Ausländische Direktinvestitionen in Forschung und Entwicklung [DE]

Die EU verliert gegenwärtig Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) an andere Länder. Im Jahr 2001 belief sich der Nettoabfluss von FuE-Investitionen auf über sechs Milliarden Euro. Mit dem 7. Rahmenprogramm für Forschung (RP7) will die Kommission die notwendigen Rahmenbedingungen für ausländische Investoren schaffen.

Ausländische Direktinvestitionen (ADI) sind Investitionen aus ausländischen Anlagen, die direkt in Unternehmen, Betriebseinrichtungen und Organisationen eines Landes fließen. Der Börsenhandel wird nicht mitgezählt.

Als ausländische Direktinvestitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) werden Investitionen in systematisch durchgeführte Aktivitäten bezeichnet, die darauf abzielen, den Wissensvorrat und seine Anwendungen zu vergrößern. Unter anderem die Grundlagenforschung, angewandte Forschung und experimentelle Entwicklung gehören zu solchen Bereichen. 

In den 80er Jahren nahm die internationale Zusammenarbeit im FuE-Bereich erheblich zu und große multinationale Konzerne begannen, ihre Tätigkeiten in diesem Bereich teilweise im Ausland durchzuführen. Strategische Bündnisse und grenzüberschreitende Zusammenarbeit haben es Unternehmen leichter gemacht, sich Zugang zu ausländischen Technologien und Märkten zu verschaffen. Sie tragen ebenfalls dazu bei, finanzielle Risiken, die häufig mit kostspieligen Investitionen in technologische Entwicklung verbunden sind, geringer zu halten.

Die Entstehung einer globalen Wirtschaft hat zu einer Internationalisierung von FuE beigetragen. Grenzüberschreitende Investitionsströme haben sich bislang vor allem auf die Vereinigten Staaten, Japan und Europa beschränkt (derzeit 80 %). Der Trend scheint sich mittlerweile jedoch zugunsten von Ländern wie China, Indien und Brasilien zu wenden.


Antriebskräfte ausländischer FuE-Tätigkeiten von Unternehmen

Mit ausländischen Direktinvestitionen in FuE verfolgen Unternehmen zumeist zwei verschiedene Ziele: die Durchführung ‚adaptiver’ FuE und Zugang zu dem neuesten Wissen auf einem Gebiet. ‚Adaptive’ FuE-Tätigkeiten sollen Produkte, Verfahren und Technologien an regionale oder nationale Bedürfnisse anpassen und zum Auf- und Ausbau von Produktionsanlagen im Ausland beitragen. Außerdem investieren Konzerne in andere Länder, um von der Forschung und den Forschern eines Landes zu profitieren. 

Es scheint, dass ADI einen positiven Beitrag zum Wachstum der Empfängerländer leistet, da sie Kosten von FuE verringern und Innovation anregen. Politische Maßnahmendie ein Land für ADI attraktiver machen, haben daher an Bedeutung gewonnen und haben einen wahren Wettbewerb zwischen Industrie- und Entwicklungsländern ausgelöst.


Attraktivitätsfaktoren für ADI

Zu den Faktoren, die ein Land traditionell für ausländische Direktinvestitionen attraktiv machen, gehören der Zugang zu natürlichen Rohstoffen, Märkten und billigen Arbeitskräften. 

Zunehmend gelten jedoch auch andere Strategien und Aspekte als ausschlaggebend: 

  • Schaffung gezielter finanzieller Anreize, etwa durch Steuererleichterungen, Fördermittel und Zuschüsse;
  • Verbesserung von Infrastruktur und Qualifikationen der Arbeitskräfte vor Ort, um Anforderungen und Erwartungen ausländischer Investoren gerecht zu werden;
  • Verbesserung des allgemeinen Geschäftsklimas durch Bürokratieabbau und geringeren Verwaltungsaufwand;
  • Schaffung staatlicher Agenturen, die Investoren beim Ausfüllen der notwendigen Formulare etc. helfen und allgemeine Unterstützung von ADI leisten;
  • internationale Übereinkommen und Zusammenarbeit, die die Attraktivität eines Landes als Investitionsstandort erhöhen.

