Fachkräftemangel: Tech-Branche fordert mehr Investitionen in digitale Kompetenzen

In den IKT-Bereichen herrscht derzeit ein erheblicher Fachkräftemangel, und der Bedarf an digitaler Bildung ist auch in anderen Bereichen weit verbreitet, in denen digitale Kompetenzen für die Teilhabe am Arbeits- und Alltagsleben immer wichtiger werden.

Investitionen in digitale Kompetenzen sind von entscheidender Bedeutung, wenn Europa seine wirtschaftliche Position umgestalten und seinen Platz in der künftigen globalen Wertschöpfungskette sichern will, so Vertreter der Industrie. Die Branche leidet derzeit unter einem Fachkräftemangel.

Im Innovations- und Kommunikationstechniksektor herrscht derzeit ein erheblicher Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Digitale Kompetenzen werden hierbei für die Teilhabe am Arbeits- und Alltagsleben immer unerlässlicher.

Die Ziele der Kommission für „die digitale Dekade“ sehen zwar vor, dass bis 2030 80 % der EU-Bevölkerung über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen sollen, doch es besteht nach wie vor eine erhebliche Qualifikationslücke.

Auf dem kürzlich abgehaltenen Huawei Talent Summit in Helsinki erklärte Kenneth Fredriksen, Executive Vice-President für Mittelosteuropa und die nordische Region bei Huawei, gegenüber EURACTIV, dass junge Menschen und Frauen stärker für den Sektor motiviert werden sollten und dass sich digitale Investitionen auf die Förderung von Talenten konzentrieren sollten.

„Da nun alle in die digitale Welt einsteigen – Länder, Unternehmen und Einzelpersonen – wird es meiner Meinung nach noch deutlicher, dass der Mangel an solchen Talenten und der Zugang zu diesen Talenten eine große Lücke schafft, und Europa fällt in dieser Hinsicht vielleicht negativ auf“, sagte er.

Der europäische Tech-Sektor steht vor seiner nächsten Herausforderung

Obwohl es den Start-ups aufgrund der größeren Verfügbarkeit von Wagniskapital und öffentlichen Mitteln finanziell besser geht, mangelt es dem Sektor an Fachkräften. Fernarbeitsmodelle und Neuregulierungen des EU-Einwanderungsrechts könnten Abhilfe schaffen.

Fachkräftemangel

Der Plan für die digitale Dekade zielt auch darauf ab, bis 2030 die Beschäftigung von 20 Millionen IKT-Spezialisten in der gesamten EU zu sichern, wobei sich die Zahl der in diesem Sektor tätigen Männer und Frauen angleichen soll.

Der Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft 2021 (DESI), der die jährlichen Fortschritte bei der Erreichung der Ziele in den EU-Ländern aufzeigt, hat jedoch im November gezeigt, dass nur eine Handvoll Länder das Ziel der digitalen Kompetenzen erreichen wird, während in anderen Ländern die digitalen Grundkenntnisse in der Bevölkerung nach wie vor extrem niedrig sind.

Auch der Anteil der IKT-Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung ist in den meisten Ländern nach wie vor gering. Nur in Bulgarien, Griechenland und Rumänien machen Frauen mehr als 25 % der Beschäftigten im IKT-Bereich aus.

Nach Angaben von Erik Stone Trautman und Luca Marcolin von EY, die ebenfalls auf dem Gipfel sprachen, ist das Niveau der digitalen Fähigkeiten in der EU relativ gleichmäßig verteilt, wobei etwa genauso viele Menschen überdurchschnittliche wie unterdurchschnittliche Fähigkeiten haben. Sie sprachen auf dem Gipfel im Vorfeld der Veröffentlichung eines Weißbuchs über digitale Kompetenzen im Februar.

Drastischere Unterschiede seien jedoch innerhalb der Regionen sowohl auf nationaler als auch auf kontinentaler Ebene zu beobachten, wo die Qualifikationsniveaus noch deutlicher voneinander abweichen.

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Förderung von Kompetenzen

Die Corona-Pandemie hat vielen Ländern vor Augen geführt, wie wichtig Konnektivität, digitale Infrastruktur und eine digital gebildete Bevölkerung sind, sagte Fredriksen. Er betonte, wie wichtig es sei, das digitale Engagement zu fördern und IKT-Talente von klein auf zu entwickeln.

Digitale Bildung und Kompetenzen sind ein wichtiger Bestandteil der ersten drei Arbeitsprogramme für ein digitales Europa, die die Kommission im November mit einem Gesamtvolumen von fast 2 Milliarden Euro genehmigt hat. Davon sind 329 Millionen Euro für den Aufbau eines Netzes europäischer digitaler Innovationszentren bestimmt, die als Standorte für technische Schulungen und den Informationsaustausch dienen sollen.

Im Rahmen des Arbeitsprogramms 2022 der Kommission sind außerdem zwei nichtlegislative Initiativen zu digitalen Kompetenzen und Bildung geplant. Die Maßnahmen, die für das dritte Quartal des Jahres geplant sind, sollen die digitale Kluft in Europa überwinden und auf neue Herausforderungen reagieren, die durch die Pandemie entstanden sind, insbesondere bei der Anpassung der Bildungssysteme an eine digitale Zukunft.

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Gender-Gap

Der DESI-Index wirft auch ein Licht auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den digitalen Kompetenzen. Während sich die Kluft zwischen Männern und Frauen bei einigen allgemeinen Internetkompetenzen in Grenzen hält und bei den grundlegenden digitalen Kompetenzen und der regelmäßigen Internetnutzung nur wenige Prozentpunkte beträgt, ist sie bei den Fachkenntnissen nach wie vor erheblich.

Nur 19 % der IKT-Spezialisten und etwa 33 % der Absolventen in den Bereichen Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik (MINT) sind weiblich, wie aus dem Anzeiger 2021 für Frauen in der digitalen Welt hervorgeht, der im Rahmen der DESI-Daten veröffentlicht wurde. Diese Zahlen sind seit mehreren Jahren konstant geblieben, was zeigt, dass es keine Fortschritte bei der Bewältigung dieses Problems gibt.

Dora Palfi, CEO und Mitbegründerin von ImagiLabs, zitiert Studien, die gezeigt haben, dass das Interesse von Jungen und Mädchen an MINT-Fächern vor dem Jugendalter ähnlich groß ist, wobei das Engagement und das Selbstvertrauen der Mädchen dann oft nachlassen. Sie erklärte, dass mehr Anstrengungen unternommen werden müssen, um sicherzustellen, dass Mädchen nicht von der Teilnahme an diesen Fächern abgehalten, sondern stattdessen aktiv gefördert werden.

Fredriksen von Huawei schloss sich dieser Meinung an und fügte hinzu, dass mehr getan werden müsse, um den IKT-Bereich für Frauen und Mädchen schon lange vor dem Studium attraktiv und zugänglich zu machen.

„Wenn wir uns die Zukunft anschauen, wo die zukünftigen Möglichkeiten liegen, dann liegt das im Digital- und Technologiesektor. Es geht also darum, dafür zu sorgen, dass der digitale Wandel die Ungleichheiten nicht vergrößert, sondern sie verringert.“

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi / Alice Taylor]

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