Elektroautos auf Starthilfe angewiesen

Ein E-Auto hängt in Berlin an einer Ladestation. Foto: Michael Kaczmarek

Eine Million Elektroautos sollen 2020 auf Deutschlands Straßen rollen. Dieses Ziel der Bundesregierung wird ohne weitere Subventionen weit verfehlt, warnen Experten. Die Nationale Plattform Elektromobilität bietet eine Übersicht zum Entwicklungsstand der E-Mobility in Deutschland.

Die Elektromobilität ist in Deutschland noch nicht in Fahrt gekommen. Experten und Politiker der E-Mobility-Wende zeigen sich wenig optimistisch, dass es im Jahr 2020 eine Million Elektroautos in Deutschland geben wird. Im dritten Fortschrittsbericht der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE), der am Mittwoch (20. Juni) in Berlin vorgestellt wurde, gehen die Experten davon aus, dass lediglich 600.000 Elektroautos bis 2020 auf dem Markt sein werden. Um das Ziel von einer Million bis 2020 zu erreichen, müsse es, laut NPE, mehr Förderung seitens der Bundesregierung geben.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer kommentierte den Fortschrittsbericht eher zurückhaltend: "Natürlich sind die Bäume nicht in den Himmel gewachsen". Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie(VDI) sagte, "weder der Hype, noch die Apokalypse sind gewollt".

Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer benennt die Probleme deutlicher. Die Elektromobilität sei in Deutschland dabei zu sterben, sagte der Direktor des Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen der Deutschen Presse-Agentur (dpa). So wie es derzeit aussehe, könne man froh sein, wenn man 10 Prozent des Ziels, also 100.000 Fahrzeuge erreiche, sagte Dudenhöffer. Anstatt die angestrebte Vorreiterrolle zu übernehmen, werde Deutschland wohl eher zum Entwicklungsland für Elektromobilität, warnte der Experte.

Bisherige Bilanz ernüchternd

Derzeit gibt es in Deutschland lediglich circa 4.500 zugelassene Stromfahrzeuge, bei einer Gesamtzahl von 43 Millionen zugelassenen PKWs. Die Anschaffungskosten für Elektroautos sind derzeit offenbar deutlich zu hoch. Daimler beispielsweise bietet den Elektro-Smart für 23.680 Euro an. Damit ist dieser doppelt so teuer wie ein entsprechender Smart mit Benzinmotor. Und wenn Autofahrer aufgrund der Energiewende mit teureren Energiepreisen rechnen, wird das die Kaufbereitschaft sicherlich nicht erhöhen.

Ein weiteres Problem ist die geringe Reichweite der derzeit verfügbaren Elektroautos. Mit den derzeit üblichen Batterien kann nur 150 bis 200 Kilometer gefahren werden und die Aufladung an einer von Deutschlands 2.200 Ladepunkten dauert mindestens eine Stunde.

Während die Marktführerländer USA und Japan mit Hilfe von Kaufprämien die Markteinführung der E-Autos antreiben, setzt die Bundesregierung auf "Wettbewerb und Märkte". Das sei am besten für Innovation, sagte Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler am Mittwoch in Berlin. Es sei nicht Aufgabe der Bundesregierung, Ladestationen oder Autos zu bauen. Die Marktführerschaft Japans und der USA sei, laut NPE-Bericht, in einem breiteren Angebot und einer Förderung von 5000 bis 9500 Euro pro Fahrzeug begründet.
Die NPE wurde im Mai 2010 von der Bundesregierung eingesetzt, um Empfehlungen für die Markteinführung von Elektrofahrzeugen zu erarbeiten. Die sieben Arbeitsgruppen der Plattform setzen sich aus Vertretern der Automobil- und Energieindustrie, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen.

Leuchttürme und Schaufensterprojekte

NPE-Vorsitzender Henning Kagermann ist dennoch optimistisch. „Was bis heute erreicht wurde, war vor zwei Jahren noch nicht vorstellbar“, sagte er am Mittwoch in Berlin. Bis Ende 2014 befinden sich die Elektrofahrzeuge noch in der Marktvorbereitungsphase. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Forschung und Entwicklung. Bis 2014 sollen 15 verschiedene Elektroautomodelle für den Verkauf entwickelt sein.