Laut einer Studie des niederländischen Wirtschaftsministeriums unter Führungskräften von Unternehmen sind die wichtigsten Standortfaktoren für ausländische Direktinvestitionen in Forschung und Entwicklung mittlerweile die folgenden:

  • Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte (der wichtigste Faktor);
  • Internationale Erreichbarkeit;
  • Wissenseinrichtungen von Weltrang (Exzellenzzentren);
  • Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Wissenseinrichtungen;
  • Qualität der IKT- und Telekommunikationsinfrastrukturen.

Die Kosten allein scheinen somit kein ausschlaggebender Faktor für ausländische Investitionen in FuE zu sein. Marktzugang, Qualifikationen der Arbeitskräfte vor Ort, Einrichtungen und Standards werden zumeist als wichtiger betrachtet. 

Die USA werden aufgrund der folgenden Aspekte häufig als Beispiel für einen attraktiven Standort für ausländische FuE-Investoren betrachtet:

  • Die Größe und Homogenität des US-Markts;
  • Enge Verbindungen zwischen US-Spitzenuniversitäten und Forschungslaboren, die eine hohe wissenschaftliche und technologische Expertise gewährleisten und ‚Spillover’-Effekte von FuE begünstigen;
  • Auf Innovation ausgerichtete Rahmenbedingungen, die die Kommerzialisierung von Erfindungen erleichtern;
  • Eine gute Lebensqualität, die den Investitionsstandort im Ausland für heimische Arbeitskräfte attraktiv macht;
  • Ein dynamischer, nicht stark regulierter Arbeitsmarkt. 

Aufgrund der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte und der wachsenden Zahl von Verbrauchern sind die ehemaligen Ostblockländer, China und Indien für Firmen, die im Bereich FuE tätig sind, zunehmend attraktiv. Mittlerweile gilt insbesondere Indien in der Unternehmenswelt als eine Drehscheibe für eine Vielzahl von Industrien. 


Und Europa?
 

Die Kommission ist der Überzeugung, dass das Siebte Rahmenprogramm für Forschung und Technologische Entwicklung (RP7) die notwendigen Rahmenbedingungen für ausländische Direktinvestitionen in FuE schaffen kann. In der Tat sieht der derzeit vorliegende Vorschlag für RP7 unter anderem folgendes vor: 

  • Qualitative und quantitative Stärkung des Humanpotenzials in den Bereichen Forschung und Technologie in Europa
  • Schaffung europäischer ‚Exzellenzpole’

Janez Potocnik, EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung, ist der Meinung, dass Europa seine Attraktivität als Standort für privatwirtschaftliche Forschungsinvestitionen maximieren muss. „Dies wird einen breiten Mix verschiedener politischer Maßnahmen erforderlich machen, unter anderem steuerpolitische Anreize, verbesserte Rahmenbedingungen, qualifiziertes Humankapital, wirksame Regelungen zum Schutz geistiger Eigentumsrechte und [gute] Infrastrukturen für die Grundlagenforschung und die angewandte Forschung“, erläuterte Potocnik auf einer Konferenz im März 2005 zum Thema Internationalisierung von Forschung und Entwicklung.

Die Schaffung günstigerer Bedingungen für ADI sei daher eine „bessere Strategie als mit Protektionismus zu reagieren [und] nur die Gefahren und Bedrohungen zu betonen“, fügte er hinzu.

Gleichzeitig rät der EU-Kommissar jedoch zu Vorsicht. Die EU müsse den mit Auslandsinvestitionen verbundenen Gefahren Rechnung tragen und versuchen, diese so gering wie möglich zu halten. Zu ihnen gehören vor allem die Abwanderung hochqualifizierter europäischer Forscher (‚brain drain’)  und die Gefahr, dass Europa in gewissen Sektoren (beispielsweise Pharmazeutika und Biotechnologie) zurückfällt, weil europäische Unternehmen in anderen Ländern in FuE investieren. 

