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Biokraftstoffe, Handel und Nachhaltigkeit [DE]

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Der Mangel an international geltenden Kriterien zur nachhaltigen Produktion und die Vielzahl verschiedener Maßnahmen auf Regierungsebene zum Schutz der heimischen Märkte halten die Entwicklung des weltweiten Biokraftstoffhandels zurück und könnten den Fortschritt der EU hemmen, ihrem Ziel, Öl im Verkehr schrittweise zu ersetzen, näher zu kommen.

Hintergrund

Als Teil der europäischen Strategie zur Verminderung der Abhängigkeit von Öl und zum Kampf gegen den Klimawandel verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der EU während des Europäischen Rates im März 2007, den Anteil der Biokraftstoffe im Verkehr bis 2020 von derzeit etwa zwei Prozent auf zehn Prozent zu erhöhen.

Europa ist im Verkehr zu 98% von Öl abhängig. Die beiden wichtigsten flüssigen Biokraftstoffe, die derzeit verfügbar sind, sind Ethanol und Biodiesel. Sie werden aus Agrarpflanzen wie Getreide, Zuckerrohr, Palmöl und Raps hergestellt. Die Sorge nimmt jedoch zu, dass eine gesteigerte Produktion derartiger Kraftstoffe in der EU ernsthafte negative Folgen für die Umwelt haben könnte – darunter der Rückgang der biologischen Vielfalt sowie Lebensmittel- und Wasserknappheit.

Ein Bericht der Agrarabteilung der Kommission betont den relativ bescheidenen Einfluss des zehnprozentigen Biokraftstoff-Ziels auf die Landnutzung in der EU (EURACTIV vom 30. Juli 2007). Dennoch erkennt die Kommission an, dass die heimische Landwirtschaft allein nicht ausreichen werde, um das Ziel zu erreichen, und dass ein erhöhter Import an Biokraftstoffen notwendig sei.

Derzeit werden 90% der weltweiten Biokraftstoffproduktion im entsprechenden Land selbst verbraucht. Der internationale Handel mit Biokraftstoffen wächst jedoch, da die Industrienationen erfahren, dass sie der steigenden Nachfrage nicht gerecht werden können. Daher wenden sie sich an Länder wie Brasilien, Indonesien und Malaysia, um diese Lücke zu schließen.

Auch wenn der zunehmende Handel vermutlich den Einsatz neuer, wahrscheinlich umweltfreundlicherer Kraftstoffe vorantreibt, bleiben große Sorgen bestehen, dass die gegenwärtigen Handelssysteme noch nicht bereit sein könnten, um den positiven Beitrag der Biokraftstoffe zu maximieren oder um Risiken zu minimieren.

Probleme

Protektionistische Tendenzen

Die hohen Produktionskosten von Biokraftstoffen und ihre im Vergleich zu herkömmlichen fossilen Brennstoffen vornehmlich umweltfreundlicheren Eigenschaften bedeuten, dass Regierungen dazu neigen, Hersteller zum Markteintritt zu ermutigen, indem sie ihnen Anreize anbieten – wie beispielsweise Steuerbefreiung und Subventionen.

Da es keine internationalen oder EU-weit gültigen Kriterien gibt, welche die Systeme zur Unterstützung von Biokraftstoffen bestimmen, haben die Länder eigene Systeme errichtet. Dies hat einen uneinheitlichen Markt geschaffen, der den Handel sowohl weltweit als auch in der Union behindert.

Zudem sind die Anreize oft auf die Förderung heimischer landwirtschaftlicher Rohstoffe und Interessen ausgerichtet statt auf die Förderung von Biokraftstoffen mit wirtschaftlichen, energetischen oder ökologischen Vorteilen.

In Frankreich beispielsweise stehen Steuervergünstigungen nur für Biokraftstoffe zur Verfügung, die sowohl in Frankreich hergestellt als auch auf dem französischen Markt verkauft werden. Hersteller aus anderen EU-Ländern sind somit ausgenommen und erfahren einen Wettbewerbsnachteil.

Die hohen Zölle, welche die EU und die USA für Ethanol verhängt haben sowie bestimmte Vorhaben wie Zolleskalation, um Entwicklungsländer anzuregen, unbearbeitete Rohstoffe statt vollständig umgewandelte Biokraftstoffe zu exportieren sind weitere Beispiele für protektionistische Tendenzen.