Vier Schaufensterprojekte  in Baden-Württemberg, Berlin/Brandenburg, Niedersachsen und Bayern/Sachsen sollen dabei helfen, wichtige Erkenntnisse über die Nutzung von E-Fahrzeugen in der Praxis zu gewinnen. Laut Forschungsbericht des NPE soll mit Hilfe der Schaufenster das System Elektromobilität für Nutzer und die breite Öffentlichkeit "erfahrbar" gemacht werden. In den Schaufenstern sollen auch Marktentwicklung und Kundenanforderungen untersucht und Anreizsysteme bewertet werden. Die Bundesregierung stellt 180 Millionen Euro für die Schaufensterprojekte zur Verfügung.

Ziel dieser Projekte ist es, Deutschland bis 2020 weltweit zum Leitanbieter für Elektromobilität zu machen. Bis 2017 soll die Hochlaufphase des Marktes laufen. Bis dahin müssten laut NPE-Vorsitzenden Kagermann,  bereits eine halbe Million Elektroautos auf dem Markt sein, um eine Marktdurchdringung bis 2020 zu erreichen.   

Da für das Erreichen der Ziele im Elektromobilitätsbereich, laut NPE-Experten, ein systemischer Ansatz erforderlich ist, befinden sich gerade sechs technische Forschungsvorhaben in der Umsetzung. In diesen sogenannten „Leuchttürmen“ werden jeweils Einzelkomponenten erforscht, die für das Gesamtkonzept der Elektromobilität von entscheidender Bedeutung sind. Dazu gehören zum Beispiel die Bereiche Batterie, Leichtbau und IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie). In den Leuchtturmprojekten  arbeiten verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen, sowie zahlreiche KMU-Unternehmen mit.

Die Bundesregierung plant, laut NPE-Bericht, eine Förderung der gesamten F&E-Maßnahmen von bis zu einer Milliarde Euro bis Ende der Legislaturperiode Mit 17 Milliarden Euro trägt die Privatwirtschaft jedoch einen Großteil der Kosten.

Nationale Förderprogramme

Obwohl es keine direkten Kaufprämien oder Subventionen gibt, plant die Bundesregierung doch eine Reihe flankierender Unterstützungsmaßnahmen. Ein Regierungsentwurf vom 23. Mai sieht vor, Elektrofahrzeuge aller Art von der KFZ-Steuer zu befreien. Für alle reinen E-Fahrzeuge, die noch vor 2016 zugelassen werden, würde die Steuerbefreiung für zehn Jahre gelten.
Für Elektro- und Elektrohybridfahrzeuge, die als Dienstwagen genutzt werden, sind begünstigte Regelungen bei der Besteuerung vorgesehen. Zusätzlich sind gewisse Bevorrechtigungen im Straßenverkehr geplant. So könnten E-Fahrzeuge an bestimmten Stellen frei parken, oder Sonderspuren benutzen. Um Elektrofahrzeuge auch als solche zu erkennen, ist eine blaue Kennzeichnung angedacht. Die Bundesressorts streben zudem eine Beschaffungsinitiative ab 2013 an. So sollen zehn Prozent der neu angeschafften oder angemieteten Fahrzeuge weniger als 50 Gramm CO² ausstoßen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sprach sich bereits in der Vergangenheit dafür aus, verbindliche CO²-Reduktionen im Straßenverkehr festzulegen. Dadurch könnte die Industrie dazu bewegt werden, mehr Elektrofahrzeuge herzustellen. "Jedes Gramm mehr wird dazu führen, dass der Marktdurchbruch der Elektroautos weiter in die Zukunft verschoben wird", sagte auch NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger.

Den geplanten Privilegien für E-Autos im Straßenverkehr steht die DUH kritisch gegenüber. Einer Verkehrsberuhigung der Innenstädte und einer Förderung des ÖPNV stünden diese Maßnahmen entgegen.

Wasserstoff-Autos

Derzeit wird mit den Wasserstoff-Autos auch eine weitere CO²-arme Antriebstechnologie entwickelt. So soll in Deutschland ein Netzwerk aus Wasserstofftankstellen entstehen, wie Ramsauer am Mittwoch ankündigte. 50 Stationen bis 2015 sind zunächst in Ballungsräumen und an Autobahnen vorgesehen. Die 40 Millionen Euro an Investitionskosten werden aufgeteilt zwischen Industrie und Bund. Wasserstoff-Autos hätten im Vergleich zu Elektroautos eine höhere Reichweite. Bis zu 1.000 Wasserstoff-Tankstellen sollen später folgen.

Andreas Klinger

Links

BMWI: Dritter Fortschrittsbericht der Nationalen Plattform Elektromobilität

DUH: Wie sollte Elektromobilität gefördert werden?

NABU: Elektromobilität unter Spannung

BMBF: Pressemitteilung: Elektromobilität: Das Auto neu denken

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