Nanotechnologie und Vertrauen der Verbraucher [DE]

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Nanotechnologie wird als zukünftige strategische Technologie eingeschätzt, aber das Vertrauen der Verbraucher in die Sicherheit nanotechnologischer Produkte ist eine Voraussetzung für deren zukünftige Kommerzialisierung und für den Markterfolg.

Ein Nanometer (nm) ist ein milliardster Meter und etwa ein Tausendstel eines einziges menschlichen Haares – Nanotechnologie repräsentiert Herstellungstechniken auf einer atomischen Nanoskala.

Vertrauen und Akzeptanz der Verbraucher gegenüber Technologien, insbesondere gegenüber neuen Technologien wie zum Beispiel die Nanotechnologie, sind eine Voraussetzung für die Entwicklung von kommerziellen Produkten und deren Markterfolg. Weitere Faktoren wie die Wahrnehmung von Risiko-Nutzen-Verhältnissen oder die Kommunizierung von Unsicherheit beeinflussen ebenso die Anerkennung neuer Technologien durch den Verbraucher.

Laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Eurobarometerumfrage (Juni 2006) sehen die Europäer kein Risiko in der Nanotechnik; vielmehr unterstützen sie deren Entwicklung, sehen einen gesellschaftlichen Nutzen und empfinden sie als moralisch akzeptabel, und haben weitaus größeres Vertrauen in Vorschriften als zum Beispiel US-Amerikaner oder Kanadier.

Die politische Debatte zur Regulierung von Nanotechnologien fängt gerade erst an, wohingegen Produkte der Nanotechnologie bereits in Massenproduktion angefertigt werden.

Die Industrie nutzt Nanotechnologie zunehmend in der Gesundheitsversorgung (Medizin), bei Verbraucherprodukten (Lebensmittel, Elektronik, Kosmetik), für Informationstechnologien und in der Umweltforschung. Dennoch gehen die Meinungen bezüglich der Risiken, die mit Nanomaterialien verbunden sind, auseinander.

Zu den möglichen Risiken der Nanotechnologie gehören zum Beispiel Gesundheitsrisiken durch Nanopartikel, da diese inhaliert, geschluckt, durch die Haut aufgenommen oder in den Körper injiziert werden können, und die Reaktionen der Nanopartikel im Körper noch immer unbekannt sind. Ein weiteres mögliches Risiko findet sich im Umweltbereich, denn die Auswirkungen freischwebender Nanopartikel für die Luft- und Wasserqualität sind ebenfalls noch unbekannt.

Es herrscht Einigkeit darüber, dass verstärkte Forschung bezüglich Gesundheits- und Umweltrisiken notwendig ist, um sicher zu stellen, dass Nanotechnologie-Unternehmen in Zukunft nicht von Katastrophen mit einem ähnlichen Ausmaß wie die Asbestverseuchung heimgesucht werden. In dieser Hinsicht ist Produktverantwortung, d.h. der Prozess, Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz als einen wesentlichen Bestandteil von Design, Herstellung, Marketing, Verbreitung, Verbrauch, Recycling und Entsorgung der Produkte einzubeziehen, besonders wichtig in der Entwicklung nanotechnologischer Produkte. 

Das Vertrauen der Verbraucher und der Öffentlichkeit in die Nanotechnologie ist außerdem direkt mit der Verfügbarkeit verständlicher Informationen über die Technologie verknüpft. Solche Informationen ermöglichen es den Menschen, zu verstehen, was Nanotechnologie ist, wie sie angewendet wird und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft hat. Die Bürger mit Wissenschaftspolitik vertraut zu machen, zum Beispiel durch eine offene Debatte sowie durch eine Analyse von Vorteilen und Risiken (sowohl der real existierenden als auch wahrgenommene), wird inzwischen als ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Nanotechnologie verstanden.

Bisher hat keine Regierung spezifische Vorschriften für Nanotechnologie entwickelt. Ein kürzlich erschienener Bericht der Vereinten Nationen zu neuen Herausforderungen hinsichtlich der Nanotechnologie und Umweltfragen, bezweifelt, dass die derzeitigen rechtlichen Grundlagen  ausreichend auf die spezifischen Merkmale der Nanotechnologie ausgerichtet sind. Des Weiteren fordert der Bericht, dass die Industrie, die Regierungen, die Wissenschaftsgemeinde und internationale Organisationen bei der Entwicklung von wissenschaftlich und ethisch vertretbaren Standards für neue, risikogeprüfte nanotechnologische Produkte einbezogen wird.

