Innovation, Investitionen, Inklusion: Stockholms Erfolgsrezept

Stockholms Bürgermeisterin Karin Wanngård [News Oresund/ Flickr]

Aus Stockholm kommen mit Ausnahme des Silicon Valley die meisten Unternehmen weltweit, die über eine Milliarde Dollar wert sind. Die EU-Kommission listete die schwedische Hauptstadt und ihr Umland kürzlich als die innovativste Region Europas. Bürgermeisterin Karin Wanngård erklärt, wie ihre Stadt Talente hält und warum sie im Startup-Bereich so erfolgreich ist.

Karin Wanngård ist seit 2014 Bürgermeisterin von Stockholm. Seit 2016 ist sie außerdem Vizepräsidentin des EUROCITIES-Netzwerks. Sie sprach mit Nikos Lampropoulos von EURACTIV Griechenland.

EURACTIV: Stockholm will eine smarte und grüne Stadt sein. Ist das der Weg, den Städte gehen sollten, wenn sie Innovationen fördern und Investoren anlocken wollen?

Karin Wanngård: Wir in Stockholm sind sehr stolz darauf, dass die Europäische Kommission uns als die innovativste Region der EU gelistet hat. Wir haben eines der größten Life Science Cluster in Europa und außerdem eine höhere Anzahl an Startups pro Kopf als jede andere europäische Stadt. Tatsächlich kommen aus unserer Stadt die meisten Unternehmen weltweit – mit Ausnahme des Silicon Valley – die über eine Milliarde Dollar wert sind.

Zu dieser Entwicklung haben viele Faktoren beigetragen, aber ich denke, es ist besonders wichtig, dass eine Stadt lebenswert ist. Am Ende geht es bei smarten und grünen Städten ja darum. Wir haben das Glück, in einer Stadt zu leben, die von wunderschöner Natur umgeben ist, und wir wollen intelligente Lösungen bereitstellen, damit unsere Bürger leicht ein umweltfreundliches Leben führen können. Wenn unsere Stadt wächst, achten wir daher auf die Grenzen zur Natur und behalten immer die Menschen im Blick.

Als Bürgermeisterin von Stockholm glaube ich natürlich, dass unsere Stadt etwas Besonderes ist – aus vielen unterschiedlichen Gründen. Auf einen Aspekt möchte ich aber besonders hinweisen, nämlich, dass es aus der Region Stockholm keinen Nettoabgang von Talenten in irgendeine andere Region der Welt gibt. Das ist sehr beeindruckend.

Wir haben sehr viele internationale Talente in unserer Stadt und in Umfragen sagen diese Menschen normalerweise, dass sie wegen der Firmen, wegen der boomenden Tech-Szene und unserer Startup-Einhörner, nach Stockholm gekommen sind. Wenn wir sie aber fragen, warum sie sich entschieden haben, auch in Stockholm zu bleiben, bekommen wir eine andere Antwort, und zwar: „Stockholm ist einfach gut für mich.“ Und ich glaube, da steckt viel Wahres drin.

Fachkräftemangel in Osteuropa: Die Schattenseite der EU-Erweiterung

Anstatt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern, habe die EU-Erweiterung zur Abwanderung von Fachkräften von Ost- nach Westeuropa geführt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Investitionen, Nachhaltigkeit und soziale Inklusion. Können diese drei Ziele gleichzeitig erreicht werden und wenn ja, wie kombiniert man sie am besten, um eine bessere Lebensqualität für die Bürger zu sichern?

Unsere Stadt wächst sehr schnell. Es wird geschätzt, dass die Einwohnerzahl im Jahr 2040 bei fast 1,3 Millionen liegen könnte. Das wäre im Vergleich zu heute ein Anstieg von 30 Prozent. Wir müssen daher sehr hart arbeiten, um mit den Entwicklungen mitzuhalten.