Fehlende weltweite Klassifizierung (WTO)

Das Fehlen einer eindeutigen Klassifizierung für Biokraftstoffe innerhalb des multilateralen Handelssystems ist ein weiterer entscheidender Faktor, der den Welthandel einschränkt. Importstandards sind von Land zu Land verschieden und man ist sich nicht einmal einig, ob Agrarkraftstoffe als ein Landwirtschafts- oder Industriegut verstanden werden sollen.

Handelsklassifizierung ist wichtig für die Zollsenkungsverpflichtungen der Länder sowie für die nationalen Unterstützungssysteme, die sie anwenden können.

Bisher wurden Kraftstoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden – wie beispielsweise Ethanol – unter dem Harmonisierten System zur Bezeichnung und Codierung der Waren (bekannt als HS) der Weltzollorganisation (WZO) als Agrargüter klassifiziert. Dies gewährt Landwirten einen relativ hohen Zollschutz für diese Güter. Biodiesel andererseits wird als Industrieprodukt angesehen.

Gleichzeitig setzte sich Brasilien in der mittlerweile gescheiterten Doha-Runde multilateraler Handelsgespräche stark dafür ein, dass Biokraftstoffe als ökologisches Gut klassifiziert werden sollten. Dies hätte sie zu einer beschleunigten Abschaffung von Zöllen berechtigt. Ein gemeinsamer Vorschlag der EU und der USA, Zölle für eine Liste von 43 Produkten, die von der Weltbank als umweltfreundlich eingestuft werden, vollständig abzuschaffen umfasst Solarzellenplatten und Windturbinen, jedoch nicht Biokraftstoffe (EURACTIV vom 10. Dezember 2007).

Ein vorgebrachtes Argument der EU und der USA ist, dass man vor dem Hintergrund der sich stetig verändernden Technologie die Frage der „Relativität“ von umweltfreundlichen Produkten in Erwägung ziehen müsse – die so genannte „sauber-vs.-sauberer-Debatte“. Was heute umweltfreundlich zu sein scheint, könnte in fünf Jahren nicht mehr als umweltfreundlich eingestuft werden. Die Sorge besteht darin, dass künftig verfügbare sauberere Technologien wie Biokraftstoffe der zweiten Generation, die aus nicht für Lebensmittel genutzten Pflanzen aus dem Wald hergestellt würden, keine zusätzlichen Handelsvorteile genießen könnten, wenn Zölle auf relativ umweltfreundliche Güter wie Ethanol vollständig abgeschafft würden.

Brasilien und andere Entwicklungsländer, die Bioethanol exportieren, darunter  Pakistan und Ägypten, sind jedoch der Ansicht, die EU und die USA verhielten sich protektionistisch und versuchten, ihren eigenen Herstellern einen Vorteil zu verschaffen.

Die Debatte steht in Zusammenhang mit einer weiteren zentralen Frage, mit der man sich auseinandersetzen muss: Sollten verschiedene Arten an Biokraftstoffen als „gleichartige Waren“ erachtet werden oder nicht? Im Hinblick auf Treibhausgasreduktionen, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bringen sie verschiedene Vor- und Nachteile mit sich.

Laut den Grundsätzen der „Antidiskriminierung“ und der „Meistbegünstigung“ fordert das WTO-Recht, dass die Mitglieder der Organisation für alle Importe von Produkten, die in hohem Maße austauschbar sind, ungeachtet deren Herkunftslandes die gleichen Zollsätze anwenden. Dies gilt sowohl für externe Zölle als auch für die interne Steuerpolitik. Gegen Länder, die diese Grundsätze nicht respektieren, kann die WTO rechtliche Schritte eingeleiten.

Nachhaltigkeitskriterien: „Grüner Imperialismus“?

Die Ausbreitung verschiedener technischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsstandards für die Herstellung von Biokraftstoffen – ohne ein System der gegenseitigen Anerkennung – führt zu weiteren Schwierigkeiten.

Die rein technischen Bestimmungen in der EU zeigen bereits, inwiefern Standards als Hindernisse auftreten können. Beispielsweise durch die Festlegung des maximalen Jodgehalts für in Biodiesel verwendete Pflanzenöle – auf Grundlage des Argumentes, diese eigneten sich für das kühlere europäische Klima besser – verhängt die EU praktisch ein Verbot für Biodiesel, das aus Palm- und Sojaöl hergestellt wird und unterstützt somit weithin ihre eigene Biokraftstoffpflanze: den Raps.

