Hormonwirksame Chemikalien: „Wir müssen klar zwischen verschiedenen Risiken abwägen“

Hormonähnlich wirkende Subtanzen sind noch immer nicht ausreichend erfroscht. [© KaiAlex81 (CC BY 2.0)]

Chemikalien, die wie Hormone wirken, sind in vielen Gütern unseres täglichen Bedarfs enthalten. Die EU-Kommission hat kürzlich eine Konsultation zu diesen Substanzen, den sogenannten Endokrinen Disruptoren abgeschlossen, die helfen sollte, EU-weit einheitliche Kriterien zu schaffen. Weil sie die Deadline für die Definition dieser Stoffe nicht eingehalten hat, klagt nun Schweden vor dem Gerichtshof der Europäischen Union. EU-Parlamentarier Jens Gieseke hält das Vorgehen der Kommission dennoch für richtig. Ein Rechtsstreit könnte ihm zufolge die Abschätzung der Folgen von neuen Gesetzen behindern.

Jens Gieseke ist seit 2014 EVP-Abgeordneter im Europäischen Parlament. Der Jurist legt seinen Fokus besonders auf den Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI), den Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (AGRI) und den Ausschuss für Fischerei (PECH).

EURACTIV.de: Die EU-Kommission soll Kriterien zur Klassifizierung von Endokrinen Disruptoren, also hormonell wirksamen Chemikalien aufstellen, hat aber die festgeschriebene Deadline vom 14. Dezember 2013 nicht eingehalten. Warum ist der Weg zu einer Regulierung so schwierig?

GIESEKE: Endokrine Stoffe nehmen wir alltäglich zu uns. Sie sind unter anderem in der Tasse Kaffee, die wir morgens trinken. Ein einzelner Kaffee ist natürlich nicht gesundheitsschädlich, doch das kann bei dreißig Tassen pro Tag schon anders aussehen. Die Dosis macht das Gift.

Die Wissenschaft tut sich jedoch schwer, hier klare Kriterien aufzustellen. Das liegt zum Teil daran, dass unser Hormonsystem äußerst komplex ist. Da eine wissenschaftliche Grundlage in der Gesetzgebung sehr wichtig ist, hat sich die Kommission dazu entschieden, zunächst eine öffentliche Konsultation sowie eine Folgenabschätzung der Gesetzentwürfe durchzuführen. Auch wenn hierdurch die Frist nicht eingehalten wurde, war dieser Schritt richtig! Nun gilt es, diesen Prozess schnellstmöglich abzuschließen. Weitere Verzögerungen können wir nicht hinnehmen, denn dazu ist das Thema zu wichtig.

Was ist bei der Regulierung hormonähnlich wirksamer Substanzen bislang auf gesetzgeberischer Seite getan worden?

Hormonell wirksame Substanzen werden von verschiedenen Richtlinien und Verordnungen auf EU-Ebene behandelt. Unter anderem in der Zulassung chemischer Stoffe oder im Bereich von Kosmetika. In der Pestizid- und der Biozidverordnung geht es nun darum, wissenschaftliche Kriterien zur Identifizierung endokriner Disruptoren aufzustellen.

Dazu hatte die Kommission bis zum Dezember 2013 Zeit. Auf Grund interner Unstimmigkeiten und der Komplexität des Themas wurde diese Frist jedoch versäumt und erst jetzt mit der Folgenabschätzung begonnen.

Schweden hat vor dem Gerichtshof der EU kürzlich eine Klage gegen die Kommission angestrengt, weil sie die Deadline ignoriert hat. Der europäische Ministerrat und das EU-Parlament unterstützen die Klage. Worum geht es?

Mit der Klage soll der Druck auf die Kommission erhöht werden. Auch ich denke, dass wir als Parlament deutlich machen müssen, dass bei endokrinen Distruptoren dringender Handlungsbedarf besteht. Ich befürworte jedoch die Entscheidung der Kommission, zunächst eine Folgenabschätzung durchzuführen. Als EVP fordern wir seit langem, die Folgenabschätzung als Grundlage unserer Gesetzgebung zu nutzen. Hätte die Kommission diesen wichtigen Schritt übersprungen, wäre vielleicht die Frist eingehalten worden. Die Kriterien wären jedoch nicht wissenschaftlich fundiert und die Folgen ungewiss gewesen. Ein Rechtsstreit vor dem Europäischen Gerichtshof könnte die Folgenabschätzung nun behindern. Ich habe mich daher gegen die Klage ausgesprochen.

