Der europäische Tech-Sektor steht vor seiner nächsten Herausforderung

Mehrere Start-ups versuchen, die digitale Qualifikationslücke als Geschäftsmöglichkeit zu nutzen. [REDPIXEL.PL/Shutterstock]

Zwar verbessert sich die finanzielle Situation von Start-Ups durch die größere Verfügbarkeit von Wagniskapital, sowie öffentlichen Mitteln, jedoch besteht Fachkräftemangel in der Branche. Fernarbeitsmodelle und Neuregulierungen des EU-Einwanderungsrechts könnten jedoch Abhilfe schaffen.

Da vermehrt Wagniskapital vom gesättigten amerikanischen Markt nach Europa fließt und die Finanzmärkte immer ausgereifter werden, hat sich die finanzielle Situation von Start-Ups stark verbessert.

„Der Zugang zu Kapital ist sehr gut“, sagte Kalle Palling, Mitbegründer von Cachet, gegenüber EURACTIV und merkte an.

Während das Gros der Investitionen, besonders in der Anfangsphase, nach wie vor aus dem Privatsektor kommt, hat sich auch die Verfügbarkeit von öffentlichen Mitteln in den letzten Jahren stark verbessert. Öffentliche Mittel ergänzen hierbei meist private Investitionen um es den Unternehmen zu ermöglichen, mehr Geld aufzubringen und schneller zu expandieren.

„Sie folgen, aber sie führen die Investition nicht an“, sagte Simon Foucher, CEO von Numerized.com.

Headhunting

Während der Zugang zu Kapital für den europäischen Tech-Sektor weniger problematisch wird, stellt der Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften eine neue Herausforderung dar.

„Die Vereinigten Staaten sind auf der Suche nach Fachkräften nach Europa gekommen, jetzt schaut Europa noch mehr nach Osten“, betont Marco Soares, CEO von Proofmarked.com.

Kostiantyn Zagranovskyi, CEO von CapitalView, ist ein typisches Beispiel dafür. Er ist vor einigen Jahren aus der Ukraine in die Niederlande gezogen, um dort als Technologiespezialist zu arbeiten, und hat nun sein eigenes Unternehmen gegründet.

„Die Ukraine bildet derzeit sehr gut ausgebildete Fachkräfte im technischen Bereich aus, und ein großer Teil von ihnen zieht in die USA oder nach Westeuropa“, so Zagranovskyi.

Der Zustrom von qualifizierten Arbeitskräften scheint jedoch nicht auszureichen, um den seit langem bestehenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften für europäische Unternehmen zu beheben, wie eine vor kurzem veröffentlichte Umfrage von Eurochambers ergab.

Einblick in Portugals Versuch, eine "Startup-Fabrik" zu werden

Eine neue Organisation zur Förderung des Unternehmertums im Technologiebereich, ein verbessertes Finanzierungsprogramm, eine Vorzeigeveranstaltung im Technologiebereich – all diese neuen Anzeichen deuten darauf hin, dass Portugal den Ehrgeiz hat, ein Innovationszentrum zu werden.

Fernarbeit

Der verbesserte Zugang zu Kapital ermöglicht es Start-Ups auch mehr in Fachkräfte zu investieren. Allerdings stehen sie in hartem Wettbewerb mit großen Tech-Unternehmen, die einerseits höhere Gehälter bieten und zudem angesehener sind und eine stabilere Zukunftsperspektive bilden.

„Als kleines Startup ist es schwierig, Fachkräfte zu finden, wenn Facebook ebenfalls einstellt“, sagt Nicholas Gorman, CEO von SafeScore.

Soares von Proofmarked.com betonte in diesem Zusammenhan, dass Home-Office Lösungen die Attraktivität von Start-ups erhöhen könnten, da große Unternehmen bei der Bereitstellung flexibler Arbeitsbedingungen eher konservativ sind.