Tabelle 1 zeigt den prozentualen Anteil an den gesamten Bruttoausgaben für Forschung & Entwicklung (GERD) durch ausländische Investoren im Zeitraum 1994 bis 2002:

 


Land

2002

1994
Lettland                        2003: 20.4 35.6 22.8 (1995)
Griechenland                2003: 18.1 21.4 (2001) 18.6 (1995)
Österreich                    2003: 21.0 21.7  4.2 
Großbritannien             2003: 19.4 20.5 12.4
Zypern                          2003: 13.9 15.1 8.0 (1998)
Estland                          2003: 15.2 14.4 6.2 (1998)
Belgien                          2003: 12.9 11.8 (2001) 7.9
Niederlande                  2003: 11.3 11.0 (2001) 8.8
Ungarn                          2003: 10.7 10.4 3.7
Irland                            2003: 8.5 8.9 (2000) 8.5
Frankreich                    2003: 8.4 8.0 8.3
Dänemark                     2003: 10.3 7.8 (2001) 11.0 (1995)

EU-15

8.3

6.5

EU-25

8.2

6.7 (1995)
Litauen                           2003: 13.8 7.1 6.7 (2000)
Spanien                          2003: 5.7 6.8 6.4
Italien                   6.2 (1996) 6.1
Portugal                         2003: 5.0 5.1 11.9 (1995)
Polen                             2003: 4.6 4.8 1.4
Slowenien                     2003: 9.9 3.7 2.6
Schweden                     2003: 7.3 3.4 (2001) 3.4 (1995)
Finnland                       2003: 3.1 3.1 4.5 (1995)
Tschechische Republik        2003: 4.6 2.7 3.3 (1995)
Deutschland                 2003: 2.3 2.4 1.7
Slowakei                      2003: 3.3 2.1 1.3
Luxemburg                  2003: 8.3 1.6 keine Angaben
Malta                keine Angaben keine Angaben
Rumänien 7.0 0.6
Bulgarien 5.0 0.04 (1995)
Kroatien 1.5 no data
Türkei 1.3 1.7
USA keine Angaben keine Angaben

Quelle : Eurostat ("Statistics and Technology: Statistics in focus 7/2005")

Während ADI in FuE im Allgemeinen positive Wirkungen haben, sind viele Regierungen auch weiterhin besorgt über die voranschreitende Globalisierung von FuE. Entscheidend dafür, ob sie Nutzen aus dieser Entwicklung ziehen ist, ob sie Nettoempfänger sind, oder ob ADI aus ihren Ländern abfließen. 


Vorteile und Nutznießer

Für Empfängerländer (d.h. Länder, in die ADI fließen) entstehen folgende Vorteile: 

  • Erhöhung der technischen Kapazitäten eines Landes
  • Potenzielle ‚Spill-Over’ auf Wissen und Wirtschaft
  • Schaffung von Arbeitsplätzen
  • Besser zugeschnittene Produkte

Andererseits bedeuten ausländische Investitionen ebenfalls, dass FuE-Ressourcen in ausländischen Händen sind. Außerdem können wirtschaftliche Verluste entstehen, wenn die Ergebnisse der FuE-Tätigkeiten in einem anderen Land genutzt werden. 

Für Länder, deren heimische Unternehmen in anderen Ländern investieren, entstehen nicht nur Nachteile. Zu den Vorteilen gehören:

  • Zugang zu anderen Wissens- und Expertisequellen;
  • besserer Zugang zu ausländischen Märkten;
  • wirtschaftliche Vorteile, sofern die Forschungsergebnisse im eigenen Land umgesetzt und genutzt werden.

Andererseits haben Investitionsabflüsse in ein anderes Land auch Stellenabbau, den Verlust technischen Know-hows und wirtschaftlicher Gewinne zur Folge.

  • Eine hochrangige Konferenz zum Thema ‚Internationalisierung von FuE’ ('Internationalisation of R&D') fand im März 2005 statt. Sie wurde von der OECD und der belgischen Regierung organisiert. 
  • Die OECD arbeitet derzeit an einem Bericht über internationale Investitionsaussichten (‚International Investment Perspectives 2005’), der im Herbst 2005 veröffentlicht werden soll. Der Bericht wird Kapitel über ADI-Indikatoren, Internationalisierung, von für die Industrie bestimmte FuE und grenzüberschreitendes Eigentum von Erfindungen enthalten.

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