VDMA: Roboter sind keine Bedrohung, sondern eine Lösung

Brodtmann VDMA

Die Digitalisierung der Industrie habe zwar oberste Priorität, doch sollte sich Europa keine Sorgen über einen Beschäftigungsrückgang durch Automatisierung machen, meint VDMA-Chef Thilo Brodtman im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Thilo Brodtman ist Exekutivdirektor des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der mehr als 3.200 kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) vertritt.

Fortschrittliche Roboter bilden eine Säule der sogenannten vierten industriellen Revolution. Wie wichtig könnten sie für die Zukunft der europäischen Industrie werden?

Wenn wir über Roboter sprechen, dürfen wir nicht nur an Filme wie Star Wars oder Terminator denken. Sie werden bereits in unglaublich vielen verschiedenen Bereichen genutzt – von der medizinischen Diagnostik bis hin zu den Fließbändern der Autohersteller. Die Digitalisierung erlaubt es uns nun erstmalig, Maschinen miteinander zu vernetzen. Außerdem werden intelligente Roboter mit Menschen interagieren können. Das ist eine große Chance, europäische Unternehmen effizienter und wettbewerbsfähiger zu machen.

So gesehen stehen Roboter im Mittelpunkt der Industrie 4.0. Die aktuelle Debatte über ein EU-Robotik-Gesetz ist also keine bloße Sciencefiction, sondern für die Zukunft der europäischen Industrie tatsächlich von großer Bedeutung. Es ist gut, dass es schon in diesem sehr frühen Stadium eine Debatte auf europäischer Ebene gibt. Denn wir werden in ein paar Jahren einen EU-weiten politischen Rahmen brauchen, nicht etwa einen Flickenteppich aus 28 nationalen Gesetzgebungen.

Was halten sie vom jüngsten Robotikbericht des EU-Parlaments?

Er ist sehr interessant, zieht allerdings viele meiner Ansicht nach voreiligen politischen Schlüsse. So fragt das Parlament, ob Roboter rechtlich gesehen „elektronische Personen“ sind und Steuern zahlen sollten. Solche Fragen werden erst in entfernter Zukunft relevant sein. Für Europa ist das Ganze gewissermaßen ein Drahtseilakt, da man ja Rechtssicherheit bieten soll, ohne den Raum für Innovationen einzuschränken. Bei diesen Themen würde man eher eine Auswahl vernünftiger Vorschläge erwarten, anstelle eines Leitfadens mit allen möglichen Regulierungsmaßnahmen ohne Rücksicht auf ihre Auswirkungen. Eine „Robotersteuer“ ist mit Sicherheit keine gute Idee – weder jetzt noch in Zukunft.

Europaabgeordnete sind der Meinung, dass zumindest die am weitesten entwickelten Roboter gewisse Rechte und Pflichten haben sollten. Welche Optionen gibt es hier Ihrer Meinung nach?

Wir dürfen nicht vergessen, dass Roboter Maschinen sind, und den Fehler machen, sie zu vermenschlichen. Zuallererst muss sichergestellt werden, dass sie sicher sind. Diesem Thema widmet sich bereits der global koordinierte Standardisierungsprozess für Robotersicherheit.

Eine der großen Fragen ist, wie man Haftungsvorschriften auf fortschrittliche Roboter anwendet. Wer ist im Falle einer Fehlfunktion verantwortlich? Das Unternehmen, der Angestellte, der Programmierer?

Wer die Verantwortung trägt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich – je nachdem, wer den Fehler begangen hat (das Unternehmen, der Programmierer, der Entwickler…). Eine strikte Haftungspolitik für die korrekte Anwendung von Robotern ist weder fair noch bietet sie irgendwelche wünschenswerten Anreize. Wenn wir Unternehmen verpflichten, für jedweden Schaden aufzukommen, den ihre Maschinen verursachen könnten – auch wenn es nicht ihre Schuld ist – dann würde sie das davon abhalten, solche Technologien zu nutzen. Das gilt vor allem für KMUs.

Vom Grundsatz her sollte man versuchen, die Fehlerursache ausfindig zu machen, damit klar wird, wer für die Mängel verantwortlich ist. Dann sollte man die Technologie so verbessern, dass der Fehler in Zukunft nicht noch einmal auftreten kann. Keinesfalls jedoch unterstützen wir den Vorschlag des Parlamentsberichts: „Je größer die Lernkapazitäten oder die Autonomie des Roboters, desto niedriger die Verantwortung der beteiligten Akteure“.

Selbst Tech-Optimisten geben zu, dass Roboter und künstliche Intelligenz viele Arbeitsplätze kosten könnten. Ein Beispiel sind hier fahrerlose Autos. Wie sehen Ihre Erwartungen aus? Sorgen Sie sich um die Beschäftigung in Deutschland?

Es hat sich nicht bewahrheitet, dass die Automatisierung Arbeitsplätze verdrängt. Die Vergangenheit zeigt uns, dass Produktivitätssteigerungen zu einem größeren Output und höheren Einkommen führen. Außerdem sind immer wieder neue Arbeitsplätze entstanden, die den Verlust der alten wieder wettgemacht haben. Deutschland ist das Land mit der drittgrößten Roboterdichte weltweit. In den Fabrikgebäuden nimmt die Zahl der Roboter immer weiter zu und noch immer steigen die Beschäftigungszahlen. Ich mache mir eher Sorgen, dass es uns nicht gelingt, unsere junge Generation auf die Arbeitsplätze der Zukunft vorzubereiten. Wir sollten unseren Kindern nicht beibringen, wie man einen Bus fährt, sondern wie man eine Maschine baut oder eine Software entwickelt.

Die Digitalisierung bietet Europa die Möglichkeit, Arbeitsplätze, die wir vor langer Zeit an Niedriglohnländer verloren haben, zurückzuholen. Adidas hat zum Beispiel vor Kurzem angekündigt, dass es seine Sportschuhe wieder in Deutschland herstellen will. Das ist natürlich nur aufgrund der Automatisierung möglich.

In den letzten fünf Jahren sind die Beschäftigungszahlen in der deutschen Automobilindustrie um 13 Prozent gestiegen, während auch die Anzahl der Roboter zunahm. Die Roboter der neuen Generation sollen doch aber nicht nur im produzierenden Gewerbe eingesetzt werden, sondern auch in Büros und im Dienstleistungssektor. Welche Maßnahmen sollte man jetzt ergreifen, um die Mittelschicht zu unterstützen? Sind Sie für ein allgemeines Grundeinkommen?

Wir sollten nicht damit anfangen, Probleme zu lösen, die es noch gar nicht gibt. Ein allgemeines Grundeinkommen, das von Maschinen finanziert werden soll, ist eine ziemlich schlechte Idee. Für Unternehmen würde es somit teurer werden, moderne Technologien anzuwenden.

Der Dienstleistungssektor, insbesondere in Deutschland, könnte tatsächlich in nicht allzu ferner Zukunft von modernen Technologien abhängen. Unsere Gesellschaft altert und schon jetzt mangelt es uns an Pflegepersonal. Eines Tages könnten fortschrittliche Technologien der einzige Weg sein, Altenpflege bezahlbar zu machen. Ich denke, die Digitalisierung hat das Leben der Europäer bisher in vielerlei Hinsicht verbessert. Deshalb sollten wir damit aufhören, ihnen Angst einzujagen, und Roboter nicht als Bedrohung, sondern als Lösung für viele unserer Probleme sehen.

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