„Europas Beschützer-Haltung beim Datenaustausch hemmt Innovationen“

Bruno Berthon. [ACCENTURE]

EU-Kommissar Günther Oettinger leiste großartige Arbeit, betont Bruno Berthon im Interview mit EURACTIV Brüssel. Der Datenaustausch zwischen den Unternehmen berge jedoch noch Hindernisse.

Bruno Berthon ist Chefstratege für Digitales beim Unternehmensberater Accenture Strategy.

Wie muss eine Strategie zur Digitalisierung der europäischen Industrie aussehen?

Man sollte interne Grenzen aufheben, um einen wirklichen Binnenmarkt zu schaffen. Viele Prinzipien des Binnenmarktes gelten noch nicht für digitale Produkte und Dienstleistungen. Das klassische Beispiel dafür ist der E-Commerce. Die Strategie in diesem Bereich müsste Innovationen und Kollaborationen aus regulativer Sicht vereinfachen, also grenzüberschreitend möglich machen. Außerdem müsste man Maßnahmen ergreifen, die die Zirkulation von Experten und Technologen fördert und multinationale Startups unterstützt.

Daten gelten als das neue Öl. Wie geht man damit um?

Es sind noch nicht alle Fragen zum Thema Daten geklärt. Ich hatte mir einen freieren Datenaustausch erhofft, als angekündigt wurde. Viele neue Geschäftsmodelle im digitalen Bereich sind auf einen relativ freien Datenzugang angewiesen. Diese Angelegenheit ist im Moment jedoch recht umstritten.

Die Ansichten von EU-Kommissar Günther Oettinger stimmen zum Großteil mit denen der Unternehmen überein: Grenzen ab- statt aufbauen. Zu häufig behindern Vorschriften auf nationaler Ebene die Geschäftschancen und junge Akteure auf dem Markt. Sehen Sie sich doch nur Ubers Situation in ganz Europa an.

Die Kommission ist für den freien Datenaustausch, während sich die Industrie um die Eigentumsrechte an den Daten sorgt. Wie kann man hier ein Gleichgewicht finden?

Das Know-how eines Unternehmens beruht häufig auf den verfügbaren Daten, vor allem in der Industrie und im Automobilsektor. Daten sind für viele daher wie geistiges Eigentum. Sie erlauben ihnen ihr Geschäft zu diversifizieren. Die Reifenindustrie zum Beispiel lernt anhand von Daten, wie die Menschen heutzutage Auto fahren und wie sich die Reifen auf ihre Fahrweise auswirken. Das ist sehr wertvolles geistiges Eigentum, das sich nicht schützen oder patentieren lässt.

In manchen Fällen müssen Daten also wirklich als geistiges Eigentum gesehen werden und man muss entweder die Eigentumsrechte oder den Zugang schützen. In anderen Fällen dienen Daten eher dazu, die Informationen über das Kundenverhalten zu skalieren. Hier geht es also nicht um die Daten selbst, sondern um den angewandten Algorithmus, der ihnen einen Sinn verleiht. In solchen Fällen können durch den freien Datenzugang Geschäftsaktivitäten und neue Apps gefördert werden.

Wer sollte darüber entscheiden, welche Daten geschützt und welche geteilt werden?

In Europa besteht die Herausforderung darin, sich zu entscheiden, ob man erst Geschäftsmodelle entstehen lässt und dann die Regulierung anpasst oder anders herum. Viele fürchten, dass die Regulierung an erster Stelle stehen könnte, denn europaweit tendiert man manchmal dazu, von vornherein eine Beschützer-Haltung einzunehmen. Das ist jedoch problematisch. Ein solcher Ansatz schränkt nämlich neue Geschäftsmodelle ein und das hemmt wiederum Innovationen.

Im Idealfall sollte man Geschäftsmodelle ausprobieren können und sie erst regulieren, sobald man sich ein Bild von ihnen gemacht hat. Daten in privatem Besitz sollten nur frei zugänglich gemacht werden, wenn ihre Weitergabe dem Gemeinwohl dient. Ansonsten gilt es, die Eigentumsrechte zu wahren. Hier gibt es Modelle, in denen andere Wirtschaftsakteure die Daten gegen ein bestimmtes Entgelt nutzen dürfen.

Wie viele Investitionen sind notwendig, um die europäische Wirtschaft zu digitalisieren?

Hierzu haben wir noch keine Schätzungen durchgeführt. Wir haben jedoch erklärt, wie man zehn Euro am besten zwischen Technologien, den Kompetenzen der Arbeitnehmer und den sogenannten Beschleunigern aufteilt. Jedes Land hat da sein eigenes Modell. Im an Technologie orientierten Großbritannien setzt man vor allem auf die Menschen – in Italien hingegen eher auf die Beschleuniger, einschließlich Regulierung. Dort fließen Gelder in Technologien, weil diese im europäischen Vergleich unterfinanziert sind.

Humankapital ist der Schlüssel für den digitalen Wandel. Häufig scheint dieses Thema in der Debatte jedoch nur zweitrangig zu sein. Warum?

In Oettingers Rede war Humankapital ein sehr präsentes Thema. Er hat betont, wie wichtig es sei, Fähigkeiten aufzubauen und neue Talente zu entdecken. Letzteres bereitet vielen Unternehmen zurzeit große Schwierigkeiten, weil sie für die „Digital Natives“ oder die Milleniums-Generation nicht attraktiv genug sind. Außerdem müssen sich Firmen mit der Digitalisierung ihrer Arbeitnehmerschaft auseinandersetzen. Auch das ist oftmals eine große Herausforderung.

Der digitale Wandel erforderte vielleicht eine neue Art von Leadership. Glauben Sie, dass die derzeitigen Spitzenpolitiker Europas bereit sind, bei diesem radikalen Wandel vorauszugehen?

Es geht in der Tat um Leadership, denn die Vorstandsvorsitzenden müssen diesen Wandel annehmen. Das gleiche gilt für Politiker – auch auf EU-Ebene. Oettinger leistet großartige Arbeit, ebenso wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der deutschen Strategie „Industrie 4.0“. In Frankreich setzt sich der Wirtschaftsminister Emmanuel Macron für den Fortschritt ein, in Großbritannien wird viel in diesem Bereich getan und auch Italiens Premierminister Matteo Renzi macht sich stark. Die neue Generation der europäischen Spitzenpolitiker nimmt diesen digitalen Wandel also an. Ihnen ist bewusst geworden, dass man so am besten Arbeitsplätze schaffen kann – zum Beispiel durch KMUs oder Neugründungen.

Sie haben Deutschlands Industrie 4.0 erwähnt. Ist denn auch Europa gut auf die vierte industrielle Revolution vorbereitet?

Wenn Europa auch weiterhin in vielen Bereichen führend bleiben soll, muss man die Vernetzung der einzelnen Staaten aufrecht erhalten, indem man die Breitbandverbindungen verbessert und in die nächste Generation des mobilen Internets investiert. Außerdem sollte man die Digitalisierung in bestimmten Bereichen beschleunigen: zum Beispiel bei den Versorgungsunternehmen, in der Luft- und Raumfahrt, in der Verteidigung, beim Einzelhandel oder in der Hightech-Branche.

Europas Ausgangslage für diesen Wandel ist gar nicht so schlecht. Wir haben kluge Köpfe; der Zugang zu den Finanzen ist nicht allzu schwer und auch der digitale Binnenmarkt ist von Vorteil. Wenn die führenden Politiker den digitalen Wandel wirklich annehmen, wird das den Prozess noch beschleunigen. Darüber hinaus hat Europa ein unglaubliches unternehmerisches Potenzial.

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