Ein Bericht der britischen Royal Society betont, dass angemessene Vorschriften, die die Öffentlichkeit und die Umwelt schützen, aufgrund fehlender Kenntnisse von Gefahren und Risiken, nicht möglich seien. Die Gefahren, Risiken und Toxizität von Nanomaterialien zu identifizieren, ist eine weitere Grundvoraussetzung, um einen maximalen Markterfolg zu erzielen und finanzielle Risiken für Investoren und Versicherer zu minimieren.

Im Juni 2008 legte die Kommission eine Mitteilung über die „Regelungsaspekte bei Nanomaterialien“ vor, die auf einer Überprüfung der Rechtsvorschriften, die mit Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltaspekten von Nanomaterialien im Zusammenhang stehen, beruht. Die Überarbeitung schließt, dass der gegenwärtige Rechtsrahmen der EU im Prinzip die möglichen Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltrisiken von Nanomaterialien abdecke. Sie müsse jedoch angesichts neuer, verfügbarer Informationen eventuell geändert werden, beispielsweise im Hinblick auf Grenzwerte, die in einigen Gesetzestexten verwendet würden.

Günter Verheugen, Kommissionsvizepräsident und Zuständiger für Unternehmen und Industrie, erklärte dazu: „Ohne einen verlässlichen und soliden Rechtsrahmen könnten die Hersteller in der EU kaum Nutzen aus der Weiterentwicklung der Nanotechnologien ziehen. Mit den richtigen Vorschriften kann man jedoch die Innovation fördern und damit für mehr Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit sorgen.“ 

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas erklärte: „Die Schwierigkeit besteht für den Gesetzgeber darin, einerseits für die Gesellschaft den Nutzen neuer Anwendungen der Nanotechnologien zu erschließen und andererseits ein hohes Niveau bei Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz zu gewährleisten, so dass das Vorsorgeprinzip voll und ganz zum Tragen kommt.“

Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB) ist ebenfalls der Meinung, dass bei Nanotechnologien das Vorsorgeprinzip angewendet werden müsse. Nach dem Asbest-Skandal sei es für den EGB inakzeptabel, dass nun Produkte hergestellt werden sollen, deren potentielle Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt unbekannt seien; es müsse daher ein vorausschauender Ansatz angenommen werden, der für die Arbeiter transparent sei, sagte Joël Decaillon, Verbandssekretär des EGB.

Chad Holliday, Vorsitzender und CEO von DuPont, und Fred Krupp, Präsident von Environmental Defense, sagten, eine frühe und offene Prüfung möglicher Risiken eines neuen Produktes oder einer neuen Technologie sei äußerst sinnvoll - außerdem sei es eine gute Unternehmensstrategie. Sie erklärten weiterhin, dass man durch die richtige Mischung von freiwilliger Unternehmensführung, koordinierter Forschung und informativen Vorschriften die Vorzüge dieser vielversprechenden  Technologie nutzen, und gleichzeitig unbeabsichtigten Konsequenzen reduzieren könne.

DuPont und Environmental Defense haben sich darauf geeinigt, gemeinsam ein Rahmenprogramm für Entwicklung, Produktion, Verbrauch und Entsorgung nanoskaliger Materialien zu erarbeiten. Das Rahmenprogramm zielt darauf ab, einen systematischen und klar gegliederten Prozess festzulegen, der bei der Identifizierung, dem Management und der Reduzierung potentieller Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltrisiken durch nanoskalige Materialien in allen Lebensbereichen genutzt werden kann. Dieses Rahmenprogramm wird an Materialien und Anwendungen, die für DuPont von kommerziellem Interesse sind, getestet werden.