Ein Beispiel: Wir wollen bis 2030 insgesamt 140.000 neue Wohnungen bauen. Dadurch brauchen wir aber auch neue Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Sportanlagen, Geschäfte, Transportverbindungen – und noch viel mehr. Anders gesagt: Das Wachstum unserer Stadt bietet uns großartige Chancen, aber wir sehen uns auch enormen Herausforderungen gegenüber.

Vor diesem Hintergrund hat unser Stadtrat kürzlich eine neue Strategie entwickelt. Sie heißt „Vision 2040 – A Stockholm for Everyone“. Wie der Name schon zeigt, stehen Nachhaltigkeit und soziale Inklusion absolut im Mittelpunkt unserer Vision für Stockholm. Sie setzt neue Ziele für sozial, finanziell, wirtschaftlich und demokratisch nachhaltige Entwicklungen in den kommenden Jahrzehnten und sie bildet die Basis für unsere weitere Arbeit an einem Stockholm für Jede und Jeden.

Für uns ist es daher absolut keine Frage, dass Investitionen, Nachhaltigkeit und soziale Inklusion Hand in Hand gehen müssen.

Um unsere Vision zu verwirklichen, braucht es kollektive Anstrengungen, gemeinsam mit unserer Stadtverwaltung, mit anderen Städten, Organisationen und Unternehmen in der Region sowie mit unseren Bürgern. In diesem Kontext ist natürlich auch die internationale Zusammenarbeit wichtig, besonders wenn es um EU-Gesetzgebung und um Kooperationen mit anderen Städten geht.

Sie sind seit 2016 Vizepräsidentin der EUROCITIES. Wie kann ein solches Netzwerk seinen Mitgliedern praktische Unterstützung anbieten, zum Beispiel bei der Nutzung von Finanzinstrumenten? Und zweitens: Fürchten Sie, dass diese neue Form der EU-Unterstützung (durch Darlehen und Garantien) die bisherigen Ergebnisse der Kohäsionspolitik umkehren könnte?

EUROCITIES ist für uns ein extrem wichtiges Netzwerk und für die Städte sicherlich die wichtigste politische Plattform auf EU-Ebene. Wie Sie schon sagten, das Netzwerk bietet den Mitgliedsstädten viel Unterstützung, zum Beispiel bei Finanzinstrumenten. EUROCITIES unterstützt die Bemühungen der EU, die Nutzung solcher Finanzinstrumente zu erhöhen. Allerdings geht mit diesem neuen Fokus auf Finanzinstrumente gleichzeitig auch ein Bedürfnis nach zielgerichteterer Unterstützung für die Städte einher.

EUROCITIES bietet verschiedene Angebote, um die Mitglieder bei der Nutzung von Finanzinstrumenten zu unterstützen. Das Netzwerk hat einen sehr gut aufgestellten Informationsservice zu Förderung und Finanzierung und bietet auch viele Aktivitäten zum Kapazitätsaufbau, zum Beispiel bei der Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen. Dank des Netzwerks können wir auch enger mit Partnern wie der Europäischen Investitionsbank zusammenarbeiten, um neue Finanzierungsmöglichkeiten für Maßnahmen in den Städten zu erarbeiten.

EU-Kohäsionspolitik: "Das Geld liegt in Brüssel und wartet"

Die EU-Kohäsionspolitik könne ab 2023 einen Mehrwert von drei bis vier Euro pro investiertem Euro erreichen, so Corina Crețu im Interview. Sie wirbt für einen „Marshall-Plan“.

Wir sehen allerdings auch die Grenzen dieser Finanzinstrumente in Bezug auf die Sicherung wichtiger öffentlicher Investitionen und kleinerer, lokaler Entwicklungen.

Fördermöglichkeiten wie der Europäische Struktur- und Investitionsfonds, Horizon 2020 und andere Programme unterstützen die  Gemeinden dabei, ressourcenschonender zu werden, effektivere öffentliche Dienste anzubieten und die Lebensqualität ihrer Bürger zu verbessern. Wenn nun bald der neue mehrjährige EU-Haushalt beschlossen wird, muss sichergestellt werden, dass diese wichtigen Förderprogramme beibehalten werden – zusätzlich zu den aktuellen Plänen, verstärkt Privatinvestitionen anzuregen und Finanzinstrumente zu nutzen, sofern dies angebracht ist.

