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Umfrage: Britische Jugend ist pro Europa

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

Großbritannien hat sich mit dem Brexit-Votum selbst in die Krise manövriert. [Foto: dpa.]

Standpunkt von Hermann BohleEine aktuelle Meinungsumfrage gibt Grund zur Hoffnung: Junge Briten sind pro-europäischer als ihre älteren Mitbürger. Das ist gut für Großbritannien und das ist auch gut für die EU – denn beide brauchen einander. Höchste Zeit, dass die britische Regierung das begreift.

Der Autor


Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.

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"Junge Briten (18-24jährig) sind deutlich pro-europäischer als die Älteren." So fasst The Independent 16. Dezember die Ergebnisse einer Umfrage des britischen Meinungsforschungsinstituts ICM-Research zusammen. 41 Prozent wollen demnach in der EU bleiben, bei den über 65-Jährigen sind es nur 35 Prozent. Die Mehrheit der Jungen Briten ist sogar den Arbeit suchenden EU-Zuwanderer wohlgesonnen. Denn auch sie wollen in Europa arbeiten können, bejahen also die "Zweibahnstrasse".
 
Dass Großbritanniens junge Leute ein – jedenfalls auf den Inseln – neues Denken verlangen, unterscheidet sie von ihrem Premierminister David Cameron. Am 23. Januar dieses Jahres hatte er massive EU-Vertragsänderungen verlangt und eine Volksabstimmung über Großbritanniens Verbleib in der Union für 2017 in Aussicht gestellt. Die neue Ungewissheit beginnt bereits, Auslandsinvestoren von Britannien abzuschrecken.

Zeit für Klarheit, nicht erst in vier Jahren!

40 Jahre nach Beitritt 1973 des Vereinigten Königreichs besteht ein Recht darauf zu wissen, mit wem wir es dort europapolitisch zu tun haben. Historisch längst überfällig ist – 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkriegs, des europäischen Harakiri – der Eintritt des intern definitiv gefestigten EU-Europas in die gesamteuropäische Politik mit Russland – und in die Weltpolitik.

Mit den erfahrenen Briten lässt sich Europa in der künftig neuen Weltordnung  mächtiger Blöcke besonders wirksam in Position bringen. Die Welt von Übermorgen steuern nicht mehr (wie bisher) deren 7 Prozent Europäer (die Russen selbstverständlich mitgezählt) oder 11 Prozent "Westler". Der europäische Einfluss auf das bevorstehende, ganz neue – sogar neuartige! – Weltgeschehen ist nun von höchster Dringlichkeit.

Immer noch ist aber Großbritanniens europäische Rolle ungewiss – über 60 Jahre nach dem Beginn der europäischen Einigung. Die ganze EU lähmt das. Die Lust, weiter auf London zu warten, sollte auf dem Kontinent langsam an Grenzen stoßen. Typisch die eingangs zitierte Cameron-Rede:  Eingangs halbwegs pro-europäisch, am Ende dann auch wieder. Das Zwischenstück klang anders.

Schon Bismarck fand den Umgang mit London schwierig. Wissenswert, wie der Reichskanzler, bis heute ein Lehrer der Staatskunst, sich an den Umgang mit Großbritannien erinnerte: "Die Politik einer jeden Großmacht wird immer wandelbar bleiben im Wandel der Ereignisse und der Interessen, aber die englische ist darüber hinaus von dem Wandel abhängig, welcher sich durchschnittlich alle 5 bis 10 Jahre in dem Personalbestande des Parlaments und des Ministeriums zu vollziehen pflegt." Wobei zu den Zeiten des Reichskanzlers für "Ministerium" stand, was man heute Regierung nennt.

Was tun anno 2014? Soll die befreundete, jedenfalls aber alliierte Außenwelt den britischen Unberechenbarkeiten, die der dortigen Demokratie offenbar innewohnen, Opfer bringen, auf dass London nach Europa finde, irgendwann doch noch als vollwertiger Partner? Bismarck sah eher Grenzen für vergleichbare Situationen: "Um das Wohlwollen oder den Fortbestand eines englischen Ministeriums durch fortdauernde Opfer erkaufen zu wollen, dazu sind dort die Cabinette zu kurzlebig." 2014 heißt das: Mit den hier beschriebenen Problemen muss das Vereinigte Königreich selbst fertig werden – also die eigene "europäische" Zielsetzung definieren.

Ob es die Briten wie die klugen Franzosen machen, die schon 1949/50 Autoren des einzigartigen EU-Friedensprojekts waren? Sie erkannten früh, wie das vereinte, eines Tages mächtige Deutschland in der Mitte Europas zur europäischen Föderationsmacht würde – zwangsläufig. Die man aber beim Rudern unbedingt begleiten wollte und will, um (bitte!) gemeinsam zu steuern!

Nützliche Sorgen vor den starken Deutschen

Auch mancherlei Sorgen vor einem allzu starken Deutschland gebieten die im Innern konsolidierte EU. Kaum wen in Europa würde eine exklusiv-deutsche EU-Animatorenrolle beglücken. Erstrecht nicht nach dem militärischen Abzug der Amerikaner aus Europa… bei teilweiser Abwendung nach Asien.

Edward Heath, der Britannien 1973 in die Union führte, formulierte die "Wahrheit von 2014"  bereits 1967: "Europe seeks to survive as a political entity, not in order to preserve illusions of power, but so as to contribute to a solid pillar upon which world security can be built and on which world peace may rest."
   
Warum haben breite Kreise der britischen Politik das 2014 noch immer nicht begriffen? Von Londons Außenminister Arthur Balfour (1916/19) ist ein Bonmot überliefert: "Ich glaube, es ist viel besser, eine erprobte Dummheit zu begehen als etwas Kluges zu versuchen, das noch nie gemacht worden ist." Mit dieser "Philosophie" hätte es das einige Europa nie gegeben.

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