Kommission will Sicherheitssysteme für Fahrzeuge verpflichtend machen [DE]

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Ein Verordnungsentwurf, den die Kommission am 23. Mai 2008 vorlegen will, hat das Ziel, den Einbau fortgeschrittener Sicherheitssysteme in alle Straßenfahrzeuge verpflichtend zu machen. Damit soll die Zahl tödlicher Unfälle im Straßenverkehr in Europa gesenkt werden. Dies geht aus einem frühen Entwurf des Textes hervor, in die EURACTIV Einsicht hatte.  

Laut des Entwurfs wird die Ausstattung mit dem elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP), das ein Antiblockiersystem beinhaltet, ab 29. Oktober 2012 für alle Fahrzeuge verpflichtend sein.

Die Kommission ist der Meinung, dass Schleudern die Hauptursache von mindestens 40% der tödlichen Straßenunfälle ist. Das bedeutet, dass die ESP-Technologie jährlich 4 000 Menschenleben retten und 100 000 schwere Unfälle verhindern könnte. Bisher ist ESP jedoch nur in etwa 45% aller neuen Fahrzeuge zu finden. Dies variiert jedoch von Markt zu Markt, da Hersteller unterschiedliche Produktionsstrategien verfolgen und verschiedenartige Unterstützung von Behörden erhalten.

Gemäß den neuen Regeln müssten schwere Nutzfahrzeuge ab 29. Oktober 2013 mit einem elektronischen Bremsassistenten und einem Spurhalteassistent ausgestattet werden. Die Verordnung setzt weiterhin Bestimmungen für den freiwilligen Einbau solcher Systeme für andere Fahrzeugkategorien fest.

Reifendruckkontrollsysteme wären ebenfalls ab 29. Oktober 2012 in allen Personenkraftwagen verpflichtend. Mit dieser Maßnahme sollen die Sicherheit und die Umweltverträglichkeit der Fahrzeuge verbessert werden.

Der Vorschlag führt auch striktere Geräuschgrenzwerte für Abrollgeräusche von Reifen und neue Bestimmungen für die Haftung auf nasser Straße und Rollwiderstand ein – was auch zur Reduzierung der durch zu geringen Reifendruck verursachten CO2-Emissionen eines Fahrzeuges beitragen könnte.

Die Mitgliedstaaten werden aufgefordert, Regeln für effektive, angemessene und abschreckenden Strafen auszuarbeiten, die für Hersteller gelten sollten, die gegen diese Vorschriften verstoßen, um somit sicherzustellen, dass sie tatsächlich umgesetzt werden.

Die Initiative beabsichtigt, den gesamten Rechtsrahmen zu vereinfachen, der gegenwärtig für Fahrzeugsicherheit und Anforderungen für Reifen in Kraft ist. Sie wird praktisch etwa 50 der derzeit geltenden Richtlinien und ca. 100 Änderungstexte aufheben.

Die FIA Foundation (gegründet von der Fédération Internationale de l’Automobile) glaubt, dass die Vorschläge der EU helfen werden, „verlorenen Boden wiederzugewinnen“ und tausende tödlicher Unfälle und Verletzungen im Straßenverkehr zu verhindern.

Dies seien sehr gute Neuigkeiten in Europa, da man hinsichtlich der Nutzung des elektronischen Stabilitätsprogramms – das wichtigste Instrument zur Autosicherheit seit dem Sicherheitsgurt – hinter den USA zurückgeblieben sei, so das Unternehmen in einer Stellungnahme vom 21. Mai 2008.

Ohne Regelungen, die eine Ausstattung mit dem elektronischen Stabilitätsprogramm verpflichtend machten, würden nur 77% der neuen Autos bis 2012 mit dieser Technologie ausgerüstet sein, so die Stiftung.

Der Verband europäischer Automobilhersteller (ACEA) glaubt, das größte Hindernis für einen verbreiteteren Einsatz von ESP in Europa sei das fehlende Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Vorteile dieser Technologie. Der Generalsekretär von ACEA Ivan Hodac, erklärte, dass die europäischen Hersteller ihre Fahrzeuge zunehmend mit Sicherheitselementen ausstatteten, sowohl als Standard- als auch als Sonderausstattung. Leider sei die Zahl derer, die Sicherheitsausstattungen wählten, immer noch enttäuschend gering. In vielen Fällen zögen die Verbraucher Komfort- und Unterhaltungsfunktionen vor.