Die Einführung zusätzlicher ökologischer und sozialer Standards könnte noch größere Hindernisse zu schaffen, wenn sie nicht auf globaler Ebene, unter Beteiligung sowohl der Entwicklungs- als auch der Industrienationen entwickelt werden.

Es wird jedoch schwierig sein, eine Einigung auf internationaler Ebene zu erlangen. Viele Entwicklungsländer sehen sich Versuchen ausgesetzt, dass Nachhaltigkeitskriterien als eine Art „grüner Imperialismus“ eingeführt werden. Die Interessen der Entscheidungsträger sind sehr verschieden: von rein kommerziellen Zwecken und dem Ziel, den Regenwald zu schützen über das Verbot, gentechnisch veränderte Pflanzen zu verwenden bis hin zur Vermeidung von Kinderarbeit. Ein Kompromiss könnte daher zu übermäßig detaillierten Regeln führen, die wiederum die Einhaltung erschweren und Standards verursachen könnten, die derart allgemein sind, dass sie bedeutungslos werden.

Der Runde Tisch zum Thema nachhaltige Biokraftstoffe - eine internationale Initiative, die Landwirte, Unternehmen, NGO, Experten, Regierungen und internationale Behörden zusammenbringt – stellte im August 2008 nichtsdestotrotz ihre ‚Version Zero für Nachhaltigkeitsstandards’vor und unternahmen damit als erste den Versuch, einen internationalen Standard für die Produktion von Biokraftstoffen zu entwickeln. Die vorgeschlagenen Standards umfassen die Einhaltung internationaler Verträge über Arbeitsbedingungen und Menschenrechte, die Notwendigkeit für eine „bedeutende“ Senkung der Lebenszyklustreibhausgasemissionen im Vergleich zu fossilen Brennstoffen, die Achtung von Gemeinschaften und Landrechten, die Notwendigkeit für die Sicherstellung der Lebensmittelsicherheit sowie eine möglichst geringe Bodendegradation, Absenkung des Grundwasserspiegels, Luftverschmutzung und Bedrohung der Artenvielfalt.

Nach einem sechsmonatigen Austausch mit Interessenvertretern soll im April 2009 eine überarbeitete und detaillierte ‚Erste Version’ der Standards veröffentlicht werden. Der Runde Tisch plant derzeit jedoch kein bindendes Zertifizierungssystem, da die Umsetzung teuer und die Quelle gepanschter Biokraftstoffe schwer herauszufinden ist.

Interne Probleme

Unterdessen versucht die EU, ihre eigenen Kriterien zu schaffen, wobei jedoch bereits interne Uneinigkeiten auftauchen. Einerseits schlug die Kommission in ihrem Richtlinienentwurf für erneuerbare Energien vom 23. Januar 2008 vor, dass der Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe in Naturschutzgebieten, Wäldern, Feuchtgebieten und stark biologisch vielfältigen Weideländern verboten werden sollte. Auch sollte eine Verpflichtung eingeführt werden, nach der Biokraftstoffe in einem Lebenszyklus CO2-Einsparungen in Höhe von mindestens 35% im Vergleich zu fossilen Brennstoffen erlangen müssen. Europaabgeordnete sind jedoch der Meinung, das Ziel für CO2-Reduktionen innerhalb eines Lebenszyklus sollte bei 50% liegen. Sie bestehen zudem auf die Einführung sozialer Kriterien.

Die Europaabgeordneten bestehen jedoch auf strengere Bedingungen. Im September 2008 hat der Industrie- und Energieausschuss einen Bericht angenommen, der fordert, dass Biokraftstoffe im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen 45% weniger CO2-Emissionen verursachen sollen. Diese Einsparung solle bis 2015 auf 60% steigen. Sie bestanden ebenfalls auf zusätzliche soziale und ökologische Kriterien, um natürliche Ressourcen zu schonen und um die Einhaltung der Menschenrechte sowie angemessene Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in der Biokraftstoffindustrie zu gewährleisten. Außerdem sollten CO2-Emissionen berücksichtigt werden, die beim Anbau der Rohstoffe und durch Flächennutzungsänderungen entstünden.  

