EU-Beamte zuversichtlich im Vorfeld des Vertragsgipfels [DE]

Die portugiesische Ratspräsidentschaft und die Kommission haben im Vorfeld eines entscheidenden Gipfels in Lissabon kommende Woche ihrer Zuversicht darüber Ausdruck verliehen, dass eine Einigung zum endgültigen Text des Reformvertrags gefunden werden wird. Gestern, am 10. Oktober 2007, unterrichteten sie die Europaabgeordneten über die aktuellsten Entwicklungen, wobei Polen das letzte Hindernis darstellt.

Manuel Lobo Antunes, Portugals für europäische Angelegenheiten zuständiger Minister, und die Vize-Präsidentin der Kommission, Margot Wallström, haben am 10. Oktober 2007 im Parlament den Stand der Vorbereitungen zum neuen EU-Vertrag dargelegt.

Nur wenige Tage vor dem Gipfel in Lissabon am 18. und 19. Oktober bleibt Polen das letzte mögliche Hindernis.

Die Forderungen Polens konzentrieren sich auf den Einschluss einer Klausel – der so genannte Kompromiss von Ioannina – in den neuen EU-Vertragstext. Diese Klausel ist ein komplexes System, das es ermöglicht, wichtige Entscheidungen im Rat aufzuschieben, auch wenn keine Sperrminorität unter den EU-Ministern existiert.

Präsident Lech Kaczynski hatte Anfang der Woche seinen europäischen Partnern versichert, dass die Chancen, in Lissabon eine Einigung zu erzielen, bei ‚95 bis 98%’ lägen (EURACTIV vom 9. Oktober 2007).

Sein Zwillingsbruder, der Premierminister Jaroslav Kaczynski, hat sich jedoch nur einen Tag später entschieden, eine harte Haltung einzunehmen. Dem polnischen Radio sagte er am 9. Oktober, man wolle, dass der Kompromiss von Ioannina Gesetzeskraft erhalte. Es gebe viele Möglichkeiten, wie dies geschehen könne. Ein Protokoll beispielsweise wäre für Polen vollkommen zufrieden stellend, so Jaroslav Kaczynski.

Die Polen fordern, dass der Kompromiss von Ioannina in die Protokolle des Vertrags eingeschlossen wird, anstatt nur in einer separaten „Erklärung“ Erwähnung zu finden. Dies würde den rechtlichen Status des Kompromisses aufwerten.

Während einer Debatte im Parlament äußerten die meisten Europaabgeordneten ihre Unterstützung der portugiesischen Ratspräsidentschaft, eine Einigung in Lissabon zu erzielen. Sie forderten verstärkte Zusammenarbeit, damit die Ratifizierung des EU-Vertrags zügig von statten gehen könne.

Sie kritisierten jedoch auch bestimmte Defizite im Text, besonders hinsichtlich EU-Bürgerschaft, der britischen Ausschlussmöglichkeit zur Grundrechtecharta und Bestimmungen zu Privatsphäre und Datenschutz persönlicher Angaben.

Der portugiesische Europaminister, Manuel Lobo Antunes, sagte, dass die Ergebnisse des Verhandlungsprozesses bisher positiver Art seien, trotz dessen stark politischer Sensibilität. Er räumte jedoch ein, dass es kein Geheimnis sei, dass es einen Mitgliedstaat gebe, der gewisse Fragen diskutieren wolle – eine eindeutige Anspielung auf Polens Forderung, den Kompromiss von Ioannina in den Vertragstext aufzunehmen. Antunes fügte hinzu, die Ratspräsidentschaft werde mit allen Kräften unterstützen, dass eine ausgewogene Lösung gefunden werde, die alle Parteien zufrieden stelle und niemanden benachteilige.

Die Vize-Präsidentin der Kommission, Margot Wallström, äußerte ihre Hoffnungen, dass der informelle Gipfel in Lissabon nicht nur eine Einigung zum Reformvertrag erzielen werde, sondern weiterhin eine Vertiefung der Debatte darüber, wie die EU auf die Globalisierung reagieren sollte, ermöglichen werde. Wallström betonte, es handele sich um ein wichtiges Treffen zu einer wichtigen Zeit. Sie fügte hinzu, man wolle zeigen, dass die EU nach vorn schaue, um sich den Herausforderungen von Morgen zu stellen, indem die richtigen Instrumente eingeführt werden würden.

Elmar Brok, der Vertreter des Parlaments bei der Regierungskonferenz und Mitglied der EVP-ED, sagte, die Chancen eines erfolgreichen Reformvertrags stünden gut. Er fügte hinzu, dass durch den neuen Vertrag die demokratische Kluft innerhalb der EU nun geschlossen worden sei. Nichtsdestotrotz betonte er, dass man sich noch immer bemühen müsse, um die Regelungen zum Datenschutz zu klären. Er unterstrich, das Parlament werde ein Mitspracherecht bei der Ernennung des zukünftigen Hohen Vertreters für Außenpolitik der EU einfordern.

Laut des sozialdemokratischen Europaabgeordneten Enrique Baron Crespo ziehe das Parlament in Betracht, dass die rechtlich verbindliche Grundrechtecharta die „sine qua non condition“ sein werde, um die Unterstützung der Europaabgeordneten zu erhalten. Er warnte weiterhin vor der Einführung neuer Systeme für Einstimmigkeitsentscheidungen, und verglich den Kompromiss von Ioannina mit einer ‚Atombombe’: er sei nützlich, wenn er nicht genutzt werde.

Der liberale Europaabgeordnete Andrew Duff sagte, er erwarte eine politische Einigung während des Gipfels, äußerte jedoch Zweifel an dessen Qualität. Er warnte vor einem Europa der ‚Selbstbedienung’, wo jeder auswählen und seine ‚Opt-outs’ wählen könne.

Rechtsexperten der 27 Mitgliedstaaten haben die Übertragung ihres Mandats, auf das sich die EU-Staats- und Regierungschefs während des Gipfels im Juni 2007 geeinigt hatten, auf einen neuen Vertragsentwurf Anfang Oktober abgeschlossen (EURACTIV vom 3. Oktober 2007).

Rechtliche Probleme wurden bereinigt; somit sind die einzig übrig bleibenden Unsicherheiten politischer Natur, da sich Polen auf vorgezogene Neuwahlen am 21. Oktober 2007 vorbereitet – nur wenige Tage nachdem sich die Staats- und Regierungschefs der EU während eines informellen Gipfels am 18. und 19. Oktober in Lissabon auf einen Text geeinigt haben müssen.

  • 15. und 16. Oktober 2007: Die EU-Mitgliedstaaten sollen während eines Treffens der Außenminister in Luxemburg eine politische Einigung über den endgültigen Vertragstext ausloten.
  • 18. und 19. Oktober 2007: Die Staats- und Regierungschefs sollen dem endgültigen Text des neuen EU-Vertrags während eines informellen Gipfels zustimmen.
  • 21. Oktober 2007: Polen hält vorgezogene Parlamentswahlen ab.

Abonnieren Sie unsere Newsletter

Abonnieren