Das verarbeitende Gewerbe kehrt in den Mittelpunkt der Debatte darüber zurück, wie Europa einen nachhaltigen Wachstumspfad einschlagen kann. So warnen Unternehmer davor, sich beim Wachstum zu sehr auf den Dienstleistungssektor zu verlassen.
Dem Lobbyverband BusinessEurope zufolge sind Vorhersagen von einprozentigem Wachstum nicht genug, um Beschäftigung zu schaffen und das europäische Sozialmodell halten zu können. Der Unterschied zwischen einem Wachstum von 1% und einem Wachstum von 2% liege in der Schaffung von 6,5 Millionen neuer Arbeitsplätze und einer Konsolidierung der öffentlichen Haushalte in Höhe von 450 Milliarden Euro – 7% des BIP – bis 2014.
Angesichts einer derartigen Prognose forderte Jürgen Thumann, Präsident von BusinessEurope, eine integrierte Industriepolitik, die sowohl das verarbeitende Gewerbe als auch den Dienstleistungssektor weiter entwickelt.
Er warnte davor, die Schwerindustrie nicht zu beachten. Die Beschäftigung im Dienstleistungssektor sei auf die Industrie angewiesen.
"Viele unserer Dienstleistungen würden ohne starke industrielle Basis verloren gehen", sagte er gestern (4. Februar) vor Treffen mit dem Präsidenten des Europäischen Rats Herman Van Rompuy, dem Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso sowie dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek.
Thumann will die EU-Spitzenpolitiker davon überzeugen, digitale Industrien auszubauen, den Binnenmarkt zu vollenden und den Eintritt europäischer Firmen in außereuropäische Märkte zu unterstützen.
Seine Haltung wurde von Andrea Moltrasio, Vizepräsident von Confindustria – einem italienischen Unternehmensverband – geteilt. Er warf Akademikern und politischen Entscheidungsträgern "Snobismus" in ihrer Haltung gegenüber der Industrie vor.
Das verarbeitende Gewerbe habe zumindest teilweise deswegen gelitten, da Fabriken nicht mehr in Mode seien. "Die Industrie ist Teil der Wissensgesellschaft. Wir brauchen eine neue industrielle Strategie, die im Mittelpunkt der EU-2020-Strategie stehen sollte", so Moltrasio.
Er forderte engere Verbindungen zwischen Universitäten und Unternehmen durch industrielle Cluster sowie Maßnahmen, um die Präsenz europäischer KMU im Ausland zu verstärken.
"Wir müssen den internationalen Handel vor allem in den Schwellenländern verstärken. Statt einzelner Maßnahmen individueller Regierungen sollte die EU Unternehmen bei der Internationalisierung unterstützen", sagte er.
Neue Wachstumsstrategie
Die Bedeutung wettbewerbsfähiger Exporte war nur ein genannter Aspekt in einem neuen, von BusinessEurope in Brüssel veröffentlichten Dokument mit dem Titel "Go for Growth".
Der Plan ruft zu strukturellen Reformen auf, mit denen Bürokratie abgebaut, die Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt verstärkt und die Tragfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme erhalten werden soll. Gleichzeitig soll das Gleichgewicht der öffentlichen Haushalte in Europa wieder hergestellt werden.
Er geht zudem ausführlich auf die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes ein, das für drei Viertel der EU-Exporte und der bedeutenden Mehrheit der privaten F&E-Ausgaben verantwortlich ist.
Der Abschluss der Doha-Runde der Handelsgespräche im Rahmen der WHO sowie der Abschluss bilateraler Freihandelsabkommen mit Südkorea, Indien und Länder Südostasiens seien für ein weiteres Wachstum von überragender Bedeutung.
Jedoch müsse ebenfalls sichergestellt werden, dass größere Handelspartner – Russland, China, Indien und Brasilien – ihren Verpflichtungen zu einem offenen Markt nachkommen.