Zur Aushandlung eines Kompromisses zwischen den 27 Mitgliedstaaten zu dem Thema, wurde Ende Februar 2008 eine besondere Ad-Hoc-Arbeitsgruppe eingerichtet, die zum Ziel die Erarbeitung von Kernkriterien für Biokraftstoffe hat (EURACTIV vom 1. April 2008). Nach Monaten interner Streitigkeiten, scheinen die EU-Botschafter im September übereingekommen zu sein. Allerdings ist noch die Zustimmung der Minister erforderlich und ihr Konsens könnte deshalb nach Verhandlungen mit dem Parlament noch geändert werden. Der Kompromiss basiert auf einem Zwei-Phasen-Ansatz, der zunächst eine Emissionsminderung um 35% vorsieht, die bis 2017 aber auf mindestens 50% erhöht werden soll. Für Details siehe EURACTIV vom 1. September 2008

Die finalen Bestimmungen für die Emissionsminderungen im Produktlebenszyklus werden für die Biokraftstoff-Industrie entscheidend sein. In der Tat kann Biodiesel aus Raps, der in Europa angebaut wird, im Schnitt zu einer Reduktion der CO2-Emissionen um 44% beitragen, während der Durchschnittswert für Ethanol aus europäischen Zuckerrüben 48% beträgt. Zahlenmaterial zufolge, das von der EU bereitgestellt wurde, spart Biodiesel aus Palmöl, das in Ländern wie Malaysia und Indonesien hergestellt wird, in der Regel nur zwischen 32% und 38% ein. 

Es bleibt jedoch unklar, ob die Welthandelsorganisation die von der EU geplanten Nachhaltigkeitskriterien billigen wird. Im Allgemeinen lehnt sie Versuche ab, verpflichtende Kennzeichnungssysteme zu entwickeln. Selbst freiwillige Systeme sind nur unter der Bedingung des freien Wettbewerbs erlaubt und wenn keinerlei Maßnahmen ergriffen werden, die den Handel mit nicht zugelassenen Gütern verhindern. Zudem sind soziale Aspekte, Arbeitsnormen oder Menschenrechtskriterien unter WTO-Regeln unzulässig, während bestimmte ökologische Standards als akzeptabel erachtet werden.

Ein Potential für Handeldefizite

Wenn es den WTO-Mitgliedern nicht gelingt, diese Aspekte in aktiver Weise anzugehen, ist es wahrscheinlich, dass sie durch Gerichtsverfahren auf unsystematische Weise behandelt werden. Es deutet sich bereits an, dass sich der nächste Streit der WTO um Biokraftstoffe drehen könnte.

Die Kommission sagte, sie ziehe eine Anfrage ihrer Biokraftstoffhersteller in Erwägung, bei der WTO eine Beschwerde gegen enorme Biodiesel-Subventionen seitens der USA einzulegen (EURACTIV vom 17. Oktober 2007). Brasilien hat bereits darauf hingewiesen, dass es bereit sei, die Rechtmäßigkeit übertriebener Nachhaltigkeitskriterien anzufechten, welche die EU seinen Handelspartnern der WTO verhängt hat. Das Land betonte, dass die brasilianischen Biokraftstoffe ökologischen, sozialen und auf Arbeitskräfte bezogenen Kriterien gerecht würden.

Positionen

Energiekommissar Andris Piebalgs sagte, eine rein inländische Gewinnung von Biokraftstoffen sei – angesichts der gegenwärtigen Handelsregelungen und der erhöhten Handelsliberalisierung, die man sich in der Zukunft erhoffe – weder wahrscheinlich noch wünschenswert. Daher schlussfolgert er, die EU müsse sicherstellen, dass ihre Biokraftstoffstandards keine unnötigen Hindernisse schafften.

EU-Handelskommissar Peter Mandelson sagte, Europa werde bereit sein, zu akzeptieren, dass man einen Großteil der Biokraftstoffressourcen importieren werde. Man solle nicht erwägen, die Herstellung von Biokraftstoffen in der EU mit schlechten CO2-Werten durchzuführen, wenn man billigere und sauberere Biokraftstoffe importieren könne. Nationalismus im Bereich der Ressourcen sei in anderen Energiebereichen nicht sonderlich dienlich, dies sei bei Biokraftstoffen nicht anders.

