‚Explosives‘ Nachfragewachstum könnte zu Lieferengpässen bei Rohstoffen führen

"Wir stehen vor einem sehr ungewöhnlichen Übergang, denn wir haben noch nie ein so explosives Nachfragewachstum in einem so kurzen Zeitraum erlebt", sagte Phillipe Varin, Vorsitzender des World Material Summit, der von Donnerstag bis Samstag (16.-18. Juni) in Nancy stattfindet, gegenüber EURACTIV. [mykhailo pavlenko/Shutterstock]

Während die EU sich aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Russland zu lösen versucht, führt der exponentielle Anstieg der Rohstoffnachfrage aufgrund der starken Abhängigkeit von China zu Versorgungsrisiken, warnen Industrie und Experten.

Die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen wird nach Prognosen der Weltbank bis 2050 um rund 500 Prozent in die Höhe schnellen. Diese Entwicklung wird größtenteils durch die grüne Wende vorangetrieben: Elektroautos zum Beispiel benötigen mehr als sechsmal so viele Mineralien wie normale Fahrzeuge, so die Internationale Energieagentur in einem Bericht.

Da etwa 19 der 30 von der EU-Kommission als „kritisch“ eingestuften Rohstoffe vor allem in China produziert werden, besteht ein hohes Risiko, dass diese Abhängigkeiten zu Versorgungsunterbrechungen für die EU-Industrie führen könnten.

„Wir stehen vor einem sehr ungewöhnlichen Übergang, denn wir haben noch nie ein so explosives Nachfragewachstum in einem so kurzen Zeitraum erlebt“, sagte Phillipe Varin, Vorsitzender des World Material Summit, der von Donnerstag bis Samstag (16.-18. Juni) in Nancy stattfindet, gegenüber EURACTIV.

Die Abhängigkeit der EU von China ist besonders groß, wenn es um Seltene Erden geht. Diese Rohstoffe sind von entscheidender Bedeutung für viele High-Tech-Produkte, wobei 95 Prozent der EU-Importe auf China entfallen.

„Wir sollten nicht akzeptieren, dass mehr als 25 Prozent der Rohstoffe aus einem einzigen geografischen Gebiet stammen, was auch immer dieses Gebiet sein mag, da eine solche Abhängigkeit enorme Versorgungsrisiken mit sich bringt“, fügte Varin hinzu.

Keine grüne und digitale Wende ohne die richtigen Rohstoffe

Der Übergang Europas zu einer nachhaltigen und digitalen Gesellschaft ist nur mit einem strategischen Ansatz für Rohstoffe möglich, sagte der EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton am Montag (25. April).

Der technologische Vorsprung Chinas

Die Abhängigkeit von China ist noch größer, wenn es um die erste Stufe der Verarbeitung vieler dieser kritischen Rohstoffe geht.

Während Kobalt zum Beispiel hauptsächlich in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut wird, ist China bei der Weiterverarbeitung des Metalls führend.

Selbiges gilt für die Weiterverarbeitung von Seltenen Erden. „Selbst wenn diese in den USA abgebaut werden, werden sie zuallererst zur Weiterverarbeitung nach China exportiert“, sagte James Litinsky, CEO von MP Material, auf dem World Material Forum.

Andre Wolf, Abteilungsleiter am Centrum für Europäische Politik betonte ebenfalls die starke Abhängigkeit in diesem Bereich:

„Wenn es um die erste Stufe der Verarbeitung geht, sehe ich vielleicht eine noch größere Abhängigkeit von China als es bei der physischen Konzentration der Reserven der Fall ist.“

Laut Wolf hat China in diesem Bereich bereits einen technologischen Vorsprung erreicht, der es Europa schwer machen würde, in absehbarer Zeit aufzuholen.

EU legt einen Zahn zu

Die EU hat die Widerstandsfähigkeit der Rohstoffversorgungsketten bereits zu einer ihrer wichtigsten Prioritäten erklärt, indem sie die Abbaukapazitäten in Europa erhöht, ihre Wertschöpfungsketten diversifiziert und in Recycling investiert.

Während hierzu bereits eine Reihe von Rechtsvorschriften in Vorbereitung sind – wie Batterieverordnungen oder die Überarbeitung der Ökodesign-Richtlinie – hat die Kommission im Mai auch die Ausarbeitung eines sogenannten „Raw Materials Act“ angekündigt, der sich mit diesen Fragen befassen wird.

Die Verfügbarkeit strategischer Rohstoffe wird auch in den Prioritäten der kommenden tschechischen EU-Ratspräsidentschaft erwähnt.

Der Anstieg der Nachfrage in der Union wird in erster Linie durch das Ziel der Kommission, Kohlenstoffneutralität zu erreichen, angetrieben.

Varin zufolge muss die EU-Kommission jedoch unkonventionelle Maßnahmen ergreifen, um eine mögliche Unterbrechung der Lieferketten zu vermeiden.

„Das ist ein ungewöhnlicher Transformationsprozess, also sollten die Maßnahmen, die die EU ergreifen sollte, ebenso ungewöhnlich sein. Denn wenn man es den Marktkräften überlässt, wird das nicht passieren“, so Varin gegenüber EURACTIV.

Da die weltweiten Investitionen in den Bergbau sind in den letzten zehn Jahren um zehn Prozent zurückgegangen fordert Varin eine Investitionsoffensive:

„Was wir in Europa bräuchten, ist die Einrichtung eines öffentlich-privaten Investitionsfonds, und der Erwerb von Unternehmensanteilen an Minen.“

Solche Maßnahmen stehen derzeit im Widerspruch zu den EU-Beihilfevorschriften. Es gibt jedoch bereits Beispiele für Gesetzesvorschläge, die Ausnahmen von der strengen Wettbewerbspolitik der EU vorsehen.

So hat die EU-Kommission im Rahmen des Chips Act, der sich mit den Lieferketten von Halbleitern befasst, bereits eine Lockerung der Beihilfevorschriften für bestimmte Chipfabriken vorgeschlagen.

Ein ähnlicher Ansatz könnte auch für das kommende „Raw Materials Act“ gewählt werden.

Um die Diversifizierung der Lieferketten zu fördern, arbeitet die EU außerdem an Rohstoffpartnerschaften mit Drittstaaten.

Am Dienstag schloss die EU-Kommission – neben Frankreich und Deutschland – eine sogenannte „Mineral Security Partnership“ mit Australien, Japan, Südkorea und Großbritannien ab, um der wachsenden internationalen Nachfrage nachzukommen.

Nach Ansicht von Varin muss in dieser Hinsicht jedoch noch mehr getan werden.

„Wir müssen eine Rohstoff-Diplomatie betreiben, die langfristige Partnerschaften mit befreundeten Staaten eingeht und uns Zugang zu rohstoffreichen Ländern verschafft“, sagte Varin.

Er fügte hinzu, dass die Beziehungen zu Afrika in dieser Hinsicht von entscheidender Bedeutung sein werden.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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