Der Europäische Rat der Verbände der chemischen Industrie (CEFIC) erklärte, ein wichtiger Teil des Entwicklungsprozesses in der Industrie sei, sowohl die Vorteile als auch die Risiken neuer Technologien oder Produkte abschätzen zu können. Die europäische Chemieindustrie sei sich bewusst, dass die Entwicklung und Anwendung von Nanotechnologie neue Sicherheits-, Gesellschafts- und Regulierungsfragen und -herausforderungen nach sich ziehen könnte. CEFIC sei der Meinung, dass die derzeitigen Methoden der Risikobeurteilung prinzipiell für die Bewertung von Nanomaterialien geeignet seien. Dennoch glaube man, dass neue Herangehensweisen und Methoden entwickelt werden müssten, um potentielle Risiken neuer Technologien beurteilen und kontrollieren zu können. In dieser Hinsicht, schlägt CEFIC eine Zusammenarbeit vor, wobei die Forschung mit öffentlichen Mitteln auf Methodenentwicklung abzielen sollte und die von der Industrie geförderte Forschung auf die Prüfung der Produkte abzielen sollte.

Neu entstehende Nanotechnologien hätten ohne entsprechende Erforschung der Handhabung potentieller Risiken für Gesundheit, Sicherheit und Umwelt wenig Aussicht auf Erfolg, so Andrew D. Maynard vom Woodrow Wilson International Center for Scholars.

Dr. David Santillo, Wissenschaftler am Greenpeace Forschungslabor des Instituts für Biowissenschaften an der University of Exeter (Greenpeace Research Laboratories Department of Biological Sciences), sagte, dass die Vorbereitungen der Industrie und die Entwicklung nanotechnischer Anwendung viel zügiger von statten gehe als die Prüfung von Gesundheits- und Sicherheitsfragen dieser Anwendungen. Man habe keineswegs ausreichend Kenntnisse über die reellen Vorteile und Risiken von Nanopartikeln, so Santillo weiter. Er sei der Meinung, ein „Stillhalteabkommen“ solle für alle neuen Anwendungen von Nanotechnologien eingeführt werden, bis alle Sicherheitsbewertungen durchgeführt worden seien. Santillo  fügte hinzu, dass es mehrere Jahre dauern werde, bis derartige Bewertungen abgeschlossen werden könnten. 

Des Weiteren erklärte er, dass man gleichzeitig während eines solchen Moratoriums eine grundlegende Diskussion zur Entwicklung von Regulierungsprozessen für Nanotechnologie führen sollte. Bezüglich des Vertrauens der Verbraucher in die Nanotechnologie betonte Santillo, bevor man sich dieser Frage nähere, sei es wichtiger, das Bewusstsein der Verbraucher für Nanotechnologie zu untersuchen, da man vor der Existenz von „Bewusstsein“ gar nicht über „Vertrauen“ sprechen müsse.

Volker Türk, Koordinator des Projekts „Nanologue“ am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie sagte, sich technologische Entwicklungen zu Nutzen zu machen und gleichzeitig Nebeneffekte und eine Gegenbewegung von Seiten der Verbraucher zu verhindern, sei ein schwieriges Unterfangen. 

Türk fügte hinzu, dass das Vertrauen der Verbraucher in Nanotechnologie hauptsächlich von dem Gesundheitsaspekt abhängen werde. Außerdem würden sich die Verbraucher für Aspekte, die mit der Art der Anwendungen zusammenhängen, interessieren. Eine medizinische Anwendung, zum Beispiel ein Gerät zur Diagnose, das einen Bluttropfen schnell auf die Möglichkeit der Entwicklung einer Krankheit untersuchen kann, könnte möglicherweise das Diagnoseverfahren beschleunigen, würde aber gleichzeitig eine große Debatte über Schutz der Privatsphäre nach sich ziehen: Würde der Arbeitsgeber berechtigt sein, diese Tests/Ergebnisse vor der Einstellung einzusehen, oder könnte dies eine Versicherung tun, bevor sie neuen Kunden aufnimmt? Türk fügte hinzu, würden sich diese Anwendungen etablieren, könnten sie unsere Wahrnehmung von Gesundheit verändern.

Ein vom Nanoforum, einem europaweiten Nanotechnologienetzwerk, veröffentlichter Bericht betont die Bedeutung, langfristige Pläne von Befürwortern und Gegnern von Nanotechnologie realistisch in Betracht zu ziehen. Dies schließe auch Science-Fiction Autoren ein, da diese die öffentliche Meinung ebenfalls beeinflussten.