Nachdem die EU-Kommission eine öffentliche Konsultation zum Klassifiszierungs-Katalog von Endokrinen Disruptoren vor zwei Wochen abgeschlossen hat, zieht sie vier Definitionsmöglichkeiten in Betracht. Für welche plädieren Sie?

Es geht nicht darum, eine Definition von Beginn an auszuschließen oder sich dafür auszusprechen. Erst mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Folgenabschätzung lässt sich beurteilen, welche Definition am geeignetsten ist.

Endokrine Disruptoren werden schon seit Jahrzehnten erforscht. Sind die Mahnungen, die vor einem zu schwachen Kriterienkatalog warnen, berechtigt, solange das von einem ausgehende Risiko nicht hundertprozentig einschätzbar ist?

Unser Hormonsystem ist äußerst komplex und Wissenschaftler sind sich bei der Aufstellung der Kriterien uneinig. Die Frage die wir uns als Verbraucher stellen müssen ist doch folgende: Ist es sinnvoll, wenn wir uns vor jedem möglichen Risiko schützen, ohne das Gesamtbild im Auge zu behalten? Wir dürfen uns nicht nur auf einzelne Risiken beschränken, sondern müssen alle Folgen der Gesetzgebung einbeziehen. Es besteht zum Beispiel die Gefahr, dass durch das Verbot eines Pflanzenschutzmittels einige Lebensmittel nicht mehr wirkungsvoll geschützt werden können. Im schlimmsten Fall kann dies sogar schädlicher für unsere Gesundheit sein.

Um hier mehr Klarheit zu schaffen, führt die Kommission eine wissenschaftliche Folgenabschätzung durch. Nur auf Grundlage der Folgenabschätzung können wir unsere Gesundheit wirkungsvoll schützen.

Viele Kritiker haben moniert, die öffentliche Konsultation sei zu technisch und damit für die meisten Menschen kaum verständlich gewesen.

Die Teilnahme an der öffentlichen Konsultation stand allen Bürgerinnen und Bürgern offen. Das der Fragenkatalog sehr technisch war, liegt natürlich an der Komplexität des Themas. Dieses lässt sich auch nicht künstlich vereinfachen. Wir sind hier auf das Fachwissen von Experten angewiesen und die Ergebnisse der Konsultation werden nun in die Folgeneinschätzung einfließen.

Ignoriert die Diskussion über endokrine Disruptoren die Vorteile der Substanzen? Welche Nachteile könnte das Verbot oder die Beschränkung solcher Substanzen haben?

Hier müssen wir ganz klar zwischen verschiedenen Risiken abwägen und dabei das Gesamtbild nicht außer Acht lassen. Zwar mag es auf den ersten Blick sinnvoll sein, einen potentiell gesundheitsgefährdenden Stoff vom Markt zu nehmen. Wir leben jedoch nicht in einem Labor, in dem alle Variablen kontrollierbar sind. Ein Verbot bestimmter Pflanzenschutzmittel kann dazu führen, dass wir unsere Lebensmittel nicht mehr wirkungsvoll schützen können. Als Folge könnten Lebensmittel mit Pilzen befallen werden, die unbemerkt auf unserem Teller landen und viel gesundheitsschädlicher sind als die zu Beginn verbotenen Pflanzenschutzmittel.

Über dieses Gesamtbild müssen wir mehr Einblicke erhalten, um den bestwirksamsten Gesundheitsschutz zu gewährleisten. Emotionale Entscheidungen können kontraproduktiv sein. Die Diskussion zu endokrinen Disruptoren sollten wir folglich rational und auf Grundlage der Wissenschaft führen. 

http://www.euractiv.de/sections/innovation/endokrine-disruptoren-massiver-lobbydruck-auf-die-eu-kommission-310988

http://www.euractiv.de/sections/verbraucherschutz/regulierung-hormonwirksamer-substanzen-wirtschaftlichkeit-versus-risiko

http://norden.diva-portal.org/smash/record.jsf?pid=diva2%3A763442&dswid=2188

http://www.euractiv.de/forschung-und-innovation/linkdossier/endokrine-disruptoren-schaedlich-oder-nicht-000151

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN