Elektronische Patientenakten [DE]

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In Datenbanken gespeicherte Krankenakten von Patienten könnten die Effizienz der Gesundheitsmärkte in der EU stärken; sie stellen jedoch gleichzeitig große Herausforderungen hinsichtlich der Interoperabilität und Sicherung der Privatsphäre des Patienten dar.

Hintergrund

Elektronische Patientenakten (EPA) sind Unterlagen, die in elektronischer Form gespeichert werden. Sie beinhalten Informationen über den Gesundheitszustand eines Patienten und darüber, wie sich dieser über einen bestimmten Zeitraum entwickelt. Die wichtigste Quelle sind elektronische Gesundheitsdaten: die offiziellen Daten, die in Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen im Laufe einer medizinischen Behandlung oder während Pflegetätigkeiten gesammelt wurden.

EPA können Informationen über die Patientendemographie (Name, Alter, Geschlecht, Blutwerte etc.), Behandlungsverlauf, Probleme, Verabreichung von Medikamenten, Vitalzeichen, medizinische Vergangenheit, Impfungen, Labordaten und Röntgenergebnisse enthalten.

Für Ärzte, Krankenhausbetreiber, medizinisches Personal oder Betreuer besteht der Verteil der elektronischen Patientenakten in der Möglichkeit, dass sie durch diese ihre Arbeit besser strukturieren, automatisieren und verbessern können. Diese Akten können vollständig den Kontakt mit Krankenhauspatienten festhalten und weitere pflegebedingte Maßnahmen unterstützen.

Probleme

Patientenmobilität

Die Patienten in Europa werden zunehmend mobiler. Daher könnten EPAs, die von Medizinern in verschiedenen Einrichtungen und Sprachen gelesen werden können, sicherere Behandlungen ermöglichen und Kosten reduzieren.

Der Aspekt der Mobilität steht in engem Zusammenhang mit Interoperabilität: Wenn die Standards für EPAs auf die Grenzen eines Landes beschränkt bleiben, führt dies zu neuen Hindernissen für Patientenmobilität. Dies bedeutet jedoch, dass Standards nicht nur Sprachbarrieren überwinden müssten, sondern auch die Unterschiede der Gesundheitssystem der verschiedenen Länder – von medizinischen Behandlungsmethoden bis hin zu der Art, in der Medikamente gekennzeichnet werden.

Der EU-Aktionsplan für E-Health (2004) behandelt die Entwicklung interoperabler Gesundheitssystemen in der gesamten Union bis 2010 als Priorität. Im Juni 2006 hat die Kommissionsabteilung IKT für Gesundheit eine neue Strategie angenommen, die eine Umstrukturierung der europäischen Gesundheitslandschaft zum Inhalt hat. Sie steht in Einklang mit dem politischen Rahmen i2010.

Kosten und Einsparungen

Nach vergleichsweise ursprünglich niedrigen Investitionen würden die elektronischen Patientenakten es den Ärzten und dem medizinischen Personal ermöglichen, die Ergebnisse medizinischer Untersuchungen in effizienterer Form auszutauschen. Es würde somit vermieden werden, dass eine ähnliche Untersuchung mehrere Male am selben Patienten durchgeführt würde, wenn dieser den Arzt oder das Krankenhaus wechselte.

Zudem könnten Computer genutzt werden, um zusätzliche Kosten zu senken, wie beispielsweise bei Verschreibungen für Medikamente oder Krankenhausaufenthalte und Reisekosten. Anonyme Gesundheitsdaten, die auf der Gesamtheit der Patienten basieren, könnten die Gesundheitsmärkte effizienter werden lassen. Beispielsweise könnten die Effektivität und die Sicherheit von Generika im Gegensatz zu Originalmedikamenten unabhängig und effizienter geprüft werden.

Das Forschungsunternehmen Rand schätzt, dass die Einführung elektronischer Patientenakten in den USA zu Einsparungen von etwa 80 Milliarden US-Dollar (55 Milliarden Euro) pro Jahr führen würde. Der Großteil dieser Einsparungen würde durch eine Verminderung der Aufenthaltsdauer von Krankenhauspatienten sowie der Pflegezeit, gefolgt von der verminderten Verwendung von Medikamenten der Tagespatienten, erreicht werden.

