei der Entwicklung von Quanten-Ökosystemen Schritt halten kann, sagte der für den Report zuständige Abgeordnete Abourg.

Es gibt bereits einige EU-Initiativen. Die European Tech Champions Initiative beispielsweise, die 2023 von der Europäischen Investitionsbank zusammen mit großen EU-Ländern wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Belgien ins Leben gerufen wurde, zielt darauf ab, zehn bis 15 große Risikokapitalfonds zu unterstützen, die jeweils etwa 1 Milliarde Euro verwalten.

Die Initiative soll Technologie-Investitionsfonds fördern, hat jedoch kein konkretes Ziel dafür festgelegt, ob einer dieser Fonds für Quantentechnologien bestimmt sein sollte.

„Wenn ich 100 Millionen Euro aufbringen würde, müsste ich einen Hauptinvestor finden, der die Hälfte des Betrags beisteuern würde. Der Hauptinvestor kann jedoch nur 5 Prozent des Fonds übernehmen. Das bedeutet einen Fonds von mindestens 1 Milliarde Euro. Die Herausforderung besteht darin, dass solche europäischen Investmentfonds, die über das Know-how für Investitionen in Deep Tech verfügen, schwer zu finden sind“, fasst Peronnin zusammen.

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[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Nathalie Weatherald]

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