Spekulationen über den nächsten Präsidenten des EU-Parlaments [DE]

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Jerzy Buzek, ehemaliger polnischer Premierminister und nun Europaabgeordneter, bestätigte sein Interesse an dem Vorsitz des nächsten Parlaments, das aus den Europawahlen 2009 hervorgehen wird. Er wies jedoch Berichte zurück, dass eine geheime Abmachung existiere, nach der ihm der angesehene Posten bereits zugesichert wurde.

Gegenüber EURACTIV sagte Buzek, die Berichte der deutschen Tageszeitung Handelsblatt vom 21. April 2008 „seien keinesfalls wahr”. In diesen hieß es, dass die Vorsitzenden der beiden stärksten politischen Gruppierungen im Parlament – die Mitte-Rechts-Fraktion EVP-ED und die sozialdemokratische Fraktion – eine Vereinbarung getroffen hätten, nach der Buzek nach den Europawahlen der Nachfolger des amtierenden Hans-Gert Pöttering sein werde.

„Diese Diskussion findet 14 Monate zu früh statt. Es kann vor den Wahlen im kommenden Jahr keine Vereinbarung geben“, erklärte Buzek. Es habe bisher zwischen den politischen Fraktionen keine Gespräche über dieses Thema gegeben.

Es verwarf jedoch nicht die Möglichkeit, für den Job – „aus mehreren hochqualifizierten Kandidaten – ausgewählt werden zu können. Buzek gestand, er fühle sich geehrt, für diese hochrangige Position in Erwägung gezogen zu werden.

Eine Vereinbarung zur Verteilung der Kräfte 

Der Parlamentschef geht traditionellerweise aus der politischen Fraktion hervor, welche die meisten Stimmen während der Europawahl gewinnt. Um das Kräfteverhältnis gleichmäßig zu verteilen, wird der Posten jedoch gewöhnlich nacheinander von einem Kandidaten der EVP-ED und der Sozialdemokraten besetzt, wobei der Wechsel nach der Hälfte der fünfjährigen Amtszeit stattfindet. 

Das letzte Mal kam dies im Januar 2007 vor, als der deutsche konservative Hans-Gert Pöttering den spanischen sozialdemokratischen Josep Borrell Fontelles ablöste. Die Vereinbarung wurde getroffen, da keine der beiden großen Fraktionen die absolute Mehrheit an Europaabgeordneten (345 Abgeordnete) hatte, die notwendig ist, um einen Kandidaten aus ihren Reihen zu wählen.

Die Vereinbarung wurde von der ALDE-Fraktion, der drittgrößten im Parlament, kritisiert. Liberale und Demokraten lehnten am Anfang dieses Mandats die Vereinbarung zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten als ‚unnatürlich’ ab, so Graham Watson, ein Sprecher der ALDE. Er fügte hinzu, dass das Jahr 2007 – in dem das 50jährige Jubiläum der Unterzeichnung des Vertrages von Rom stattfand – ein unpassendes Jahr gewesen sei, um den Reformprozess ernsthaft zu beginnen.

Ein Präsident aus einem der ‚neuen’ Mitgliedstaaten?

Sich auf den nächsten Parlamentspräsidenten beziehend äußerte Buzek seine Hoffnungen, dass der Posten an einen Europaabgeordneten aus einem der neuen EU-Mitgliedstaaten gehen werde und plädierte damit für sein Heimatland Polen. Er fügte jedoch hinzu, schlussendlich „geht es nicht um Nationalität oder politische Gesinnung, sondern schlichtweg um persönliche Qualifikationen“.

Laut des Handelsblattes habe Buzek – eine angesehene Persönlichkeit – die Unterstützung des deutschen Martin Schulz, dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten im Europaparlament, erhalten. Schulz wird selbst als möglicher Kandidat für den Posten gehandelt und hat nie sein Interesse verheimlicht.