Mandelson sagte, er sei überzeugt, dass Entwicklungsländer von der Expansion des Biokraftstoffbereichs gewinnen könnten. Viele Entwicklungsländer verfügten über freie Agrarkapazitäten und einen besonderen Vergleichsvorteil bei der Produktion. Zudem zeichneten sie sich durch ein Klima- und Länderprofil aus, das zu den energiereichen Biokraftstoffen passe.

Der brasilianische Präsident Lula Da Silva bemerkte, trotz der Tatsache, dass die Schaffung eines starken Biokraftstoffmarktes in armen Ländern eine wichtige mögliche Quelle für die Schaffung von Arbeitsplätzen darstelle, bleibe die Biokraftstoffherstellung für viele Entwicklungsländer aufgrund der Agrarsubventionen und hohen Zölle der reichen Länder nicht realisierbar.

Brasiliens Handelsminister Roberto Azevedo stimmte zu, dass Brüssel versuche, die Interessen der europäischen Landwirtschaft zu schützen – insbesondere indem es Biokraftstoffe aus dem geplanten zollfreien „grünen Abkommen“ der WTO ausnimmt. Der Ausschluss von Biokraftstoffen sei besonders auffällig. Er führe zu ernsthaften Bedenken über die wahren ökologischen Absichten der Befürworter.

Malaysias Minsiter für Plantagen und Güterproduktion Datuk Peter Chin forderte die EU auf, zu gewährleisten, dass die von ihr angelegten Kriterien wissenschaftlich nachvollziehbar seien und niemanden diskriminierten. Er verwies dabei auf den Malaysian Palm Oil Council (MPOC), der festgestellt hatte, dass die Zahlen und die angewendete Methodik in den aktuellen Vorschlägen der EU zum Thema Biokraftstoffe zu einem unfairen Wettbewerbsnachteil für Biodiesel aus Palmöl resultieren führten. Die durchschnittlichen CO2-Einsparungen, die durch die Verwendung von Biodiesel aus Palmöl erzielt werden könnten, würden in dem Bericht um mindestens 20% unterschätzt. Dem Generaldirektor des MPOC Dr. Yusof Basiron zufolge sei in Malaysia Palmöl verfügbar, dessen Nachhaltigkeit nachgewiesen worden sei. Man vertraue darauf, dass die EU die Einfuhr dieses Öls auf den europäischen Markt erlauben werde. 

Mandelson betonte jedoch, dass die Entwicklung eines Marktes für Biokraftstoffe an die ökologische Realität angepasst werden müsse und verteidigte die Vorschläge der EU für Nachhaltigkeitskriterien. Die Europäer würden keine Prämie für Biokraftstoffe zahlen, wenn das Ethanol in ihrem Auto nicht nachhaltig produziert werde, indem man Felder nach den Ernten abbrenne oder dies zulasten der Regenwälder geschehe. Man könne die Umstellung auf Biokraftstoffe nicht zu einer ökologisch nicht-nachhaltigen Flucht in die Entwicklungsländer werden lassen.

Auf keinen Fall seien Nachhaltigkeitskriterien für Biokraftstoffe ein Zeichen für „grünen Protektionismus“ seitens der EU, stimmte Soledad Blanco, Direktorin der Generaldirektion Umwelt der Kommission, zu. Sie stünden im Zusammenhang mit den gerechtfertigten Umweltbedenken der Bürger Europas und weltweit. 

Die Weltbank prognostiziert, dass die Kennzeichnung von Biokraftstoffen nach deren ökologischer Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren das wohl größte technische Hindernis für den Handel werden könnte. Daher fordert sie die Industriestaaten auf, den weltweiten Einfluss ihrer inländischen Politik auf die Herstellung von und den Handel mit Biokraftstoffen zu analysieren, insbesondere im Hinblick auf Entwicklungsländer.

In einem Bericht mit dem Titel „Sustainability Criteria and Certification Systems for Biomass Production” (deutsch: Nachhaltigkeitskriteren und Kennzeichnungssystem für die Herstellung von Biomasse), der von der GD Verkehr und Energie der Kommission entworfen wurde, bestätigt das Beratungs- und Forschungsunternehmen Biomass Technology Group (BTG), das sich auf die Energieerzeugung aus Biomasse spezialisiert hat, dass die Schaffung von Kennzeichnungssystemen dem Markt überlassen werden und auf freiwilliger Basis bleiben sollte. Die Probleme der WTO könnten vermieden und andere Ziele im Hinblick auf ökologische und soziale Folgen könnten unter einem freiwilligen System leichter erzielt werden, so der Bericht.