Die Kohäsionspolitik ist der stärkste Ausdruck von Solidarität in der EU. Sie ist sehr wertvoll und war extrem wichtig dabei, den Wohlstand und den territorialen Zusammenhalt unserer Regionen und Städte zu sichern. Ich denke, sie hat einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensumstände unserer Bürger geleistet.

Daher ist es wichtig, dass wir das Potenzial der Kohäsionspolitik weiter maximieren, um gute Ergebnisse vor Ort zu erzielen. Das sage ich auch mit Blick auf den Brexit und den Euroskeptizismus. Wir brauchen auch nach 2020 eine starke Kohäsionspolitik, die flächendeckend funktioniert und gerade die Städte dabei unterstützt, neue Lösungsansätze für ihre Bürger zu bieten.

Während der letzten EUROCITIES-Konferenz in Ljubljana lag der Fokus auf einem Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft. Dieser Wandel scheint mit hohen Kosten verbunden zu sein. Glauben Sie, dass die bestehenden Instrumente ausreichend sind und denken Sie, dass der Privatsektor bereit sein wird, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen?

In Ljubljana haben wir gesehen, dass die europäischen Städte hochmotiviert sind, den Wandel hin zu mehr Kreislaufwirtschaft zu vollziehen. Veränderungen hin zu nachhaltigem, kohlestoffarmem und ressourceneffizientem Wirtschaften sind essenziell für das Ziel, unsere Städte bereit für die Zukunft zu machen und die Lebensqualität der Bürger zu verbessern.

Wir glauben, dass die Kreislaufwirtschaft eine Chance ist, unsere Wirtschaft zu verändern und dabei neue und nachhaltige Wirtschaftsvorteile für Europa sowie neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Es wurde auch deutlich, dass die Städte beim Übergang zu kreislaufwirtschaftlichen Gesellschaften unterschiedlich weit vorangeschritten sind. Dennoch haben wir ein gemeinsames Verständnis unserer Rolle und unserer Verantwortlichkeiten in diesem Prozess. Wir wollen gemeinsam und voneinander lernen und den Prozess beschleunigen. Als Stadtregierungen, Stadträte und -behörden können wir unseren politischen Einfluss, unsere Kaufkraft und unsere praktischen Erfahrungen vor Ort nutzen, um für mehr Kreislaufwirtschaft zu arbeiten.

Nachhaltige Stadtentwicklung: Was steht auf dem Spiel?

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt schon in Städten, Megacities wachsen – und stehen vor etlichen Problemen. In Quito berät die UN-Siedlungskonferenz zurzeit, wie dabei Nachhaltigkeit, Klimaschutz und der Schutz der Zivilgesellschaft bewahrt werden.

Es ist aber klar, dass kein Bereich und keine politische Ebene diesen Wandel alleine vollziehen kann. Deswegen sind wir auch sehr froh, dass wir als EUROCITIES einen Sitz in der Koordinierungsgruppe der neuen EU-Akteursplattform zur Kreislaufwirtschaft [EU stakeholder platform on circular economy] haben. Das ist eine tolle Gelegenheit, um sektorübergreifend mit Unternehmen, Interessenvertretern, Wissenschaftsinstituten und EU-Gesetzgebern zusammenarbeiten zu können.

Das ist wichtig, um den Übergang zur Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen, denn wir müssen für den Erfolg dieses Unterfangens absolut alle mit an Bord holen.

Weitere Informationen

Italienischer Ökonom: "Innovation schafft Ungleichheit"

Im Science-Fiction-Films 2001: Odyssee im Weltraum setzt ein Affe einen Knochen als Waffe ein. Wenn jemand versteht, dass ein Ding als Werkzeug benutzt werden kann, ergibt sich für ihn eine vorteilhafte Situation, erklärt Michele Boldrin.

Subscribe to our newsletters

Subscribe