Diabetes in Europa: „Die Krankheit des armen Mannes“

Jeder vierte Europäer stirbt an Komplikationen, die mit Diabetes zusammenhängen. Foto: Bradley Johnson (CC BY-NC-ND 2.0)

Diabetes breitet sich in Europa aus. Die Ärzte bezeichnen die Krankheit dennoch immer noch als „die stille Krankheit“, weil sie keine Aufmerksamkeit bekommt, sagt Arne Björnberg.

Arne Björnberg ist der Vorsitzende und der Leiter des operativen Geschäfts bei Health Consumer Powerhouse, einer Organisation, die Europas Gesundheitssysteme miteinander vergleicht. Kürzlich veröffentlichte sie den Euro Diabetes Index für das Jahr 2014. Darin wird der Umgang der europäischen Länder mit der Krankheit bewertet und daraufhin ein Ranking erstellt.

EURACTIV.com: Nach der Bekanntgabe der Ergebnisse ihres Euro Diabetes Indexes für 2014 unterteilten sie Europa in ein grünes Nord- und Westeuropa, einen gelben Mittelmeerraum und ein rotes Osteuropa. Gehen Nord- und Westeuropäer besser mit Diabetes um, weil sie im Vergleich mit Osteuropa länger eine amerikanische, ungesunde Lebensweise hatten?

Arne Björnberg: Es ist so, dass Diabetes die Krankheit des armen Mannes geworden ist. Die Diabetes-Verbreitung ist in ärmeren Ländern größer als in reicheren Ländern. Auch der Lebensstil … Osteuropa hat mehr Wodkatrinker, eine Flasche am Samstag anstatt einem Glas Wein pro Tag in den Mittelmeerländern. Also haben beide ein wirtschaftliches Problem und ein Problem mit der Lebensweise. 

Sie sagen, die Wirtschaftskrise hätte in Ländern wie Griechenland keine Auswirkungen auf die Diabetesversorgung gehabt. Warum?

Die Gesundheitssysteme haben sich in ganz Europa verbessert. Jeder, der jemals versucht hat, Ärzte zu verwalten, weiß, dass das ein schwieriges Unterfangen ist. Insbesondere, wenn die Ergebnisse gemessen, veröffentlicht und mit anderen Ärzten verglichen werden. Parameter wie die Kindessterblichkeit und Krebsüberlebende verbessern sich weiterhin. Ich denke, wir können dankbarerweise zu der Tatsache beitragen, dass sie so schwierig zu managen sind, wie sie eben sind. Es ist schwierig, sie zu etwas zu bewegen, was sie nicht machen möchten, aber sie sind sehr gut darin, das weiterhin zu tun, was sie ihrer Meinung nach machen sollten. 

Sie sagten, Diabetes sei die Krankheit des armen Mannes. Normalerweise beeinträchtigt sie ältere Menschen. Diabetes kann auch jüngere Arbeitnehmer betreffen. Können Sie erklären, welche die für Diabetes anfälligen Gruppen sind? Sollte man mehr auf ihre Gesundheit achten?

Es gibt keine bestimmten anfälligen Gruppen. Das Einzige, was man machen kann, ist auf seine eigene Lebensweise zu achten, mit einigen sehr grundlegenden Parametern wie mehr Bewegung, mehr Gemüse, nicht rauchen und moderater Alkoholkonsum. Ich persönlich denke, dass man auch den Zucker wegwerfen kann.  

Wenn Diabetes die Arbeitnehmer trifft, warum sind die EU-Politiker dann nicht besorgter?

Diabetes hat nicht die Aufmerksamkeit, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs haben, woran Menschen akut sterben. Diabetes ist eine stillere Krankheit. Sie trifft sehr viele Menschen, aber sie ist sehr undramatisch. Wenn ein Diabetespatient nicht optimal behandelt wird, hat das für einige Jahre keine drastischen Konsequenzen. 

Die Menschen sterben nicht an Diabetes, könnten aber sehr unter den mit Diabetes verbundenen Komplikationen, zum Beispiel Amputationen, leiden. Sollten sich die Gesundheitsbehörden darauf konzentrieren? 

Amputationen kommen in ganz Europa lange nicht mehr so häufig vor. Nehmen Sie Malta, wo Diabetes sehr verbreitet war, vor 20 Jahren gab es dort eine Amputationsrate von 1.400 pro 100.000 [Diabeteskranken]. Sie liegt jetzt bei 300, was immer noch nicht gut ist, aber 1.400 waren absolut inakzeptabel. Also hat sich die Diabetesversorgung in den letzten 20 Jahren sogar in den ärmeren Ländern drastisch verbessert. Aber es gibt noch viel zu tun. Die Probleme mit der Lebensweise erklären wahrscheinlich, warum sich die Diabetesinzidenz erhöht. Davon abgesehen: Die Zahl der Diabetestoten fällt.

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