‚Ciugud to be true‘: Die Geschichte von Rumäniens bestem Smart Village

"Ciugud To Be True" - der Slogan der Gemeinde gilt auch für Elektroautos, denn in dem Gebiet gibt es eine Windkraft-Ladestation pro 1.000 Einwohner. Die Gemeinde verfügt außerdem über intelligente Beleuchtungssysteme und hat damit begonnen, ihre Stromkabel unterirdisch zu verlegen. [Ciugud]

Selbst nach dem EU-Beitritt hatte Rumänien Schwierigkeiten, ein Konzept zur Wiederbelebung einiger seiner Dörfer zu finden, die mit Armut und Entvölkerung zu kämpfen haben. Der Gemeinde Ciugud jedoch ist es gelungen, den Verfall des ländlichen Raums auf intelligente Weise zu bekämpfen. EURACTIV Rumänien berichtet.

Obwohl die rumänische Zentralregierung über zahlreiche EU-Mittel verfügt, hat sie es weitgehend versäumt, eine nationale Strategie für ländliche Gebiete zu entwickeln. Dörfer mussten sich entweder auf den Tourismus, Traditionen oder Landwirtschaft verlassen oder Schritte in Richtung „Smart Villages“ unternehmen.

Die EU hat das Konzept der „Smart Villages“ aktiv gefördert, um Rumänien und andere Mitgliedsländer dabei zu unterstützen, den Niedergang des ländlichen Raums zu bekämpfen.

Laut der Romania Smart City Association sind Smart Villages Gemeinden in ländlichen Gebieten, die innovative Lösungen nutzen, um das Leben ihrer Bewohner:innen zu verbessern. Dazu gehört, dass die Gemeinden die öffentliche Verwaltung modernisieren und die Wirtschaft nach Stärken des Gebiets, der lokalen Möglichkeiten und der neuesten Technologien entwickeln.

Rumäniens bestes „Smart Village“

Das beste „Smart Village“ in Rumänien ist zweifellos die Gemeinde Ciugud im Kreis Alba in Zentralrumänien, die sogar von Bürgermeister:innen anderer Gebiete besucht wird, die sich inspirieren lassen wollen. Ciugud ist nach einem Besuch von Vertretern des Landes Brandenburg Ende August sogar zum Vorbild für Dörfer im Landkreis Prignitz in Deutschland geworden.

Der Bürgermeister von Ciugud, Gheorghe Damian, hat seine politische Partei verlassen, um sich voll und ganz auf die Gemeinde zu konzentrieren – und das seit nunmehr 21 Jahren. Bislang hat er mehr als 32 Millionen Euro in die Infrastruktur, den Tourismus, grüne Energie und kulturelle Projekte der Gemeinde investiert.

Doch alles begann, bevor Rumänien der EU beitrat: „Wir haben mit den Phare- und Sapard-Mitteln irgendwie trainiert, wir sind auf den Geschmack von EU-Mitteln gekommen“, sagt Damian.

„Wir hätten die kommunalen Einnahmen für die nächsten 100 Jahre gebraucht, um das zu erreichen, was wir bisher mit Hilfe von EU-Mitteln gemacht haben. 100 Jahre, und man muss bedenken, dass, wenn man etwas anfängt und es in ein paar Jahren nicht zu Ende bringt, es abbaut und dann noch mehr kostet. Und dann hätten die Menschen in Ciugud noch 100 Jahre warten müssen, um das zu genießen, was sie heute haben“, sagte Damian.

Mit Hilfe von EU-Mitteln gehört die Gemeinde heute zu den fünf reichsten Gemeinden im Bezirk Alba, bezogen auf Haushaltseinnahmen.

Die EU-Mitgliedschaft hat es den lokalen Behörden ermöglicht, nicht mehr nur vom Willen der Politiker:innen abhängig zu sein, wenn es darum geht, Entwicklungsgelder zu erhalten, sagte der Bürgermeister und fügte hinzu, dass EU-Gelder „am billigsten sind, weil sie nicht vom Wahlergebnis oder davon abhängen, wie viele Plakate ich aufgehängt habe, sondern von der Idee des Projekts, von dem, was ich vorschlage, und davon, was ich mit den tatsächlichen Beträgen für das Projekt mache.“

"Smart Villages" in Tschechien: Infrastruktur selber machen?

Ländliche Regionen sehen sich diversen Problemen in Bezug auf Demografie, Landflucht, Versorgungsdienstleistungen und Digitalisierung gegenüber. Mit dem Konzept „Smart Village“ sollen diese negativen Trends angepackt werden. 

‚Ciugud to be true‘

Im Jahr 2000 zählte die Gemeinde etwa 2 600 Einwohner:innen. Jetzt sind es 3.600, so dass insgesamt rund 10.000 Euro pro Kopf aus EU-Mitteln investiert wurden.