Auch die European Tyre & Rubber Manufacturers’ Association (ETRMA) begrüßte diese Initiative und sagte, ein korrekter Reifendruck sei überaus wichtig für die sicherheitstechnische und ökologische Leistung von Fahrzeugen. Dennoch, stellt der Verband fest, würden gegenwärtig 65% der Autofahrer mit zu geringem Reifendruck fahren. Bei 40% weise mindestens ein Reifen einen sehr geringen Reifendruck auf. 12% der Autos liefen Gefahr, eine Reifenpanne zu erleiden. 

Die Umwelt-NGO Verkehr und Umwelt (Transport and Environment, T&E) ist der Ansicht, die Vorschläge der Kommission seien nicht weitreichend genug, wenn sie tatsächlich das Ziel erreichen wollten, die Zahl der Verkehrstoten bis 2010 zu halbieren.

Die zentrale Kritik der Organisation bezog sich darauf, dass die neuen Standards für Geräuschgrenzwerte und Energieeffizienz von Reifen, die in dem Vorschlag festgelegt werden, „nicht ehrgeizig“ seien und einen „Freischein“ für Europas lauteste und am meisten Benzin fressende Geländewagen darstellten.

Dies, so die Organisation, seien insbesondere schlechte Nachrichten, da neue Forschungsergebnisse des deutschen Umweltbundesamtes (UBA) gezeigt hätten, dass Verkehrslärm nachweislich für mehr Verkehrstote verantwortlich sei als Autounfälle – indem sie tödliche Herzanfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorriefen.

Die Hälfte der Europäer sei im Verkehr regelmäßig Geräuschpegeln ausgesetzt, die möglicherweise gesundheitsschädigend seien, betonte T&E in einer Stellungnahme vom 21. Mai 2008. Die neuen Vorschläge gingen nicht weit genug, um eine Veschlechterung dieses Problems zu verhindern; zudem sei vollkommen unverständlich, dass Europas lautesten Fahrzeugen Zugeständnisse gemacht würden. 

Der Verband forderte strengere Standards, die zu „Innovation anregen“: Wenn der durchschnittliche Reifen, der in Europa verkauft werde, auf dem neusten Stand der Technik wäre, würde dies eine Senkung der gesamten CO2-Emissionen von Autos um mindestens fünf Prozent bedeuten.

Technisch hochentwickelte Autos wurden im Februar 2006 zu einer der Prioritäten der EU-Verkehrspolitik erklärt. Damals wurde klar, dass die Mehrheit der Mitgliedstaaten weit hinter ihrem Ziel für die Sicherheit im Straßenverkehr zurücklag, nach dem die Zahl der jährlichen Todesfälle im Straßenverkehr bis 2010 auf 25 000 reduziert werden sollte (EURACTIV vom 22. Februar 2006).

Gleichzeitig legte die Kommission die Initiative ‚Intelligentes Fahrzeug’ vor – als Teil einer breiter angelegten Strategie ‚Europäische Informationsgesellschaft 2010’. Letztere zielt darauf ab, Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu fördern, um in Europa mehr Arbeitsplätze zu schaffen und das Wachstum zu stärken

Das Ziel des Projektes war, IKT-Lösungen für verkehrsspezifische Probleme, wie Todesfälle und Verletzungen, zu entwickeln, die durch Unfälle verursacht werden,  Risiken für Gesundheit und Umwelt, die von giftigen Fahrzeugabgasen ausgehen, und andere wirtschaftliche Kosten, die mit Überlastung und Energieabfall im Zusammenhang stehen.

Eine zweite Mitteilung zum ‚Intelligenten Fahrzeug’ legte die Kommission im September 2007 vor. Sie beinhaltete die Integration der jüngsten technologischen und politischen Entwicklungen.

  • 23. Mai 2008: Die Europäische Kommission soll ihren Vorschlag für eine Verordnung zur Sicherheit von Kraftfahrzeugen und Reifenstandards vorlegen.

  • Der Vorschlag muss nach dem Mitentscheidungsverfahren zwischen dem Rat und dem Parlament angenommen werden – ein Prozess, der sich gewöhnlich über ca. zwei Jahre erstreckt.

  • Technische Bestimmungen, die für die Umsetzung notwendig sind, werden von nationalen Experten in spezialisierten Ausschüssen, dem Ausschussverfahren, entsprechend angenommen. 

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