Im Gegenzug für diese Unterstützung könnte Schulz darauf hoffen, Buzek in der zweiten Hälfte der Amtszeit abzulösen, so die Tageszeitung, da es relativ unwahrscheinlich sei, dass ein weiterer Deutscher als Nachfolger von Pöttering akzeptiert würde.

Schulz’ Büro wies zurück, dass ein derartiger Deal existiere und erklärte, es würden erst nach den Wahlen Gespräche aufgenommen werden. „Frühzeitigere Vereinbarungen widersprechen der demokratischen Tradition des Europäischen Parlaments“, sagte Schulz’ Sprecher gegenüber EURACTIV.

Ein Vertreter des Parlaments nannte diese Spekulationen über den Parlamentspräsidenten „voreilig“ und fügte hinzu, alles hänge von der Ausgewogenheit des Kräfteverhältnisses und von den Umständen im kommenden Jahr ab.

Der Bericht über eine Vereinbarung im Vorfeld der Wahlen beunruhigte jedoch die kleineren Parteien; sie fürchten, sie könnten erneut außen vor bleiben. „Wenn sich diese Meldung tatsächlich als wahr erweist, würde dies ein sehr merkwürdiges Verständnis von Politik aufdecken“, sagte der deutsche grüne Europaabgeordnete Cem Özdemir EURACTIV gegenüber.

Man habe keinerlei Probleme, weder mit Buzek, noch mit Schulz, im Gegenteil, man respektiere beide sehr, sagte der deutsche grüne Europaabgeordnete Cem Özdemir. Was ihn beunruhige, sei das mangelhafte demokratische Verhalten, das durch solche Abkommen zu Tage trete. Er brachte auch seine Zustimmung für eine Persönlichkeit aus den neuen Mitgliedstaaten für einen der führenden Posten der EU zum Ausdruck.

Obwohl er Buzek und Schulz schätze, betonte Özdemir, dass auch andere Länder kompetente Kandidaten hätten. Er gab jedoch zu, dass es sehr unwahrscheinlich sei, dass letztendlich ein Kandidat einer kleineren Fraktion gewählt würde.

Die ALDE-Fraktion im Parlament stand den Absprachen zwischen den beiden größten Gruppen im Parlament lange ablehnend gegenüber. Ihr Vorsitzender, Graham Watson, der sein Interesse an der Position offen geäußert hatte, sagte EURACTIV gegenüber, dass „es eine politische Ausgewogenheit zwischen Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberalen” geben sollte (EURACTIV vom 17. April 2008).

„Die Partei, welche die Europawahlen gewinnen wird, wird zumindest den Posten des Kommissionspräsidenten sowie möglicherweise einen weiteren Posten für sich beanspruchen wollen. Es ist nicht außerhalb des Einflussvermögens der führenden Politiker, eine Lösung zu finden, die den Interessen der Europäischen Union förderlich ist. In anderen Worten, eine Lösung, die sicherstellt, dass kompetente Personen die höchsten Positionen bekleiden, die aber auch die politische Ausgewogenheit berücksichtigt“, so Watson.

Der Präsident des Europäischen Parlaments wird eine der vier wichtigsten Positionen der EU innehaben, die 2009 nach den Europawahlen im Juni selbigen Jahres zu vergeben sein werden. Die weiteren Posten sind der des neu geschaffenen EU-Präsidenten, des Präsidenten der Europäischen Kommission und des Hohen Vertreters für Außen- und Sicherheitspolitik.

Die Entscheidung wird vermutlich im Rahmen einer „Gesamtvereinbarung“ der 27 EU-Länder getroffen werden, die auch die anderen drei Posten umfassen wird.

Neben seinen Qualifikationen werden die Staats- und Regierungschefs der EU die Nationalität und politische Haltung des Kandidaten in Betracht ziehen müssen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Kräfteverhältnis im Parlament nach den nächsten Wahlen im Juni 2009 verteilen wird.

  • 1. Januar 2009: Der Lissabon-Vertrag soll in Kraft treten, vorausgesetzt, dass ihn alle 27 EU-Mitgliedstaaten ratifizieren.
  • Juni 2009: Europawahlen.

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