Europaweit erste digitalisierte Halbleiterfabrik öffnet in Dresden

Bis 2030 sollen hochmoderne und nahhaltige Halbleiter in Europa mindestens 20 % der Weltproduktion ausmachen.

Das deutsche Industrieunternehmen Bosch hat am Montag (7. Juni) die Pforten einer neuen, vollständig mit der 5G-Mobilfunktechnologie vernetzten Halbleiterfabrik in Dresden geöffnet. Die Produktionsstätte wurde als Teil eines gemeinsamen europäischen Projekts mit 140 Millionen Euro gefördert, um den europäischen Technologiestandort zu stärken.

„In Dresden beginnt heute eine neue Ära der Mikroelektronik,“ betonte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und präsentierte die Investition als „ein klares Zukunftssignal für Deutschland und Sachsen und Ausdruck der hervorragenden Forschungskompetenz und Innovationskraft im Mikroelektronik-Cluster Silicon Saxony.“

„Eine starke Mikroelektronikindustrie in Deutschland ist notwendig, damit wir bei Zukunftstechnologien wie 5G, Künstlicher Intelligenz, automatisiertem Fahren vorn mit dabei sind,“ so der Bundesminister.

Bosch hatte insgesamt rund eine Milliarde Euro in den High-Tech Standort investiert. Es handelt sich dabei um die größte Einzelinvestition in der 130-jährigen Firmengeschichte.

„Mithilfe von künstlicher Intelligenz heben wir in Dresden die Produktion von Halbleitern auf ein neues Level,“ betonte der Geschäftsführer Volkmar Denner, der mit dem Projekt „neue Maßstäbe bei der Chip-Produktion“ setzen will.

Zusätzlich wurde der Aufbau mit 140 Millionen Euro von dem „Important Project of Common European Interest (IPCEI) on Microelectronics“ gefördert. Das Projekt wurde von Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und dem Vereinigten Königreich ins Leben gerufen, um europäische Kompetenzen und Know-how im Bereich der Mikroelektronik zu erhalten und weiter auszubauen.

Das IPCEI verfügt über einen Fördertopf von 1,9 Milliarden Euro. Insgesamt 32 europäische Unternehmen sind an dem Projekt beteiligt.

Die ersten Computerchips sollen die Fertigung im Juli verlassen, ein halbes Jahr früher als geplant. Im September soll die Chip-Produktion für die Autoindustrie starten.

Viele Autobauer und Elektronikhersteller kämpfen derzeit damit, dass nicht genügend Chips auf dem Markt zur Verfügung stehen.

Die derzetige Halbleiterknappheit entstand unter anderem angesichts der sprunghaft gestiegenen Nachfrage bei Notebooks und anderer Computer-Technik in während der Corona-Pandemie.

Europas Halbleiterindustrie weit abgeschlagen

EU-Kommissarin Margrethe Vestager betonte insbesondere die Bedeutung von Halbleitern, um die „Wettbewerbsfähigkeit Europas als Wiege für Spitzeninnovationen zu stärken,“ und lobte die ausgezeichneten Ergebnisse, die sich erzielen lassen, wenn „Industrie und öffentliche Hand ihre Kräfte bündeln.“

Gerade in der EU wird derzeit ein verstärkter Fokus auf den Ausbau der Halbleiterindustrie gesetzt, da diese in den letzten Jahrzehnten mit einem schwerwiegenden Bedeutungsverlust zu kämpfen hatte.

Wie aus einem Report der „Semiconductor Industry Association“ hervorgeht, fielen die Anteile europäischer Hersteller an der weltweiten Produktion von 44 Prozent im Jahr 1990 auf magere neun Prozent im Jahr 2020.

Vor allem die Wettbewerber aus Asien locken Unternehmer mit niedrigen Produktionskosten und führten zu einer massiven Abwanderung der europäischen Halbleiterindustrie. Keines der drei größten europäischen Halbleiterproduzenten – STM, Infineon sowie NXP – schafft es derzeit in die weltweiten Top 10.

Dabei sind Mikroprozessoren essenziell für die meisten wichtigen strategischen Wertschöpfungsketten – wie etwa für vernetzte Fahrzeuge, das Internet der Dinge, Hochleistungsrechnern oder künstlicher Intelligenz.

Die sinkende Produktion der europäischen Halbleiterindustrie führt hierbei zu großen Abhängigkeiten von den asiatischen Produzenten. Globale Lieferengpässe und Probleme bei den Versorgungsketten führen zu weitreichenden Produktionsausfällen in verschiedenen Industriezweigen. Besonders die Automobilindustrie ist betroffen.

Das Problem hat ein solches Ausmaß erreicht, dass Bundeswirtschaftsminister Altmaier direkt an seine Amtskollegin in Taiwan appelliert, um sich zusätzliche Lieferungen von taiwanischen Halbleiterherstellern für die deutsche Automobilindustrie zu sichern.

Wie die EU versucht aufzuholen

Die EU hat das Problem bereits erkannt und versucht eine Trendwende einzuleiten. In ihrem im März veröffentlichten Digitalen Kompass setzt sich die Kommission das Ziel den europäischen Marktanteil mehr als zu verdoppeln.

Bis 2030 sollen hochmoderne und nachhaltige Halbleiter in Europa „mindestens 20 % der Weltproduktion ausmachen,“ heißt es in dem Dokument.

Wie aus der im Mai erneuerten EU-Industriestrategie hervorgeht, plant die Europäische Kommission zudem in den nächsten Monaten eine europäische Allianz für Prozessoren und Halbleitertechnologien ins Leben zu rufen, um die Abhängigkeit der europäischen Industrie von asiatischen Halbleiterherstellern abzuschwächen und vermehrt Investoren anzulocken.

Im Dezember 2020 haben zudem 22 Mitgliedstaaten eine gemeinsame Erklärung zur Ausweitung der Zusammenarbeit im Bereich der Prozessor- und Halbleitertechnologie abgegeben.

Die Erklärung zielt vor allem darauf ab Synergien zwischen den verschiedenen nationalen Forschungs- und Investitionsinitiativen zu erzeugen und die Voraussetzungen für die nächste Generation an Prozessoren und Halbleitern zu schaffen, um der EU eine Führungsrolle im Bereich der Industrie 4.0 zu sichern.

Gelingen soll diese Trendwende mithilfe des EU-Recovery Funds. 20 Prozent des Funds sollen in den digitalen Wandel investiert werden. Das sind bis zu 145 Milliarden Euro in den nächsten 2-3 Jahren.

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