Dennoch betont Soares, dass die Einstellung von Entwicklern aus der Ferne verwaltungstechnisch sehr komplex ist. „Steuerlich gesehen ist das ein Albtraum“, betont er.

In diesem Sinne haben sich auch neue Geschäftslösungen entwickelt. Remote, ein portugiesisches Startup-Unternehmen, dessen Marktkapitalisierung vor kurzem die Marke von 1 Milliarde Dollar überschritten hat, bietet etwa internationale Gehaltsabrechnungs-, Steuer- und Migrationsdienste an.

Startups mit digitalen Fähigkeiten

Remote ist nur ein Beispiel für ein Tech-Unternehmen, das die digitale Qualifikationslücke in eine Geschäftsmöglichkeit verwandelt. Smartive, ein italienisches Start-Up, bietet eine gezielte Weiterbildung an, um die Belegschaft eines Unternehmens durch eine digitale Bewertung der Fahigkeiten der Mitarbeiter:innen weiterzubilden und umzuschulen.

„Wir möchten Menschen bei der digitalen Transformation begleiten, nicht nur mit technologischen Werkzeugen, sondern auch mit einem kulturellen Wandel“, erklärt Elena Butti, Smartive’s Transformative Journey Specialist.

01talent, ein auf digitale Bildung spezialisiertes Unternehmen, versucht, lokale Lösungen zu entwickeln, um den Mangel an IKT-Experten zu beheben.

„Es gibt weltweit etwa 4,5 Millionen fehlende Entwickler. Wir haben eine Lösung, die in den nächsten 10 Jahren 1 Million Programmierer:innen hervorbringen kann“, sagte der CEO von 01talent, David Sultan.

Das Unternehmen baut in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern Schulen auf und identifiziert Talente auf der Grundlage eines Auswahlverfahrens. Die ausgewählten Teilnehmer:innen erhalten eine kostenlose Ausbildung, nach deren Abschluss sie direkt bei einer Partnerorganisation angestellt werden.

„Sobald die Teilnehmer:innen anfangen zu arbeiten, ist es nachhaltig, wenn es einen gewissen Gewinn abwirft. Mit einer Schule kann man zwei Schulen gründen, es ist ein exponentielles und virales Modell“, fügte Sultan hinzu.

Tech-Visum

Gleichzeitig sind die Grenzen der internationalen Mobilität ein großes Hindernis für den Zugang zu Fachkräften. Die „Festung Europa hilft dabei nicht“, sagte Mehemed Bougsea, CEO von Think-it, einem Zusammenschluss von Software-Ingenieuren, der hochqualifizierte Arbeitskräfte, vor allem aus Nordafrika, an den europäischen Markt vermitteln will.

Laut Bougsea stellt insbesondere die EU-Visumpolik ein Hindernis für die Vermittlung von Fachkräften dar.

Nach der Überarbeitung der Blue-Card-Richtlinie, einem Vorschlag zur Verbesserung der Einreisebedingungen für hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern, die im vergangenen Monat angenommen wurde, soll sich die Situation jedoch verbessern.

Zu den wichtigsten Änderungen gehören die sofortige Familienzusammenführung, die Mobilität innerhalb der EU nach einem Jahr, die Anerkennung von drei Jahren IT-Erfahrung als gleichwertig mit einer formalen Qualifikation und die Vereinfachung der Verfahren für den Zugang zum langfristigen Aufenthaltsstatus.

„Wenn wir Fachkräfte nach Europa holen wollen, müssen wir attraktiv sein“, sagte Damian Boeselager, einer der Europaabgeordneten, die den Vorschlag mitgestaltet haben.

Die EU-Gesetzgeber:innen haben auch die Idee eines EU-Talentpools lanciert, einer Vermittlungsplattform, die auf einem Modell der Interessenbekundung basiert. Es wird erwartet, dass der Vorschlag in das Kompetenz- und Talentpaket aufgenommen wird, das die Kommission Anfang nächsten Jahres vorlegen wird.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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