Wissenschaftler sind sich jedoch uneinig, ob elektronische Patientenakten letztendlich zu niedrigeren Kosten für nationale Gesundheitssysteme führen. Sie würden allerdings eine bessere Einschätzung der Diagnose ermöglichen, besonders wenn sie mit Genomforschung kombinierte würden. Es könnte erreicht werden, dass mehr Krankheiten und Mängel erkannt werden und schließlich besser behandelt werden können. Eine höhere Lebenserwartung könnte hieraus resultieren.

Analysten warnen, es werde viele Jahre dauern, bis das Potential elektronischer Patientenakten vollständig ausgeschöpft werden könne, da die Zahl der EPA mit der Zeit steigen werde. Eine Forschungsarbeit, die in den Archives of Internal Medicine veröffentlicht wurde, zeigte, dass es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Ergebnissen ambulanter Behandlungen mit oder ohne eine Verwendung von EPA gebe.

Datenschutz und -sicherheit

Elektronische Patientenakten beinhalten einige der persönlichsten Daten eines Menschen. Daher verdienen sie den höchstmöglichen Schutz vor jeglicher Art des Missbrauchs. Die Herausforderung ist eindeutig: Das Potential von EPA kann nur in vollem Umfang ausgeschöpft werden, wenn das medizinische Personal Zugang zu den benötigten Angaben hat. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass die Daten, die bei einer bestimmten Behandlung nicht benötigt werden, nicht zugänglich sind. Auch dürfen die Daten nicht von unbefugten Personen oder Einrichtungen weitergegeben oder eingesehen werden.

Jüngste Fälle von Datenverlusten im Vereinigten Königreich, in den USA und in Kanada haben verdeutlich, wie wichtig weitere effektive Schutzmaßnahmen sind. Eine Umfrage von November 2007 der britischen Zeitung The Guardian zeigte, wie entscheidend dies sein wird: Laut der Studie sind 60% der Allgemeinmediziner in Großbritannien nicht bereit, einer nationalen Datenbank die Daten ihrer Patienten zur Verfügung zu stellen. Sie fürchten, dass die sensiblen personenbezogenen Daten von Hackern und Erpressern gestohlen werden könnten. Laut einer vom britischen Medical Research Council durchgeführten Studie wird diese Meinung von der allgemeinen Öffentlichkeit geteilt.

Am 15. Februar 2007 haben die Mitglieder der Arbeitsgruppe „Artikel 29“ für nationalen Datenschutz ein Arbeitspapier über die Verarbeitung von Patientendaten in elektronischen Patientenakten (EPA) vorgelegt. Das Dokument warnt: „Aus Sicht des Datenschutzes ist allerdings darauf hinzuweisen, dass EPA-Systeme nicht nur mehr personenbezogene Daten verarbeiten können (z.B. in einem neuen Kontext erhobene oder angehäufte Daten), sondern dass diese Daten auch schneller einem größeren Kreis von Empfängern zur Verfügung gestellt werden können.“

Die Arbeitsgruppe fügte hinzu: „Aus Sicht des Datenschutzes bergen die EPA-Systeme, die die medizinischen Daten einer Person aus verschiedenen Quellen zentral erfassen und diese sensiblen Daten weiteren Kreisen leichter zugänglich machen, ein neues Risikopotenzial, das die Dimensionen des möglichen Missbrauchs medizinischer Daten einzelner Personen völlig verändert.“ In dem Papier legt die Artikel 29-Datenschutzgruppe eine konkrete Anleitung für Anbieter im Gesundheitswesen und Praktiker dar.

Einige der schwierigsten Fragen bei der Errichtung des EPA-Systems betrifft die Einführung integrierter und interoperabler Lösungen für die Kontrolle des Zugangs und für Datenschutzsysteme.