Ein Bericht der Vereinten Nationen  betont eine allgemeine Unausgewogenheit im Zusammenhang mit neuen und in der Entwicklung befindlichen Technologien: und zwar zwischen den Investitionen in die Erforschung der potentiellen Vorzüge von Nanotechnologie (7,7 Mrd. Euro) und Forschung zu den Auswirkungen von Nanopartikeln auf die menschliche Gesundheit und auf die Umwelt (30 Million Euro), in den USA und in der EU.

Markos Kyprianou, Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, erklärte, der Wettbewerb innerhalb der Gesellschaft hänge zum Großteil davon ab, wie offen sie für neue Entwicklungen und Technologien sei. Man müsse eine Situation verhindern, in der die Vermarktung innovativer Nanotechnologieprodukte dadurch erschwert wird, dass die Verbraucher nicht die benötigten Sicherheitsgarantien bekommen. Ohne Frage sei die Sicherheit der Verbraucher oberste Priorität. Dies sei der Grund, warum man auf der Suche nach geeigneten Risikobewertungen sei, die die Sicherheit der Bürger gewährleisten könnten und Vertrauen in Nanotechnologie schaffen könnten.

Die Bürgerkonferenz zu Nanotechnologien und Nanowissenschaften des Rats der Region Ile-de-France hat sich positiv zu Nanotechnologie geäußert. Es dürfte jedoch auf keinen Fall soweit kommen, dass Profit auf Kosten der Ethik erzielt werde. Die Teilnehmer sprachen außerdem die Empfehlung aus, die Kommunikation zum Thema Nanotechnologie mit der allgemeinen Öffentlichkeit zu verbessern; die derzeitigen Informationen zu dieser Problematik seien zu elitär und nur Spezialisten zugänglich.

  • Ein Projekt über neu entstehende Nanotechnologien hat ein Internet-Inventar für kommerzielle, auf Nanotechnologie basierende Produkte entwickelt.
  • Ein europäisches Projekt hat kürzlich ein Instrument für Forscher und Produktentwickler auf Internetbasis, NanoMeter, entwickelt. Mit diesem Instrument besteht die Möglichkeit, eine nanotechnologische Anwendung vor ihrer Einführung einer kurzen gesellschaftlichen Beurteilung zu unterziehen, welche Themen analysiert, die für Verbraucher und Öffentlichkeit relevant sind.
  • 6. September 2007: Die Kommission nahm ihren ersten Durchführungsbericht zu dem Aktionsplan der EU für Nanowissenschaften und -technologie 2005 bis 2009 an.
  • 7. Februar 2008: Die Kommission nahm eine Empfehlung für einen Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Forschung und Entwicklung in der Nanotechnologie an.
  • Februar 2008: Der wissenschaftliche Ausschuss "Konsumgüter" der Kommission (SCCP) veröffentlichte ein Gutachten zur "Sicherheit von Nanomaterialien in Kosmetikprodukten" ("Safety of nanomaterials in cosmetic products").
  • 17. Juni 2008: Die Kommission legte eine Mitteilung über die „Regelungsaspekte bei Nanomaterialien“ vor (siehe Überprüfung der Rechtsvorschriften, die mit Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltaspekten von Nanomaterialien im Zusammenhang stehen). 
  • 2008: Die Kommission und EU-Agenturen werden bereits existierende Dokumente prüfen, die die Umsetzung verschiedener Richtlinien unterstützen und dabei deren Anwendbarkeit und Angemessenheit für Nanomaterialien berücksichtigen. 
  • 2008: Errichtung einer Beobachtungsstelle, um dynamische Bewertungen der Entwicklung der Nanotechnologie, deren Verwendung und von Marktentwicklungen durchzuführen. Sie soll als ‚Frühwarnsystem’ für die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten fungieren. 
  • 2. bis 3. Oktober 2008: Nanotechnologie-"Safety for Success"-Konferenz der EU.
  • 14. Oktober 2008: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit veröffentlicht ihren Entwurf einer wissenschaftlichen Stellungnahme zu den möglichen Risiken der Verwendung von Nanotechnologie im Lebensmittelsektor.
  • 2011: Die Kommission wird einen Fortschrittsbericht über die Umsetzung bestehender Regelungen für Nanomaterialien vorlegen.

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