BTG sagt weiter, wenn es nur in der EU Standards gebe, würden Exporteure sich schlicht den Märkten zuwenden, die keine Zertifizierung verlangen.

NGOs wie Friends of the Earth, Biofuelwatch  und Corporate Europe Observatory stellten jedoch die Rechtmäßigkeit eines freiwilligen Zertifizierungsprogramms infrage: Diese seien oft stark von wirtschaftlichen Interessen dominiert.

Zudem sagt Almuth Ernsting von Biofuelwatch, sie denke nicht, dass durch eine Kennzeichnung Gefahren für Lebensmittelsicherheit, Wasser, Böden und Wälder gelöst würden: Die Herstellung von Biomasse zu zertifizieren, werde immer als möglich bezeichnet. Niemand scheine zu fragen, ob es wirklich realistisch sei, ein System zu entwickeln, das dieses Problem lösen könne. Man glaube nicht, dass ein solches System realisierbar sei.

Die europäischen Landwirte weisen ebenfalls die Annahme zurück, dass die Öffnung der EU für Importe von billigen Biokraftstoffen der Umwelt nutzen werde: Mandelson müsse die Tatsachen richtig verstehen, sagte Pekka Pesonen, Generalsekretär des EU-Agrarlobbyisten Copa-Cogeca. Er beschuldigte den Kommissar, die Augen vor den wirtschaftlichen Wahrheiten in den Entwicklungsländern zu verschließen.

Der internationale Kostenvorteil von beispielsweise der brasilianischen Herstellung beruhe stark auf billigem Land, das durch die Zerstörung des Regenwaldes und unberührten Savannen gewonnen werde sowie auf der Ausbeutung von Arbeitern bis hin zu Sklavenarbeit, betonte Pesonen. Er fügte hinzu, Mandelson müsse verstehen, dass es bei der Biokraftstoffpolitik auch um die Verbesserung der Energieunabhängigkeit der EU gehe. Niemand sage, die EU solle sich für Importe verschließen. Kurzerhand den Beitrag zurückzuweisen, den europäische Landwirte leisten könnten, damit die EU ihren Energiebedarf in nachhaltiger Form decken könne, wie dies Mandelson tue, sei ein Vorgehen, das man beispielsweise von einem brasilianischen Exportminister erwarten könne, jedoch nicht vom Handelskommissar der EU.

Henry Lee, Direktor des Programms für Umweltschutz und natürliche Ressourcen an der Harvard-Universität, glaubt, ein zu hoher Standard behindere jegliche bedeutsame Fortschritte. Zertifizierungsnormen könnten die Entwicklung von Biokraftstoffen deutlich ankurbeln oder stark behindern, erklärte er dem Worldwatch Institute zufolge. Das Hauptproblem sei, dass man mit Vorschriften für Biokraftstoffe alle Probleme – auf dem Land, in der Luft, die Umwelt, Kinderarbeit – gleichzeitig in den Griff bekommen wolle, und dass die Menschen da nicht mitmachen würden. Hinzu komme, betonte er, dass die Staats- und Regierungschefs der Entwicklungsländer Vorschläge für internationale Normen als ganz typischen Versuch der Industrieländer, die Entwicklungsländer davon abzuhalten, mit Rohstoffen Gewinne zu erzielen, ansähen, so Lee.

Zeitstrahl

  • April 2007: Die EU, die USA und Brasilien einigten sich auf einen Fahrplan für Biokraftstoffstandards und skizzierten in diesem die notwendigen Schritte, um eine bessere Kompatibilität ihrer Biokraftstoffstandards zu erreichen.
  • Februar 2008: Eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe wird vom EU-Rat gegründet und soll zu einer Einigung über die wichtigsten Kriterien für nachhaltige Biokraftstoffe beitragen.
  • August 2008: Der „Runde Tisch zum Thema Biokraftstoffe“ – eine internationale Initiative verschiedenster Interessensvertreter – legt einen ersten Vorschlag zur Einführung eines internationalen Standards für die Biokraftstoffproduktion vor.
  • 8. Oktober 2008: Abstimmung des Europäischen Parlaments in erster Lesung über die EU-Politik im Bereich Biokraftstoffe (Richtlinie zu erneuerbaren Energien).

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