Positionen

Die Initiativen der EU im Bereich E-Health sollen sprachliche, administrative und technische Hindernisse beseitigen, um es den Menschen zu ermöglichen, behandelt zu werden, auch wenn sie sich nicht in ihrem Heimatland befinden, sagte die EU-Kommissarin für die Informationsgesellschaft Viviane Reding, als sie die Empfehlung zur Interoperabilität elektronischer Patientenakten (EPA) vorlegte. Sie erwarte, dass die Empfehlung und das SOS-Projekt (Smart Open Services Project) einen wichtigen Beitrag leisten würden, um in Notfällen das Leben von Patienten zu retten.

John Halamka, Medizinprofessor und Mitarbeiter eines Informationsbüros in den USA, schrieb im monatlichen Newsletter der Continua Health Alliance, Vertraulichkeit werde die persönliche Verantwortung eines jeden teilnehmenden Patienten, wenn der Patient ins Zentrum des Datenaustausch im Gesundheitswesen gerückt werde und wenn der Patient befähigt werde, Verwalter seine eigenen Daten zu werden. Patienten könnten auf ihre Akten zurückgreifen, die Privatsphäre kontrollieren und schließlich ihre Daten nur an diejenigen weitergeben, die diese benötigten. Da Politiken auf lokaler Ebene stattfinden, müssten die Sicherheitsstandards, die in die persönlichen Patientenakten integriert werden, flexibel genug sein, um eine hohe Heterogenität zu unterstützen.

Die New York Times zitierte David M. Cutler, Gesundheitsökonom an der Universität Harvard: Informationen seien ein zweischneidiges Schwert, besonders im Gesundheitswesen. Bessere Informationen könnten einige der größten Märkte der Pharmaindustrie zerstören. Es könnte ebenfalls die Nachfrage nach anderen Medikamenten in kleineren, spezialisierteren Märkten steigern. Wenn verbesserte Informationen wirklich dazu beitrügen, zu verstehen, was im Gesundheitswesen passiere, könne dies zu einer verbesserten Pflege von mehr Menschen führen und zu höheren Kosten des Systems insgesamt führen.

Der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME) erkennt die zunehmende Bedeutung der E-Health-Technologien für das Gesundheitswesen an. Deren Verwendung im Rahmen der medizinischen Tätigkeit werde stark geschätzt. Der Ärztevereinigung bemerkt, dass zwischen den 27 EU-Mitgliedstaaten enorme Unterschiede bestünden, was die Meinung der Ärzte über E-Health betreffe. Ursache hierfür seien verschiedene ethische Grundsätze, das Maß der Kontrolle, das Patienten über ihre Akten hätten, und den Grad der Integration von E-Health-Lösungen in die Gesundheitssysteme. CPME  erklärt zudem, dass weitere Studien und Entwicklungen notwendig seien, um die verschiedenen technischen und ethischen Ansätze in den Griff zu bekommen, da diese derzeit ein enormes Hindernis für die Idee eines EU-weiten Systems darstellten.

CPME glaubt außerdem, dass es allen Patienten, unabhängig von ihrem Hintergrund und der Art ihres Problems, ermöglicht werden sollte, sich medizinisch versorgen zu lassen und dabei sicher sein zu können, dass ihre vertraulichen Daten nur von medizinischem Personal eingesehen werden können, das diese Informationen benötigt, um die Patienten angemessen behandeln zu können. Der Patient solle kontaktiert werden und seine ausdrückliche Zustimmung für eine erweiterte Verwendung seiner Daten geben.

Zeitstrahl

  • 20. Dezember 2007: Offizieller Startschuss für die Leitmarktinitiative im Bereich E-Health.
  • 2. Juli 2008: Die Kommission legte einen Vorschlag für eine Richtlinie über die Rechte von Patienten bei der grenzübergreifenden Gesundheitsversorgung vor.
  • 2. Juli 2008: Die Kommission nahm eine Empfehlung zur grenzübergreifenden Interoperabilität elektronischer Patientenaktensysteme an.
  • 2. Juli 2008: Ein großangelegtes EU-Pilotprojekt (S.O.S.) für die Interoperabilität elektronischer Patientenakten und Verschreibungen über das Internet wurde ins Leben gerufen.

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