Lissabon-Vertrag: Europaabgeordnete nehmen irischen Außenminister in die Mangel [DE]

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Der irische Außenminister Micheál Martin stand gestern (6. Oktober 2008) in der Schusslinie des Ausschusses für konstitutionelle Fragen im Europäischen Parlament (AFCO). Dieser drängte ihn dazu, eine konkrete Lösung des „irischen Problems“ zu skizzieren. 

Martin gab dem Druck allerdings nicht nach und behauptete, dass es kontraproduktiv sei, zu schnelle Entscheidungen zu treffen. Immerhin liege das irische Referendum mit negativem Ausgang gerade erst vier Monate zurück. 

Stattdessen sagte er, die irische Regierung befürworte einen schrittweisen Ansatz und wolle sich mit ihren europäischen Partner einigen. 

Lissabon oder Nizza?

Jüngste Berichte in den irischen Medien haben angedeutet, dass ein zweites Referendum noch vor den Europawahlen im nächsten Jahr unwahrscheinlich ist. Das beschwört eine möglicherweise heikle politische Situation herauf, in der die Wahlen auf der Grundlage des Vertrags von Nizza stattfinden werden. Das bedeutet, dass lediglich 736 Europaabgeordnete statt wie im Lissabon-Vertrag vorgesehen 751 Europaabgeordnete gewählt werden.

Die Europaabgeordneten, die den Lissabon-Vertrag befürworten, zeigten sich betroffen, einige unter ihnen forderten eine irische Ratifizierung des Vertrags vor nächstem Juni. Der deutsche Europaabgeordnete und AFCO-Vorsitzende Jo Leinen sagte, man bemühe sich sehr darum, dass alle 27 Mitgliedstaaten den Lissabon-Vertrag noch vor den nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament ratifizieren. Er merkte auch an, dass 24 Mitgliedstaaten den Vertrag bereits ratifiziert hätten, wobei die beiden ausstehenden Länder, Schweden und die Tschechische Republik, wahrscheinlich bald folgen würden.

Obwohl er vom ALDE-Europaabgeordneten Andrew Duff direkt herausgefordert wurde, verwehrte sich Martin dagegen, darüber zu spekulieren, wann oder ob ein zweites Referendum abgehalten werden könne. 

Nichtsdestotrotz bestätigte er, dass die irische Regierung das Thema Nizza/Lissabon beim EU-Gipfel nächste Woche klären wolle. Das würde nicht nur die Grundlage für die Wahlen im nächsten Jahr klären, sondern auch darüber Aufschluss geben, aus wie vielen Kommissaren die nächste Kommission bestehen wird. Im Nizza-Vertrag ist tatsächlich eine Reduktion der Anzahl der Kommissare auf unter 27 für das nächste Jahr vorgesehen, der Lissabon-Vertrag schreibt die Reduktion der Anzahl der Kommissare auf 15 ab 2014 vor (siehe EURACTIV vom 19. Juni 2008). 

Eine Reihe von besorgten Europaabgeordneten betonten erneut, dass die EU den Lissabon-Vertrag dringend brauche, um eine zunehmende Zahl von globalen Problemen wie die aktuelle Finanzkrise angehen zu können. Einige verglichen Irlands abwartenden Ansatz mit „Warten auf Godot“, dem berühmten Theaterstück von Samuel Beckett, bei dem zwei Personen auf jemanden warten, der den Namen Godot trägt aber niemals erscheint. Der rumänische Europaabgeordnete Adrian Severin reagierte jedoch schnell und sagte, man könne nicht auf Godot warten, denn der komme niemals. 

Martin betonte allerdings, dass ein endgültiger Vorschlag, um das negative Votum in Irland anzugehen, beim Gipfel im Dezember vorgelegt würde. 

Der irische Außenminister Micheál Martin sagte, dass er die Sorgen der Gemeinschaft um die Fortschritte beim Lissabon-Vertrag voll verstehe. Außerdem sei sich Irland der Erwartungen seiner Partner überaus bewusst.

Die Europaabgeordneten Inigo Mendez de Vigo (EVP) und Richard Corbett (SPE) sagten, die EU müsse eng mit der irischen Regierung zusammenarbeiten, um eine Lösung zu finden. Es sei kein irisches sonder ein europäisches Problem, sagte Mendez de Vigo.

Die Europaabgeordneten Jean Luc Dehaene (EVP)Enrique Baron Crespo (SPE)Andrew Duff (ALDE) und Johannes Voggenhuber (GRÜNE/EFA) befragten Martin zur vermeintlichen Nutzung von US-amerikanischen Geldern zur Finanzierung der „Nein“-Kampagne. Das war in vielen Presseberichten zu lesen gewesen. Andrew Duff fragte, ob die irische Regierung sich darauf verpflichten würde, die irischen Gesetze über die Finanzierung von Referendumskampagnen zu überarbeiten, um eine Wiederholung dieser Situation im Falle eines zweiten Referendums zu vermeiden. 

Nach der irischen Ablehnung des Lissabon-Vertrags im Juni 2008 hat die irische Regierung einen parlamentarischen Ausschuss eingesetzt, um eine nationale Debatte über die Ergebnisse des Referendums und ihre Konsequenzen für Irland und die EU zu diskutieren.

Er wird seine Arbeit vor Ende November beenden, damit Irland dem Europäischen Rat bei seinem Treffen im Dezember Bericht erstatten kann.

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