Open-Source-Software kurbelt EU-Wirtschaft „um 65 bis 95 Mrd. Euro“ an – Bericht

Eine neue Studie geht davon aus, dass Open-Source-Software enorme wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, aber eine aktive Industriepolitik fehlt. [Shutterstock] [Shutterstock]

Open-Source-Software hat das BIP der Europäischen Union im Jahr 2018 um 65 bis 95 Mrd. € gesteigert. Dies geht aus einem neuen Bericht hervor, den die Europäische Kommission am Montag (6. September) veröffentlicht hat.

Die Studie bewertet die Auswirkungen von Open-Source-Software und -Hardware auf die europäische Wirtschaft. Nach Schätzung der Studie haben europäische Unternehmen im Jahr 2018 1 Mrd. € in Open-Source-Software investiert und damit eine zusätzliche Wirtschaftsleistung zwischen 65 und 95 Mrd. € erreicht, was dem Luft- und Wasserverkehr zusammen entspricht.

„Open Source bietet politischen Entscheidungsträgern den Vorteil eines praktischen Neulandes. Europa hat die Chance, eine Vorreiterrolle zu übernehmen“, sagte Sachiko Muto, Geschäftsführer von OpenForum Europe, einer der beiden Organisationen, die den Bericht verfasst haben.

Bei Computersoftware, die auf Open Source basiert, kann ihr Quellcode von jedem aus beliebigen Gründen verwendet, analysiert und verändert werden. Grund dafür ist, dass der Urheberrechtsinhaber seine Lizenz für die öffentliche Zusammenarbeit geöffnet hat. Dies ist das Gegenteil von proprietären Lizenzen, bei denen der Eigentümer des Quellcodes die ausschließliche Kontrolle darüber behält, so dass niemand anderes ohne ausdrückliche Erlaubnis daran mitarbeiten kann.

Der Analyse zufolge würde ein jährlicher Anstieg der Beiträge zu Open Software um 10 % das europäische BIP um zusätzliche 0,4 % bis 0,6 % steigern und gleichzeitig mehr als 600 zusätzliche Start-ups im Technologiebereich in der Union hervorbringen.

Um diese wirtschaftlichen Vorteile nutzen zu können, wären jedoch erhebliche Investitionen in offene Technologien und maßgeschneiderte öffentliche Maßnahmen erforderlich. Die Studie untersucht die Fälle von Bulgarien, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und Spanien. Das sind die EU-Länder, die die ersten Schritte in diese Richtung unternommen haben.

Die Fallstudien zeigen erhebliche Unterschiede in Bezug auf Umfang und Effektivität auf. Es lässt sich aber der Schluss fassen, dass der Einsatz von Open Source anstelle von proprietärer Software der öffentlichen Verwaltung helfen kann, die Gesamtbetriebskosten zu senken, die Bindung an einen bestimmten Anbieter zu vermeiden und dadurch ihre digitale Autonomie zu erhöhen.

Dennoch wurden öffentliche Maßnahmen zur Förderung von Open-Source-Software als erfolglos eingestuft. Das erwies sich sowohl bei dem Versuch, den Aufbau von Kapazitäten durch Finanzierung oder Schulung zu fördern, als auch bei der bevorzugten Behandlung von Open-Source-Software in öffentlichen Beschaffungsverfahren.

Die Forscher stellten fest, dass in Ländern mit starken Software-Kapazitäten, wie China und Südkorea, Open Source eine Schlüsselkomponente der Industriestrategie war, anders als bei EU-Regierungen, die „einen eher laissez-faire Ansatz verfolgten“, da „die EU heute auf Rückzug ist, wenn es um die Leistungsfähigkeit in diesem Bereich geht“.

Der Umfang der institutionellen Kapazitäten für Open Source in Europa wird folglich unverhältnismäßig kleiner angesehen als der Umfang des wirtschaftlichen Wertes, den Open Source bereits in der EU schafft.

Die Studie enthält daher eine Reihe spezifischer Politikempfehlungen. Darunter findet sich insbesondere die Entwicklung einer speziellen Open-Source-Industriepolitik und die Aufnahme spezifischer Bestimmungen in die wichtigsten politischen Rahmenwerke, wie beispielsweise das Künstliche-Intelligenz-Gesetz.

Eine weitere Empfehlung ist die Einrichtung eines europäischen Netzwerks von Regierungsstellen. Diese sollen die Einführung von Open Technologies fördern und Mechanismen und Projekte zur Förderung von Open Source finanziell unterstützen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

Subscribe to our newsletters

Subscribe