Der Bürgermeister rühmt sich, dass es in Ciugud keine Wohnung ohne Versorgungseinrichtungen (Wasser, Abwasser, Erdgas, Glasfaser) und keine ungepflasterten Straßen gibt. Sogar 26 Kilometer Wirtschaftswege wurden asphaltiert.

„Ciugud To Be True“ – der Slogan der Gemeinde – gilt auch für Elektroautos, denn das Gebiet verfügt über eine Windkraft-Ladestation pro 1.000 Einwohner:innen. Die Gemeinde verfügt außerdem über intelligente Beleuchtungssysteme und hat damit begonnen, ihre Stromkabel unterirdisch zu verlegen.

Auch die Einwohner:innen sind zufrieden. Die Vertrauneswerte für die lokale Verwaltung sind sogar höher als die für die Kirche, was in Rumänien alles andere als selbstverständlich ist.

„Schließlich ist es die Aufgabe einer lokalen öffentlichen Verwaltung, die Menschen mit allem, was sie tut, glücklich zu machen. Die Tatsache, dass die Menschen hier ein Haus oder ein Grundstück kaufen, in unser Wirtschaftsförderungsgebiet investieren und ihren Firmensitz hier ansiedeln wollen, ist meiner Meinung nach das Aufregendste für unsere lokale öffentliche Verwaltung“, so der Bürgermeister weiter.

Aber der Erfolg hört nicht in Ciugud auf, denn der Bürgermeister möchte auch zur Entwicklung der umliegenden Gemeinden beitragen, mit denen er bereits Partnerschaften eingegangen ist.

„Wir sind uns bewusst, dass wir in einem Raum leben müssen, in dem wir Ungleichheiten beseitigen müssen“, sagte er.

Entwicklung der Bildung

Das Bildungssystem in den ländlichen Gebieten Rumäniens wird häufig vernachlässigt, da verfallene Gebäude oft weder beheizt werden noch Zugang zu Wasser- oder Abwassersystemen haben. Da die Schüler:innen außerdem weite Wege zur Schule zurücklegen müssen, ziehen es die Familien manchmal vor, ihre Kinder zu Hause zu behalten, um die Hausarbeit zu erledigen.

In Ciugud hat sich dies geändert. Während die Kinder früher im benachbarten Alba Iulia, der Hauptstadt des Kreises Alba, zur Schule gingen, wurde inzwischen die erste „Smart School“ im ländlichen Rumänien eingerichtet. Und da sie inzwischen voll ausgelastet ist, überlegt die Gemeinde nun, in eine neue Schule zu investieren.

In der Schule lernen die Kinder den Umgang mit digitalen Lösungen, die sie als Erwachsene nutzen werden, so Dan Lungu, der Koordinator des Programms Ciugud Smart Village. Lungu ist sehr stolz auf die Art und Weise, wie die lokalen Behörden verschiedene digitale Werkzeuge eingeführt haben, um die Interaktion zwischen den Menschen und der Verwaltung zu erleichtern.

„Meine Kollegen haben 2010 mit der Digitalisierung begonnen. Mit EU-Mitteln haben sie begonnen, Software zu kaufen, sich zu spezialisieren und damit zu arbeiten. Jetzt haben wir eine Menge digitalisierter Dienstleistungen. Wenn das Gesetz es zuließe und wir unsere Datenbank mit den Datenbanken anderer öffentlicher Einrichtungen vernetzen könnten, könnten wir über 90 % der Interaktionen mit den Bürger:innen online abwickeln“, sagte Lungu.

Andere Beispiele für bewährte Praktiken

Neben Fortschritten im Bildungsbereich hat sich die Gemeinde auch mit digitalen Lösungen befasst, um den Bürger:innen die Zahlung von Steuern und Abgaben zu erleichtern.

Die Menschen müssen nicht mehr zum Rathaus gehen, um sie zu bezahlen, da die Gemeinde vier elektronische Zahlungssysteme sowie Selbstzahlerstationen für jedes Dorf der Gemeinde eingerichtet hat.

Die Einwohner:innen können auch Dokumente wie ihre Steuerbescheinigungen online anfordern oder einreichen. Etwa 80 % der Zahlungen werden derzeit elektronisch abgewickelt.

Und die Investitionswelle in der Gemeinde reißt auch nicht ab. Nach dem Bau eines der modernsten Golfplätze Südosteuropas für 15 Millionen Euro und der ersten Seebrücke am Ufer des Flusses Mures prüft Ciugud die Verwendung von EU-Mitteln für den Bau des ersten Wohnmobilstellplatzes im Kreis Alba.

[Bearbeitet von Daniel Eck/Zoran Radosavljevic]

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